Schlagwort: Bauteile

  • So lange, bis die Chemie stimmt

    So lange, bis die Chemie stimmt

    Dass sie ihr Gebiet von A bis Z beherrscht, verdankt sie, wie sie betont, auch Knowhow, das Kollegen an der Empa aufgebaut hatten – wie der Ingenieur Gabor Kovac. Er trieb die Herstellung von Stapelaktuatoren mit dehnbaren Silikonscheibchen über viele Jahre voran und entwickelte sie mit seinem Partner Lukas Düring zur Einsatzreife, bis ihr Spin-off «CTsystems» vor kurzem vom Konzern Daetwyler übernommen wurde.

    «Die Geräte für Messungen, wie sich Aktuatoren bei verschiedenen elektrischen Feldern dehnen, wurden von ihnen entwickelt», erzählt Opris, «wir waren früh auf diesem Thema, und das hat mir enorm geholfen.» Anders als die Kollegen arbeitet die Chemikerin freilich weniger an der Technologie zum Druck solcher Bauteile, sondern eine «Etage darunter» – an der Synthese neuartiger Polymere, die sich als nicht-leitende Schichten für Stapel-Transistoren, elastische Folien zur Stromerzeugung und andere Elemente eignen.

    Das Wunschprofil: möglichst dünn, mit dem Fernziel von vielen Schichten von nur zehn Mikrometern Dicke; gut dehnbar, empfindlich auf niedrige Stromspannung und zugleich robust. Und vor allem: druckfähig, also ohne Lösungsmittel für die leitenden Schichten, zwischen denen die Polymere liegen. «Durch Lösungsmittel kann es passieren, dass die Polymerschichten beschädigt werden. Ausserdem müsste das Material lange trocknen, um keine gesundheitsschädlichen Dämpfe abzugeben», erklärt Opris, «deshalb versuchen wir, ohne sie auszukommen – mit der richtigen Chemie.»

    Vielfältige Anforderungen, mit denen sich Forschende in aller Welt beschäftigen. Geeignete Verbindungen, die Hoffnungen wecken, sind ­Polysiloxane, an denen auch die Empa-Spezialistin arbeitet. Ein wichtiger Vorzug dieser Polymere: Sie lassen sich relativ leicht synthetisieren; das «Rückgrat» ihre Stränge ist sehr beweglich – und sie können mit polaren Gruppen, also plus-minus-geladenen Molekülen, gezielt manipuliert werden.

    Schlangenartige Moleküle
    Was für Laien schwer verständlich ist, erklärt Dorina Opris mit einem anschaulichen Bild: «Diese Polysiloxane kann man sich vorstellen wie einen Topf voller Schlangen, die sich ständig bewegen wollen.» Die polaren Gruppen wirken zweifach auf sie. Zum einen machen sie die molekularen Schlangen empfindlicher für elektrische Felder, damit sie auf niedrige Spannungen reagieren. Zum anderen wirken sie wie eine Art Klebstoff zwischen den Molekülen; das «versteift» sie und verringert damit die wichtige Elastizität. Es gilt, beide Effekte fein zu justieren, um maximalen Erfolg zu erzielen. Für einen Einsatz in der Praxis ist der Übergang vom festen zum elastischen Zustand bei tiefen Temperaturen wichtig, damit die Technologie später bei Raumtemperatur anwendbar ist. Zudem müssen solche Polymergebilde noch chemisch «vernetzt» werden, damit daraus elastische Schichten werden können – etwa durch UV-Licht und mit Hilfe von sogenannten Endgruppen: quasi molekulare «Hüte», die die Schlangen an ihren Enden tragen. Doch in der Laborpraxis erweist es sich bisher als knifflig, diese Polymere zuverlässig mit definierten Endgruppen zu versehen. «Das ärgert mich schon!», gesteht Opris mit einem Lächeln.

