Kategorie: International

  • Die Stadt formt den Verkehr und der Verkehr formt die Stadt

    Die Stadt formt den Verkehr und der Verkehr formt die Stadt

    Forschende der ETH Zürich und der University of Wisconsin-Madison haben Geoinformationsdaten von 30 Grossstädten weltweit mit Staudaten in Beziehung gesetzt. Erstmals gelang es ihnen, nicht nur Korrelationen, sondern echte Ursache-Wirkung-Beziehungen zwischen Stadtveränderungen und Verkehrsfluss nachzuweisen. Die Studie ist im April 2026 in der Fachzeitschrift «Nature Communications» erschienen.

    Drei Faktoren, ein Stau
    Das Forscherteam um Erstautor Yatao Zhang unterschied drei Dimensionen. Die Struktur des Strassennetzes, die räumliche Form der Stadt und die Funktion einzelner Flächen, also ob dort gewohnt, eingekauft oder gearbeitet wird. Überraschenderweise entscheidet nicht allein das Strassennetz über den Verkehrsfluss. Eine zersiedelte Stadt erzeugt strukturell mehr Verkehr. Die Konzentration von Freizeitangeboten in einem Quartier treibt den Wochenendverkehr hoch. Mischnutzungen hingegen , Wohnen und Arbeiten nah beieinander, verkürzen Pendlerstrecken und reduzieren das Verkehrsaufkommen. «Verkehr entsteht durch das, was Menschen tun, nicht allein durch die Existenz von Strassen», bringt es Zhang auf den Punkt.

    Singapur versus Zürich
    Der internationale Vergleich zeigt starke Unterschiede. In Singapur sind Wohngebiete klar vom Dienstleistungszentrum getrennt und bauliche Veränderungen schlagen direkt auf die Pendlerströme durch. In Zürich ist diese Kopplung deutlich schwächer, weil Wohnungen über die gesamte Stadt verteilt sind und Arbeitswege kürzer und diverser verlaufen. Solche Unterschiede lassen sich jetzt erstmals systematisch messen und vergleichen.

    Was das für die Planung bedeutet
    ETH-Professor Martin Raubal, der die Studie betreut hat, sieht grosses Potenzial für die Stadt- und Verkehrsplanung. Die neue Methode erlaubt Prognosen darüber, wie sich ein Eingriff, etwa der Bau eines grossen Einkaufszentrums, mittelfristig auf den Verkehr auswirkt. Städte könnten damit Massnahmen besser simulieren, bevor sie umgesetzt werden. Für konkrete Empfehlungen in Zürich oder anderen Städten braucht es allerdings noch vertiefende Detailanalysen.

    Daten aus offenen Quellen
    Als Datenbasis diente hauptsächlich Open Street Map, ergänzt durch Verkehrsstaudaten von Here Technologies, die weltweit alle fünf Minuten aktualisiert werden. Allein für Los Angeles flossen die Stauwerte von über 18’000 Strassenabschnitten in die Auswertung ein. Dass eine solche Studie auf öffentlich zugänglichen Geodaten basiert, macht den Ansatz reproduzierbar und skalierbar.

  • Hybrid ist die neue Normalität

    Hybrid ist die neue Normalität

    77 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen heute auf hybride Arbeitsmodelle. Das ist mehr als doppelt so viel wie vor der Pandemie. In Deutschland bieten 79 Prozent der Unternehmen hybrides Arbeiten an, der Anteil der Beschäftigten mit Homeoffice pendelt stabil zwischen 23 und 24 Prozent. Gleichzeitig zeigt die Analyse von Stellenanzeigen, einem zuverlässigen Seismografen für mittelfristige Unternehmensentscheidungen, dass hybrides Arbeiten seit 2023 konstant in rund 20 Prozent der deutschen und 15 Prozent der Schweizer Ausschreibungen als Arbeitsmodell kommuniziert wird.

    Rekalibrierung, keine Kapitulation
    Ja, die durchschnittliche Homeoffice-Zeit ist leicht gesunken. In der Schweiz von 1,36 auf 1,15 Tage pro Woche, in Deutschland von 1,0 auf 0,85 Tage. Wer darin das Ende der Flexibilisierung sieht, liest die Daten falsch. Nur 4 bis 5 Prozent der deutschen Unternehmen erwägen, das Homeoffice vollständig abzuschaffen. 74 Prozent planen, hybride Modelle beizubehalten, 11 Prozent wollen die Flexibilität sogar ausweiten. Unternehmerisches Denken justieren, es dreht nicht zurück.

