Schlagwort: Verdrängung

  • Verdichtung verdrängt in Genf weniger Mietende als in Zürich

    Verdichtung verdrängt in Genf weniger Mietende als in Zürich

    Forschende der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) haben laut einer Mitteilung im Auftrag des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) untersucht, wie sich die bauliche Verdichtung auf die Zusammensetzung der Bevölkerung auswirkt. Die Studie «Bautätigkeit und Verdrängung» zeigt, dass die Auswirkungen sich in den fünf grössten Agglomerationen deutlich unterscheiden.

    Genf, Lausanne und Bern weisen eine höhere Wohnungsbautätigkeit auf als Zürich, verdichten aber wirksamer. Zwischen 2020 und 2023 entstanden dort durch Ersatzneubauten 1,6 bis zweimal so viele Wohnungen pro abgebrochene Wohnung wie in Zürich. In der Agglomeration Zürich wurden zudem 5,4 mal so viele Ersatzneubauten erstellt als Gebäude aufgestockt, während in Genf, Basel und Bern doppelt so viele Gebäude aufgestockt wurden, wie Ersatzneubauten erstellt wurden.

    Die durchschnittliche Zimmergrösse von Ersatzneubauten in der Deutschschweiz ist zudem um 25 Prozent grösser als in abgebrochenen Wohnungen. In der Romandie wurden die Wohnungen bloss um 6 bis 8 Prozent grösser. Bauliche Verdichtung führt so in der Romandie zu einem höheren Anstieg der Nutzungsdichte als in der Deutschschweiz.

    Trotz der höheren Verdichtung in der Westschweiz waren in der Agglomeration Zürich im Zeitraum 2015 bis 2020 insgesamt 1,02 Prozent der Gesamtbevölkerung (14‘373 Personen) von Verdrängung durch Hausabbrüche oder Totalsanierung betroffen. Das sind relativ an der Gesamtbevölkerung zwölfmal mehr als die 467 Betroffenen in der Genfer Agglomeration (0,08 Prozent).

    Die Studie zeigt auch, dass verdrängte Haushalte ein um 30,5 bis 39,6 Prozent tieferes Medianeinkommen aufwiesen als die Gesamtbevölkerung. Damit seien gerade diejenigen von Verdrängung betroffen, die Schwierigkeiten hätten, eine neue bezahlbare Wohnung zu finden, heisst es in der Mitteilung des BWO.

  • «Verdichtung oder Verdrängung? Wenn Neubauten ersetzen»

    «Verdichtung oder Verdrängung? Wenn Neubauten ersetzen»

    Für die Stadt Zürich lässt sich seit den 2000er Jahren eine rasante bauliche Dynamik beobachten. Während die in den zurückliegenden Dekaden favorisierte horizontale Erweiterung der Stadt längst an ihre Grenzen gestossen ist und kaum Baulandreserven existieren, wird nunmehr aktiv eine nachhaltige Verdichtung nach Innen mittels Ersatzneubauten gefördert. Ziel ist es, mehr ressourcensparenden Wohnraum zu schaffen, um den bestehenden Bedarf zu decken und das prognostizierte Bevölkerungswachstum aufzufangen. Die Transformation ist tiefgreifend: So wird beispielsweise bis zu einem Drittel des Wohnungsbestandes des Stadtteils Schwamendingen in den nächsten Jahrzehnten durch Neubauten ersetzt. Auch was denkmalpflegerisch geschützt ist, ist Verfügungsmasse.

    Diese Veränderung von niedrig-verdichteten zu hoch-verdichteten Quartieren zieht grundlegende räumliche und soziale Veränderungen nach sich. Der Abriss von Bestandsbauten geht nicht selten mit dem Verlust besonders preisgünstigen Wohnraums und einer Verdrängung der bestehenden Wohnbevölkerung einher; mit einschneidenden Folgen insbesondere für vulnerable Gruppen wie Ältere, kinderreiche Familien und Personen mit niedrigeren Einkommen.

    Wie auch ihre Vorgängerinnen, bezieht sich die aktuelle Erneuerungswelle auf quantitative und wissenschaftliche Argumentationen: Waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Versprechen von Hygiene, Tugend und Bezahlbarkeit, legitimieren heute die Schlagworte «Nachhaltigkeit», «Qualität» und «Diversität» Abriss und Neubau. Doch was als Handlung in einem Moment nur folgerichtig erscheinen mag, ist oft schon innerhalb weniger Jahrzehnte kaum mehr verständlich.

    «Verdichtung oder Verdrängung?» macht Zusammenhänge sichtbar und rückt Fragen in den Vordergrund. Die Ausstellung ist multiperspektivisch angelegt und liefert keine fertigen Antworten auf die brennenden Fragen, sondern zeigt auf, wie auch rational begründete Argumente stets historisch kontingent sind und Betroffene sowie Beteiligte die resultierende Transformation unterschiedlich begründen, deuten und erleben.

    Das ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich präsentiert vom 26. Januar bis 26. März 2023 die Ausstellung «Verdichtung oder Verdrängung? Wenn Neubauten ersetzen». Ein Ausstellungs- und Vermittlungsprojekt in Kooperation mit den Studiengängen MAS GTA und MAS in Housing, D-ARCH, ETH Zürich. Mit Gastbeiträgen von Countdown 2030, Mieten-Marta, Newrope/ETH Professur für  Architektur und Urbane Transformation.