    Gesunden Ehrgeiz braucht es für das TRANS-Projekt, das sie Chemikerin selbst «sehr, sehr ambitioniert» nennt. Optimistisch stimmt das Team, dass frühere Arbeiten bereits ermutigende Resultate lieferten; wie zum Beispiel eine Polysiloxan-Verbindung, die auf eine Spannung von nur 300 Volt reagierte und sich stark verformte – ein extrem niedriger Wert. Kondensator-Schichten ohne Lösungsmittel zu drucken, ist ebenfalls bereits gelungen. Und ein Doktorand hat kürzlich ein piezo-elektrisches Elastomer entwickelt, dass, wenn es gedehnt wird, eine deutlich höhere elektrische Reaktion zeigt als andere, derzeit gängige Verbindungen.

    Kreativität und Teamgeist für Erfolge
    Um verwertbare Erfolge zu erzielen, sind freilich noch viele weitere Schritte nötig – und jene Qualitäten, die Dorina Opris an die Empa und an die ETH Zürich gebracht haben. Nicht nur Stehvermögen und die Fähigkeit, Fehlversuche in Fortschritte zu verwandeln, sondern auch ein inspirierendes Umfeld für Mitarbeitende zu schaffen, das offene Debatten und auch Irrtümer erlaubt, damit gute Ideen entstehen.

    Und vor allem: Optimismus. Jungen Forschenden sollte man, so findet die Chefin, spannende und fordernde Projekte geben und sie dann selbstständig arbeiten lassen, damit sie motiviert bleiben. Ihr Rat an talentierte Frauen anhand ihrer eigenen Biografie: «Warte nicht, bis Dich jemand drängt zu forschen. Du musst eigenmotiviert und stark sein, und ziehe es durch! Und geh auch mal ein Risiko ein.»

  • Herausforderungen machen erfinderisch

    Herausforderungen machen erfinderisch

    Repräsentative Fassade aus gebrauchten Materialien
    Die Aufgabe: Ausgerechnet für die Fassade eines prominent am Zürcher Hauptbahnhof gelegenen Verwaltungsbaus sollen einfache, gebrauchte Alltagsmaterialen und -bauteile zum Einsatz kommen. Gleichzeitig will die real am Workshop vertretene Bauherrschaft den Ersatz der Fassade nutzen, um der Liegenschaft einen repräsentativen Ausdruck zu verleihen.

    Aus zur Verfügung gestelltem gebrauchtem Material sollen die Studierenden in kleinen Gruppen einen Entwurf für die Fassade erstellen. Sie sollen städtebauliche, konstruktive und atmosphärische Aspekte diskutieren und entwickeln. Und schliesslich sollen sie einen Ausschnitt aus der Fassade in Originalgrösse bauen. Unterstützt und angeleitet werden die Studierenden von ZHAW-Dozierenden und internationalen Fachleuten.

    Das Materiallager enthält verschiedene gebrauchte oder übriggebliebene Bauteile. Jede Gruppe bekommt ein anderes Material als Ausgangspunkt für ihre Gestaltungsidee: Spiegel, Stahlgitter, Rasengittersteine, Dachziegel, Profilbleche oder glasfaserverstärkter Kunststoff.

    Kreative Lösungen
    Die herausfordernde Aufgabe, der Liegenschaft mit einfachen, gebrauchten Alltagsmaterialen einen gestalterisch attraktiven und repräsentativen Ausdruck zu verleihen, führt zu überraschenden Ergebnissen: Die Studierenden deuten Rasengittersteine zu kunstvollen Stilelementen um.

    Rasengittersteine werden wiederverwendet und zum kunstvollen Stilelement umfunktioniert.

    Sie hinterleuchten Kunststoffpaneele, die gleichzeitig einen thermischen Puffer schaffen. Sie arrangieren Dachziegel mit variierenden Reliefs und Lackierungen zu belebten Oberflächen.

    Hinterleuchtete Kunststoffpaneele schaffen eine thermisch isolierende Pufferschicht.

    Um dem nüchternen Verwaltungsbau Wohnlichkeit einzuhauchen, kombiniert eine Gruppe Studierender französische Balkone mit verzinkten Treppentritten, die zugleich Halt für eine Fassadenbegrünung bieten.