    Das Büro neu denken
    Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Tage jemand im Büro verbringt. Sie lautet, warum jemand ins Büro kommen soll. 75 Prozent der Mitarbeitenden sehen das Büro als besseren Ort für sozialen Austausch, 58 Prozent für Networking und Karrierepflege, 49 Prozent für kreative Interaktion. Das Büro wandelt sich vom Pflichtort zum Anlaufpunkt für das, was remote nicht funktioniert. CBRE spricht vom «Office als Attraktor», ein Ort, der einen erlebbaren Mehrwert bieten muss, um die Anreise zu rechtfertigen. Global hat sich die Büroauslastung inzwischen auf 53 Prozent erholt, dem höchsten Wert seit März 2020.

    Was Unternehmen jetzt tun müssen
    Die Daten sind klar, die Handlungsfelder auch. 72 Prozent der befragten Unternehmen haben sich zum Ziel gesetzt, die Büroraumnutzung zu verbessern. 66 Prozent wollen das Office-Erlebnis nachhaltig steigern. Sprich, Flächen die Zusammenarbeit ermöglichen statt verhindern. Konzepte, die Teamtage sinnvoll gestalten und eine Unternehmenskultur, die Präsenz nicht erzwingt, sondern attraktiv macht. Wer das Büro als blosses Kostenproblem betrachtet, verpasst die eigentliche strategische Frage. Welchen Wert schafft es für Mensch und Organisation?

    Flexibilität als Wettbewerbsfaktor
    Hybrides Arbeiten ist längst mehr als ein HR-Thema. Es ist ein Faktor im Kampf um Fachkräfte. Unternehmen, die Flexibilität glaubwürdig leben, haben im Recruiting einen messbaren Vorteil. Die ISG-Studie zur Zukunft des Arbeitsplatzes Schweiz zeigt, Employee Experience ist zum zentralen Hebel geworden, von der Zusammenarbeit über das Onboarding bis zur Raumverfügbarkeit. Hybrides Arbeiten ist das neue Normal und wer es jetzt strategisch gestaltet, positioniert sich als Arbeitgeber der Zukunft.

  • Solarzellen, die sich tarnen

    Solarzellen, die sich tarnen

    Die Natur zeigt uns, wie es geht. Der Morpho-Schmetterling erzeugt seinen intensiv blauen Flügelglanz nicht durch Pigmente, sondern durch dreidimensionale Mikrostrukturen, die Licht brechen und reflektieren. Forscher des Fraunhofer ISE haben dieses Prinzip auf Photovoltaikmodule übertragen. Ein Vakuumprozess bringt eine ähnliche Oberflächenstruktur auf das Deckglas oder auf flexible Folien auf. Je nach Feinstruktur entstehen so Module in unterschiedlichsten Farben, von Ziegelrot bis Anthrazit. Das Ergebnis trägt den Namen MorphoColor®.

    Muster direkt ins Modul
    Neu ist nun die «ShadeCut»-Technik, die farbige Folien mit transparenten Aussparungen versieht und so komplexe Muster und Motive direkt in Solarmodule integriert. Ein Laser oder ein CAD-gesteuerter Schneidprozess bringt das gewünschte Motiv in die Folie ein, ob Ziegelstruktur, Mauerwerk oder ein Firmenlogo. Die Technik funktioniert mit allen gängigen Photovoltaik- und Solarthermie-Modulen und lässt sich sowohl als flexible Einbettungsfolie wie auch als Rückseitenfolie einsetzen. Die farbigen Module erreichen rund 95 Prozent der Leistung eines vergleichbaren unbeschichteten Moduls.

    Das Ende des Denkmalschutz-Dilemmas
    Gebäudeintegrierte Photovoltaik war bisher oft an ästhetischen Anforderungen gescheitert. Gerade denkmalgeschützte Bauten und Ortsbildschutzzonen stellten in der Schweiz und Deutschland hohe Hürden auf. In mehreren deutschen Bundesländern wurde der Denkmalschutz bereits gelockert, sofern Module farblich zur Gebäudehülle passen. Module können Mauerwerk oder Dachziegel täuschend echt imitieren und sich farblich perfekt einpassen, sagt Dr. Martin Heinrich, Gruppenleiter am Fraunhofer ISE. An der HSLU wurde mit einem Innosuisse-Projekt in der Viscosistadt Emmenbrücke bereits eine Demofassade in 78 Farbnuancen realisiert.

