Schlagwort: Beschaffungswesen

  • Nachhaltigkeit verankert, Dialog stagniert

    Nachhaltigkeit verankert, Dialog stagniert

    Im 2025 stieg der Anteil von Nachhaltigkeitskriterien bei öffentlichen Vergaben auf 47,6 Prozent. Ein Plus von 136 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit rückt der Fokus deutlich weg von rein preisorientierten Bewertungen hin zu qualitativen, lebenszyklusbezogenen Ansätzen.

    Gleichzeitig stagnieren andere qualitative Kriterien bei 53,1 Prozent. Der Anteil von Dialogverfahren (1,1 Prozent) und zugelassenen Varianten (12,2 Prozent) hat sich gegenüber 2024 nahezu halbiert. Diese Entwicklung deutet auf eine Tendenz zur Vereinfachung im Verfahren hin, aber auch auf eine wachsende Unsicherheit vieler Beschaffungsstellen im Umgang mit offenen, kreativen Formaten.

    Neue Perspektive auf den Kulturwandel
    Erstmals beleuchtet der Bericht die „Treiber des Kulturwandels“. Die neue Auswertung misst, welche Indikatoren seit der Revision des Beschaffungsrechts auf Bundes- und Kantonsebene am stärksten zugenommen haben, gewichtet nach Modellqualität und Beobachtungszahl. Ein Fokus auf verlässliche Daten soll zeigen, wo nachhaltige Veränderung tatsächlich messbar ist.

    Bund und Basel-Stadt als Vorreiter
    Besonders dynamisch zeigt sich der Bund. Ende des zweiten Quartals 2025 erreichte er 46 Modellqualitätspunkte, mit Spitzenwerten bei Qualität, Nachhaltigkeit und Angebotsplausibilität. Hinter dem Bund folgt Basel-Stadt (34 Punkte), das trotz späterer Reformumsetzung überdurchschnittlich hohe Fortschritte verzeichnet. Bemerkenswert ist dort die Zunahme von Varianten entgegen dem nationalen Abwärtstrend.

    Weniger Indikatoren, mehr Fokus
    Der aktuelle Bericht wurde zudem methodisch verschlankt. Statt zehn umfasst er neu sieben Indikatoren. Innovation und Preisverlässlichkeit entfallen mangels belastbarer Daten, Projekt- und Ideenwettbewerbe werden gemeinsam bewertet. Damit liegt der Schwerpunkt klar auf jenen Faktoren, die den Kulturwandel tatsächlich stützen. Nachhaltigkeit, Qualität und Transparenz.

    Trend zur Konsolidierung statt Öffnung
    Die jüngsten Ergebnisse deuten auf eine Phase der Konsolidierung. Nachhaltigkeit hat sich etabliert, doch das dialogische Moment des neuen Beschaffungsrechts wird nur zögerlich genutzt. Während einzelne Gebietskörperschaften wie Basel-Stadt gezielt experimentieren, zeigt sich national ein Zurückfallen in traditionelle Muster.

    Damit steht die Branche an einem Punkt, an dem die Reform nun vertieft gelebt wird. Eine echte Kulturveränderung wird sich erst dann voll entfalten, wenn Dialog, Variantenvielfalt und qualitative Bewertung als integrale Bestandteile strategischer Beschaffung verstanden werden.

  • Treiber des Kulturwandels im Beschaffungswesen

    Treiber des Kulturwandels im Beschaffungswesen

    Seit dem 1. Juli 2024 werden öffentliche Ausschreibungen über die modernisierte Plattform von simap.ch veröffentlicht. Da das neue System nicht mit der vorherigen Version kompatibel ist, wurde auch der Vergabemonitor der Schweizer Bauwirtschaft überarbeitet. Durch die Harmonisierung der Datensätze vor und nach der Umstellung bleibt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erhalten, während zusätzliche Anpassungen am Datenmodell für eine präzisere Analyse der Trends sorgen.