    Dachziegel mit variierenden Reliefs und Lackierungen werden zu belebten Oberflächen.

    Eine andere Gruppe nutzt Spiegel aus dem kurz zuvor abgerissenen Winterthurer Kantonsspital als schräg eingesetzte Fensterlaibungen und gibt der Fassade damit eine surreal verspielte Anmutung.

    Französische Balkone mit verzinkten Treppentritten sorgen für Wohnlichkeit und bieten Halt für eine Fassadenbegrünung.

    Wertschätzung für den Bestand
    Die Suche nach Qualitäten im scheinbar Wertlosen verändert den Blick der Studierenden auf den ortsfesten Bestand. Einige Studierende nehmen die Aufgabenstellung so ernst, dass sie sie infrage stellen: Ist ein Ersatz der bestehenden Fassadenelemente, wie er in Realität vorgesehen ist, überhaupt nötig? Kann es gelingen, die bestehende Fassade zu erhalten und für die neue Nutzung umzurüsten? Eine Gruppe Studierender schlägt in ihrem Projekt vor, die bestehende Fassade zu sanieren und das dafür benötigte Gerüst später am Gebäude zu belassen – um damit neue Lebensräume im Aussenraum zu schaffen.

    Spiegel als schräg eingesetzte Fensterlaibungen verleihen der Fassade eine surreal verspielte Anmutung.

    Ganz nebenbei wächst in der Workshop-Woche auch eine Erkenntnis. Die Architektur der Wiederverwendung kann zwar vielfältige architektonische Haltungen und Ausdrucksformen hervorbringen – sie alle gründen aber auf einer gemeinsamen Basis: dem respektvollen und behutsamen Umgang mit bereits gebautem Bestand.

    Die bestehende Fassade soll saniert werden. Das dafür genutzte Gerüst bleibt auch nach der Sanierung am Gebäude und schafft neue Lebensräume im Aussenraum.
  • Baden startet Pilotprojekt zur Wiederverwendung im Gebäudepark

    Baden startet Pilotprojekt zur Wiederverwendung im Gebäudepark

    Die Stadt Baden steht laut einer Medienmitteilung im Mittelpunkt eines neuen  Forschungsprojekts über die Wiederverwendung von Bauteilen auf Städteebene. Das Forschungsprogramm Gebäude und Städte des Bundesamts für Energie (BFE) wird mit Beteiligung des Zürcher Unternehmens intep (Integrale Planung GmbH) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) mit Baden als Fallbeispiel seit Januar umgesetzt.

    Das Projekt läuft während rund zwei Jahren und wird massgeblich vom BFE finanziert. Die Stadt Baden trägt rund einen Viertel der Projektkosten und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) beteiligt sich ebenfalls daran. „Die Stadt Baden wird von massgeschneiderten Erkenntnissen, insbesondere für die stadteigenen Bauprojekte und die laufende Revision der Nutzungsplanung, profitieren“, wird Stadtammann Markus Schneider zitiert.

    Beim Forschungsprojekt „Re-Use auf dem Weg zum Netto-Null-Ziel bei Gebäuden“ stehe nicht das Recycling von Bauteilen, sondern die direkte Wiederverwendung in anderen Gebäuden im Mittelpunkt. Für das Projekt werden Bauteilflüsse modelliert, die Umweltwirkung ermittelt und die notwendigen Rahmenbedingungen und Massnahmen für eine breite Anwendung systematisch erfasst, heisst es in einer Mitteilung von intep.

    „Die CO2-Emissionen eines Gebäudes über seine gesamte Lebensdauer – also nicht nur im Betrieb, sondern auch bei der Erstellung – sind ein wichtiges und immer noch unterschätztes Potenzial für die notwendige Absenkung des CO2-Austosses auf Netto Null“, wird Nadja Lavanga zitiert, Projektleiterin bei intep.

    Als Reduktionspotenziale nennt Christian Vogler, Koordinator Energie der Stadt Baden, „den Erhalt des Bestandes statt Neubauten, zirkuläre und ressourcenschonende Bauweisen, die Wiederverwendung von Bauteilen und das Recycling“.