    BIPV vor dem Durchbruch
    Der Markt für gebäudeintegrierte Photovoltaik wächst rasch. Global wird er bis 2034 auf rund 85,9 Milliarden Dollar geschätzt, gegenüber 28,3 Milliarden im Jahr 2026. In der Schweiz vereinfacht seit diesem Jahr das Meldeverfahren für Fassadenanlagen die Bewilligungspraxis, was ästhetischen Fassadenlösungen einen klaren Nachfrageschub verleiht. Erste kommerzielle Tandem-Module mit BIPV-Fokus werden 2026 für Nischenmärkte erwartet. Fraunhofer ISE schätzt das Gesamtpotenzial von PV auf Gebäuden bis 2045 auf rund 1 000 GWp.

    Was in Freiburg im Labor entstand, kommt nun über einen Schweizer Partner auf Dächer und Fassaden.

  • Mehr KI löst keine Datenprobleme

    Mehr KI löst keine Datenprobleme

    Der Irrtum beginnt mit der Investition
    Es ist ein vertrautes Muster: Ein Unternehmen erkennt das Potenzial von Künstlicher Intelligenz, sichtet Lösungen, wählt ein Tool – und startet. Die Erwartung: Die neue Technologie räumt bestehende Datenprobleme irgendwie aus dem Weg. Die Realität: Sie tut es nicht. Sie macht sie sichtbarer.

    Das ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz einer falschen Reihenfolge.

    Daten werden gesammelt – aber nicht nutzbar gemacht
    In den meisten Immobilienunternehmen sind Daten vorhanden. Objektdaten, Mieterdaten, Betriebskennzahlen, Wartungshistorien – sie existieren. Das Problem ist nicht ihre Abwesenheit, sondern ihre Verfassung. Sie liegen verteilt über Systeme, sind inkonsistent gepflegt, widersprüchlich definiert oder schlicht nicht miteinander verknüpfbar. Für dieselbe Kennzahl existieren mitunter drei verschiedene Versionen – in drei verschiedenen Systemen.

    Wer unter diesen Bedingungen ein KI-Modell aufsetzt, bekommt keine Antworten. Er bekommt Ausgaben, die bestehende Unschärfen verstärken – automatisiert und in hoher Geschwindigkeit. KI erkennt Muster in Daten. Sind die Daten inkonsistent, lernt das Modell aus Inkonsistenz. Sind sie unvollständig, operiert es auf lückenhafter Grundlage.

    Eine neue Schicht Komplexität
    Was in der Praxis entsteht, ist kein Effizienzgewinn. Es ist eine neue Schicht Komplexität: KI-Outputs, denen niemand vertraut. Fachabteilungen, die Ergebnisse manuell nachprüfen. Projekte, die ins Stocken geraten. Viel Aufwand, wenig Wirkung, wachsende Frustration.

    Das Fatale: Viele Unternehmen reagieren darauf mit dem nächsten Tool-Upgrade. Der Kreislauf beginnt von vorn.

    Ein Data Hub ist kein Tool – er ist eine Struktur
    Der Ausweg liegt nicht in besseren Modellen. Er liegt in einer strukturellen Entscheidung: der Schaffung einer gemeinsamen, harmonisierten Datenbasis. Ein Data Hub ist dabei kein weiteres System, das zur bestehenden IT-Landschaft hinzukommt. Er ist das Gegenteil – er ersetzt Fragmentierung durch zentrale Verfügbarkeit. Er integriert verteilte Datenquellen, löst Silos und Inkonsistenzen auf und schafft die Grundlage für skalierbare KI-Anwendungen und automatisiertes Reporting.

    Entscheidend ist dabei nicht, wo Daten liegen. Entscheidend ist, wie sie nutzbar werden: einheitlich definiert, qualitätsgesichert, für unterschiedliche Anwendungsfälle zugänglich. Erst auf dieser Grundlage kann KI leisten, was sie verspricht.

