Grauen Energie im Kontext
Die Stärke des Arguments kommt aus der absoluten Aussage, dass «der Erhalt von Bestand und damit von Grauer Energie immer besser ist als der Abriss». Dieser Haltung stimmt gemäss einer Befragung in Fachkreisen die überwiegende Mehrheit der Fachplaner, Architekten und Dienstleister im Immobiliensektor zu. Die Haltung ist allerdings auch bei knapp der Hälfte der Immobilieneigentümer vertreten, wenn auch mit Vorbehalten.
Genauer nachgefragt differenzieren die Befragten ihre Haltung. Gegen den Erhalt könne eine schlechte Gebäudesubstanz oder schlechte Energieeffizienz, nicht zeitgemässe Nutzungsstruktur, nicht aktivierbare Ausnützung für die Realisierung von mehr Wohnraum oder die Wirtschaftlichkeit sprechen. Die Branche betont richtigerweise, dass es keine absolute Wahrheit gibt und der Umgang jeder Liegenschaft zwischen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten abgewogen werden muss.
Eine Regulierung für zwei unterschiedliche Anliegen
Parallel zur Intensivierung des Diskurses um den Erhalt von Grauer Energie hat sich der Ton zum Mieterschutz verschärft. Diverse Initiativen auf kantonaler und Bundesebene wollen verhindern, dass Mieterinnen und Mieter ihre Wohnung aufgrund von umfassenden Erneuerungen oder Gebäudeersatzen verlassen müssen. Auch diese Initiativen stellen sich kompromisslos auf den Standpunkt, dass keine Entmietung immer besser ist als eine Entmietung. Der Kanton Basel-Stadt zeigt, wie schnell Regulierungen wirken. Kaum drei Jahre nach der Einführung der Wohnschutzinitiative wird bereits weniger abgerissen, und damit werden auch weniger Liegenschaften entmietet. Der Wohnschutz wirkt dabei vorwiegend über die Wirtschaftlichkeit, mit den regulierten Preisen für die neuen Wohnungen werden Ersatze und Erneuerungen für Bauherren finanziell weniger attraktiv. In der Folge werden weniger Projekte realisiert.
Verhaltene Diskussion um soziale und gesellschaftliche Kosten
So wenig die absolute Aussage zum Erhalt von Grauer Energie richtig ist, so wenig greift die pauschale Aussage, dass keine Entmietung immer besser ist als eine Entmietung. Für die einzelne betroffene Mieterin oder den einzelnen Mieter mag die Aussage zutreffen, nicht jedoch, wenn es um die Wohnraumversorgung der gesamten Bevölkerung geht. Erweiterungen und Ersatze können mehr Wohnraum für mehr Menschen schaffen und dies häufig an bereits gut erschlossenen und versorgten Lagen. Ohne Eingriffe in die Gebäudestruktur können strukturelle Defizite von Wohnungen nicht behoben werden.
Was es bräuchte, ist eine sachlichere Diskussion, wie der Zielkonflikt zwischen dem Schutz des Einzelnen und dem Interesse der Gesellschaft bestmöglich gelöst werden kann. In manchen Fällen kann das Herauszögern eines Ersatzes oder eine Ertüchtigung des Bestands für einen weiteren Lebenszyklus Sinn machen, in anderen Fällen überwiegt der gesellschaftliche Nutzen an mehr Wohnraum. Im Vordergrund sollte die Diskussion stehen, wie Entmietungen sozial bestmöglich abgefedert werden können. Regulierungen müssten auf die Lösungsfindung für Härtefälle gelenkt werden.
Es braucht einen ausgewogenen Diskurs
Absolute Betrachtungen blenden aus, dass Entscheidungen oft komplex sind und eine Güterabwägung von divergierenden Anliegen erfordern. Nachhaltige Lösungen mitten sich in der Regel zwischen unterschiedlichen Argumenten ein.
Vertreterinnen und Vertreter der Branche sollten sich bewusst sein, dass pauschale Aussagen den Spielraum für kontextspezifische Diskussionen reduzieren. Wenn sich die Branche unreflektiert hinter den Erhalt von Grauer Energie oder gegen Entmietungen stellt, schliesst sich die Tür für die Diskussion gemässigter Regulierungen.
