Schlagwort: Naturmaterialien

  • Zirkulär bauen mit Schilf

    Zirkulär bauen mit Schilf

    Das Wohnhaus von Marina Rosa und Jacobus van Hoorne, entworfen von Gilbert Berthold, Architekt und wissenschaftlicher Assistent an der BFH, sticht in einer Einfamilienhaussiedlung am Neusiedler See bewusst heraus. Es kombiniert einen konsequenten Holzbau mit einem markanten Schilfdach und setzt damit auf lokale, nachwachsende Rohstoffe mit tiefem ökologischem Fussabdruck. Die zahlreichen Auszeichnungen, vom Bauherrinnenpreis der Zentralvereinigung österreichischer Architektinnen über den Architekturpreis des Landes Burgenland bis zum Newcomerpreis «Häuser des Jahres», unterstreichen den Vorbildcharakter des Projekts.

    Schilf als Hochleistungsbaustoff
    Jacobus van Hoorne, ursprünglich Teilchenphysiker am CERN, hat den Schilfschneider- und Schilfdachdeckerbetrieb seines Vaters übernommen und zum Innovationslabor weiterentwickelt. Gemeinsam mit Berthold entwickelte er einen Dachaufbau, der strenge Brandschutzauflagen erfüllt und durch Realbrandversuche behördlich zugelassen wurde. Ein Meilenstein für Schilf im Neubau, auch im dicht besiedelten Raum. Die sanft gekrümmten Dachflächen folgen der Materiallogik. Jeder zusätzliche Neigungsgrad verlängert die Lebensdauer des Daches, die Konstruktion macht die Qualitäten des Naturmaterials sichtbar und lesbar.

    Geometrie, Material und Raum als Einheit
    Der Grundriss des Hauses folgt einem s-förmigen Verlauf, der aus der Drehung des zentralen Wohnraums entsteht. Herzstück ist ein zweigeschossiges, lichtdurchflutetes Atrium, das sich zum Garten öffnet und über Terrassen eng mit dem Aussenraum verknüpft. Kompakt organisierte Funktionsräume schaffen Spielraum für grosszügige Aufenthaltszonen. Das Zusammenspiel von Schilfdach und naturbelassener Eichenholzfassade verbindet Baukörper und Landschaft. Das Dach wird zum gestaltprägenden Element und zu einer zeitgemässen Interpretation traditioneller Handwerkskunst.

    Reallabor für biobasierte Materialien
    Für Gilbert Berthold markierte das Projekt den Start in die Selbstständigkeit und zugleich ein reales Versuchsfeld für nachhaltiges Bauen. Das Haus dient heute als Wohnort, Studienobjekt und Ausstellungsraum zugleich. Es liefert Daten zu Energieeffizienz, Raumklima und zum Langzeitverhalten biobasierter Baustoffe. Im Kontext der BFH fügt es sich in die Forschung zu pflanzenbasierten Materialien wie Stroh, Flachs, Hanf oder Myzel ein und zeigt, dass Schilf nicht nur als Dämmstoff, sondern in architektonischer Hauptrolle bestehen kann.

    Symbol für eine regenerative Baukultur
    Das Projekt macht anschaulich, wie zirkuläres Bauen mit regionalen Ressourcen bereits heute umgesetzt werden kann. Es zeigt Studierenden und Fachleuten, dass regenerative Architektur nicht Zukunftsvision, sondern gebaute Realität ist. Mit Schilf als starkem Symbol für eine Baukultur, die Natur, Technik und Gesellschaft neu zusammendenkt.

  • Altbewährte Baustoffe neu interpretiert

    Altbewährte Baustoffe neu interpretiert

    Nachhaltige Baustoffe wie Lehm, Holz und Stroh überzeugen durch ihre positive Klimabilanz. Während sie wachsen, nehmen sie CO₂ auf und speichern es langfristig. In der Schweiz fallen jährlich rund fünfzig Millionen Tonnen lehmhaltiges Aushubmaterial an, Ein Potenzial, das nur begrenzt genutzt wird, da der Grossteil deponiert wird. Könnte dieser Boden als Baumaterial genutzt werden, liesse sich der Stoffkreislauf direkt schliessen. Ressourceneinsparung, weniger Transportaufwand und geringere Kosten für Entsorgung sind die Folge. Holz ist gleichermassen nachhaltig. Schweizer Wälder liefern einen wachstumsstarken, robusten Baustoff, der inzwischen bis zu siebzehn Prozent der Tragkonstruktionen bei Neubauten ausmacht, vor allem im städtischen Wohnungsbau und bei Aufstockungen.

    Vorfertigung und Hybridbau
    Die moderne Wiederentdeckung traditioneller Materialien basiert auf Hightech-Fertigungsmethoden. Vorgefertigte Module, der gezielte Einsatz von Robotern und die Beimischung von natürlichen Zusatzstoffen erlauben schnellere und effizientere Prozesse. Lehm kann heutzutage als Flüssiglehm wie Beton in Schalungen gegossen oder als Stampflehm mit Armierungen für mehrgeschossige Gebäude verwendet werden. Kombiniert man Lehm und Holz in hybriden Wand- oder Fassadenelementen, entstehen tragfähige und klimafreundliche Strukturen. In der Forschung wird an Materialoptimierungen gearbeitet, damit Lehm und Stroh noch leistungsfähiger werden . Etwa durch natürliche Zuschläge wie Trasskalk oder innovative Armierungen.

    Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven
    Die schweizweite Marktdurchdringung ist bei Lehm und Stroh noch gering, was vor allem an fehlender industrieller Entwicklung, unzureichender Standardisierung und hohen Startkosten liegt. Holz hingegen ist bereits breit akzeptiert, wobei die Forstwirtschaft mit dem Klimawandel hadert. Nadelhölzer geraten unter Druck, Laubhölzer gewinnen an Bedeutung, brauchen aber neue Verarbeitungstechnologien. Gleichzeitig müssen Umweltstandards sichergestellt und Biodiversität in den Wälder gewahrt werden, damit die CO₂-Speicherung erhalten bleibt. Forschungsprojekte untersuchen, wie Holz mittels biologischer Substanzen wie Schellack oder pflanzlicher Gerbstoffe widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse gemacht werden kann.

    Kreislaufwirtschaft, Gesundheit und Akzeptanz
    Innovative Baustoffe bieten nicht nur ökologische, sondern auch gesundheitliche Vorteile. Natürliche Materialien verbessern das Raumklima, reduzieren Allergierisiken und vermeiden Schadstoffbelastungen. Die Produktion ist oft energiearm und die Bauteile können nach dem Lebensende wiederverwertet werden. Webplattformen wie der „Atlas of Regenerative Materials“ vernetzen Unternehmen und Projekte, um die Akzeptanz und Vertrauensbildung in biobasierte Gebäude zu stärken.

    Innovation als Motor
    Die Kombination aus traditionellem Know-how, moderner Forschung und digitaler Vorfertigung schafft neue Chancen für das nachhaltige Bauen. Nur durch die Kopplung von Naturmaterialien, kreislauffähigen Strukturen und ökologischer Verantwortung kann das Bauwesen einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Chancen dafür waren nie besser und der Baustoff der Zukunft liegt im Boden, im Wald und auf den Feldern der Schweiz.