    Datenqualität ist keine Vorarbeit – sie ist Daueraufgabe
    Selbst mit einem Data Hub bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Datenqualität ist kein einmaliges Bereinigungsprojekt vor dem Go-live. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess. Wer Datenqualität als Vorprojekt versteht, wird nach dem Launch feststellen, dass das eigentliche Problem erst beginnt.

    Ergänzt wird die Datenbasis durch einen Datenkatalog: Er dokumentiert transparent, welche Daten existieren, woher sie stammen und wie verlässlich sie sind. Er schafft die gemeinsame Sprache, die Fachabteilungen und Technologie verbindet – und gibt der Organisation die Kontrolle zurück.

    Im Webinar: Von der Datenbasis zur skalierbaren KI
    Wie Immobilienunternehmen diese Transformation konkret angehen können – von der Datenarchitektur über Qualitätssicherung bis zum produktiven KI-Einsatz – zeigen wir in unserem kostenlosen Webinar «Die optimale AI-Architektur: Wie Data Hub, Datenqualität und Datenkatalog den Unterschied machen». Mit Praxiseinblicken, konkreten Lösungsansätzen und Zeit für Ihre Fragen.

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  • Das Material, das denkt – ohne Gehirn

    Das Material, das denkt – ohne Gehirn

    Das Material besteht aus einer Kette identischer Gelenke, verbunden durch ein elastisches Gerüst. Ein integrierter Mikrocontroller misst die aktuelle Position, speichert vergangene Zustände und tauscht Informationen mit benachbarten Elementen aus. Das Gesamtverhalten entsteht aus dem Zusammenspiel vieler einfacher Einheiten. Genauso wie bei einfachen Organismen, die ohne komplexes Gehirn auf ihre Umgebung reagieren.

    Lernen durch Wiederholung
    Einzelne Gelenke werden in definierte Positionen gebracht, die übrigen Elemente schrittweise in eine Zielstruktur bewegt. In mehreren Durchläufen, im Experiment «Epochen» genannt, passen die Mikrocontroller Drehmomente an. Steifigkeit und Wechselwirkungen innerhalb der Struktur verändern sich. Die «Information» ist nicht in Software ausgelagert, sondern direkt in der physikalischen Struktur gespeichert. Erstautor Yao Du bringt es auf den Punkt: «Sobald das System zu lernen beginnt, scheinen die Möglichkeiten, wohin es sich entwickeln kann, nahezu grenzenlos zu sein.»

    Drei Fähigkeiten in einem
    Das System beherrscht drei Eigenschaften, die bisher biologischen Systemen vorbehalten waren. Es lernt neue Reaktionsmuster auf definierte Eingaben. Es speichert mehrere Zustände gleichzeitig und wechselt zwischen diesen Zuständen je nach Input. Frühere Arbeiten des Labors hatten bereits gezeigt, dass sich solche Strukturen ohne zentrale Steuerung fortbewegen können. Neu ist die Anpassungsfähigkeit, denn das Material wählt seine Bewegungsform je nach Umweltreiz.

    Einsatzfelder und nächste Schritte
    Das Forschungsteam sieht das grösste Potenzial in adaptiven Bauteilen, die sich an wechselnde Lasten anpassen, in der Softrobotik ohne zentrale Steuerung, sowie in Systemen für unstrukturierte Umgebungen wie der Exploration. Ab August 2026 wird die Forschung in Amsterdam in Zusammenarbeit mit der Gruppe «Learning Machines» ausgebaut. Die niederländische Forschungsagenda NWA widmet lernfähigen Materialien 2026 einen eigenen Schwerpunkt. Neben technischen Fragen wird dann auch der Fokus auf Kontrolle und sicheren Einsatz gestellt.

    Grenze zwischen Material und Maschine verschwimmt
    Statt passiver Werkstoffe entstehen adaptive Systeme, deren Eigenschaften sich aktiv verändern. Künftig sollen zeitabhängiges Verhalten und der Umgang mit unsicheren Bedingungen integriert werden, sogenannte stochastische Szenarien. Das erhöht die Robustheit und macht die Technologie für reale Einsatzumgebungen tauglich. Intelligenz entsteht nicht durch zentrale Steuerung, sondern aus dem Zusammenspiel vieler einfacher Elemente.