    Entwicklung der öffentlichen Beschaffungen
    Die Totalrevision des öffentlichen Beschaffungswesens ist mittlerweile in 22 von 26 Kantonen in Kraft. Im vierten Quartal 2024 wurden insgesamt 5256 Ausschreibungen erfasst, wovon 46% auf das Baugewerbe, 5% auf das Ingenieurwesen und 1,8% auf die Architektur entfielen. Insgesamt wurden für die Untersuchung 74% aller veröffentlichten Ausschreibungen berücksichtigt.

    Qualitätskriterien mit differenzierter Entwicklung
    Der Anteil qualitativer Vergabekriterien im gleitenden Mittel ging im vierten Quartal 2024 um 5,8% auf 51,9% zurück. Die Bauwirtschaft konnte sich diesem Trend jedoch teilweise entziehen: Während Architekturaufträge einen Rückgang von 2,1% auf 69,2% verzeichneten, stieg der Anteil von Qualitätskriterien im Ingenieurwesen um 0,7% auf 66,3% und im Baugewerbe um 0,5% auf 45%. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Kanton Basel-Stadt, wo der Anteil von Qualitätskriterien bei Bauaufträgen seit dem 1. Februar 2024 von 26,2% auf 42,5% gestiegen ist.

    Nachhaltigkeit als stärkste Triebkraft
    Der entscheidende Faktor für den Kulturwandel im Beschaffungswesen ist jedoch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien. In 35% aller Ausschreibungen mit qualitativen Vergabekriterien wurden im vierten Quartal 2024 nachhaltige Aspekte berücksichtig, ein Anstieg von 23% gegenüber dem Vorquartal. Besonders stark fiel die Zunahme bei Bundesvergaben aus, wo der Anteil um 34,7% auf 35,1% anstieg.

    Während sich der Anteil an Nachhaltigkeitskriterien zwischen Januar 2021 und Dezember 2023 bereits fast verdoppelt hatte, setzte sich dieser Wachstumstrend 2024 noch einmal verstärkt fort. Ein möglicher Einflussfaktor ist der Systemwechsel auf die neue simap.ch-Plattform. Der generelle Trend deutet jedoch darauf hin, dass Nachhaltigkeit zunehmend als zentrales Kriterium in der öffentlichen Beschaffung etabliert wird.

    Innovationsförderung und Angebotsplausibilität gewinnen an Bedeutung
    Auch die explizite Erwähnung von Innovationskriterien nimmt zu. Während Innovation weiterhin nur in 1% der Ausschreibungen genannt wurde, stieg dieser Wert im Vergleich zum Vorquartal um 28,8% und im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um 95,1%. Besonders stark wuchs die Berücksichtigung der Angebotsplausibilität, die sich auf 2,3% aller Ausschreibungen mit Vergabekriterien ausweitete. Dieser Wert liegt 54% über dem Vorquartal und ganze 277,9% über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.

    Rückgang von Dialogverfahren und Varianten
    Im Gegensatz zu den steigenden Nachhaltigkeits- und Innovationskriterien wurden Dialogverfahren und Varianten seltener genutzt. Im vierten Quartal 2024 wurden Dialoge in nur noch 1,7% der Ausschreibungen vorgesehen, ein Rückgang um 10,8% gegenüber dem Vorquartal und 20,8% gegenüber dem Vorjahr. Auch die Zulassung von Varianten nahm ab und erreichte noch 18% der Ausschreibungen, mit negativen Wachstumsraten von -10,2% im Quartalsvergleich und -21,7% im Jahresvergleich.

    Nachhaltigkeit prägt die Zukunft der öffentlichen Beschaffung
    Die zunehmende Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien zeigt, dass das Beschaffungswesen in der Schweiz einen tiefgreifenden Kulturwandel durchläuft. Während klassische Qualitätskriterien in einigen Bereichen rückläufig sind, gewinnen Aspekte wie Nachhaltigkeit, Innovationsförderung und Angebotsplausibilität stark an Bedeutung. Die Einführung der neuen simap.ch-Plattform könnte dabei als Katalysator gewirkt haben, wobei zukünftige Analysen zeigen müssen, inwieweit die Systemumstellung langfristige Auswirkungen auf die Vergabepraxis hat. Klar ist jedoch: Die öffentliche Beschaffung entwickelt sich zunehmend in Richtung ökologischer und nachhaltiger Standards.