  • Neuer Re-Use-Pavillon am FHNW Campus Muttenz

    Neuer Re-Use-Pavillon am FHNW Campus Muttenz

    Ganz im Sinne des Jahresthemas «Constructive Futures – Beyond Concrete» haben sich die Studierenden des dritten Jahreskurses des Bachelor-Studiengangs Architektur unter der Leitung der Professorinnen Ursula Hürzeler und Shadi Rahbaran mit der Wiederverwendung von Bauteilen auseinandergesetzt. Ausganslage dafür war die geschosshohe Holzrampe, welche als urbane Intervention im Zuge der Ausstellung «Access for All – Architektonische Infrastrukturbauten São Paulo» 2021 an der Frontfassade des Schweizerischen Architekturmuseums S AM angebracht war. Diese Rampe wurde nach Ende der Ausstellung wieder abgebaut, und die Bauteile sollten nun einem neuen Verwendungszweck zugeführt werden.

    Architekturwettbewerb für Studierende
    Hierfür wurde im Herbstsemester 2021 ein Architekturwettbewerb unter den Studierenden veranstaltet. Die Aufgabe bestand darin, einen vor Wind und Sonne geschützten Aufenthaltsort im Park zu entwerfen, zur Nutzung und freien Bespielung für Hochschule und Quartier. Das aus dem Wettbewerb hervorgegangene Gewinnerprojekt «Silvestris» wurde zur Weiterentwicklung und Umsetzung ausgewählt. In der Folge haben die Studierenden die Entwurfsidee gemeinsam weiterentwickelt und im Frühlingssemester 2022 die Details innerhalb eines fachübergreifenden Wahlpflichtfachkurs weiter vertieft. Parallel dazu erfolgte der strukturelle Entwurf, die statische Dimensionierung, die Entwicklung der Knotenanschlüsse sowie die Ausführungsplanung durch das Institut Bauingenieurwesen unter der Leitung von Prof. Dr. Simon Zweidler, Leiter des Baulabors. Dabei kam vom Konstruieren bis zur Fertigung aller Stahlknoten zukunftsweisend die digitale Fabrikation zum Einsatz: Nach der vollständigen 3D-Modellierung sind die für die Abkantung benötigten Flächen per Software berechnet worden und die abgewickelte Fläche wurde per Laser aus dem Vollblech geschnitten; die nachgelagerte dreidimensionale Abkantung erfolgte ebenfalls vollautomatisch.

    Statische Herausforderungen
    Im Verlauf dieser detaillierten Planung galt es verschiedene konstruktive und statische Herausforderungen zu meistern. Auch zeigten sich die Grenzen der Wiederverwendbarkeit von Bauteilen; in diesem konkreten Fall hatte das Altholz nicht die notwendige Festigkeit, welche für die neue Arena und die geplante intensive Nutzung und Dauer erforderlich war. Dies führte zum Entscheid, die statisch relevanten Bauteile mit dafür vorgesehenem Konstruktionsholz mit entsprechender Festigkeit auszuführen und das Altholz teilweise für sekundäre Bauteile zu verwenden. Daraus resultierte ein wertvoller Lernprozess in Hinblick auf die Komplexität und Herausforderungen der Wiederverwendung von Bauteilen. Die ursprüngliche Struktur der Rampe widerspiegelt sich jedoch nach wie vor in den Abmessungen der Elemente und der Gestalt der neuen Arena.
    Die so geschaffene Arena soll diverse Nutzungsmöglichkeiten bieten. Durch das Dach aus leichtem Gewebe entsteht ein schattiger Aufenthaltsort, welcher nicht nur der Lehre und dem Unterricht der Hochschule dienen kann, sondern auch Platz für Darbietungen gibt und auch die Anwohnenden im Quartier zur Nutzung und Mitgestaltung einlädt. Das Siegerprojekt sowie alle anderen durch die Studierenden entwickelten Projektvorschläge sind zudem in einer Ausstellung im Windfang des Campusgebäudes öffentlich ausgestellt.