  • Früh prüfen, günstig scheitern

    Früh prüfen, günstig scheitern

    SSbD ist ein ganzheitlicher Innovationsrahmen der Europäischen Union. Neue Chemikalien, Materialien, Produkte und Technologien sollen von Beginn an so entwickelt werden, dass sie sicher für Mensch und Umwelt sind – und das über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Dahinter steckt ein klares Prinzip: Risiken früh erkennen und günstig korrigieren, statt spät und teuer reagieren. Die EU nennt es treffend «fail early and fail cheap».

    64 Prozent Übereinstimmung mit EU-Recht
    Die Empa untersuchte im Rahmen des EU-Projekts IRISS 15 zentrale EU-Verordnungen, die für die europäische Industrie entlang der gesamten Wertschöpfungskette relevant sind. Darunter die Chemikalien-, Batterie- und Verpackungsverordnung sowie die Abfallrahmenrichtlinie. 64 Prozent dieser regulatorischen Anforderungen sind bereits im SSbD-Rahmen abgedeckt. «SSbD verlangt in vielen Fällen genau jene Daten und Bewertungen, die Unternehmen später ohnehin für die regulatorische Konformität brauchen», erklärt Studienautor Akshat Sudheshwar von der Empa.

    PFAS als mahnendes Beispiel
    Die Risiken der sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS wurden bei ihrer Einführung mehrheitlich erkannt, jedoch über Jahrzehnte ignoriert. Heute reichern sie sich in Organismen an, sind in der Umwelt nicht abbaubar und verursachen enorme Kosten. Mit einem SSbD-Ansatz hätten diese Risiken früh adressiert werden können. Das Beispiel zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn Unternehmen Sicherheit und Nachhaltigkeit erst nachträglich einplanen.

    Mehraufwand, der sich rechnet
    SSbD erhöht den Aufwand in der frühen Entwicklungsphase, das räumt auch Sudheshwar ein. Wer früh investiert, vermeidet spätere Kosten durch Produktverbote, Sanierungspflichten oder Marktanpassungen. Zentrales Erfolgskriterium für Unternehmen ist die Fähigkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit früh zusammenzudenken und die nötige Expertise in beiden Bereichen aufzubauen.

    Grenzen und politischer Handlungsbedarf
    Verlässliche Daten, toxikologische Informationen und robuste Methoden fehlen bislang. Der SSbD-Rahmen anerkennt diese Lücke ausdrücklich und ist anpassungsfähig. Auf politischer Ebene empfiehlt die Studie Anreize für Unternehmen und regulatorische Erleichterungen sowie Patentverlängerungen oder wirtschaftliche Vorteile könnten den Einstieg erleichtern. Langfristig soll SSbD häufiger Eingang in EU-Verordnungen finden, nicht zwingend als Pflicht, sondern als strategische Orientierung.

  • Wie digitale Systeme die Stadtentwicklung neu ordnen

    Wie digitale Systeme die Stadtentwicklung neu ordnen

    Moderne Städte müssen gleichzeitig Verkehr, Energieversorgung, Wohnen, Infrastruktur, Verwaltung und Klimaanpassung stemmen. Dies bei wachsender Bevölkerung und knapper werdenden Ressourcen. Smart-City-Ansätze verstehen die Stadt als Ökosystem, in dem Mobilität, Energie, Gebäude, Klima und Governance ineinandergreifen. Sensoren, Datenräume und digitale Plattformen schaffen Transparenz, liefern Echtzeitinformationen und verbessern die Grundlage für langfristige Entscheidungen. Entscheidend ist nicht die Digitalisierung einzelner Silos, sondern das Zusammenspiel der Systeme.

    Schweiz in der internationalen Spitzengruppe
    Im IMD Smart City Index belegt Zürich seit Jahren einen Spitzenplatz und führt 2025 erneut die weltweite Rangliste an. Genf und Lausanne rangieren ebenfalls in den Top 10, was die Stärke des Schweizer Ansatzes mit hoher Datenqualität, gut ausgebauter Infrastruktur und starker Forschungslandschaft unterstreicht. Parallel dazu entwickeln mittelgrosse Städte wie St. Gallen, Winterthur oder Lugano eigene Smart-City-Strategien, Datenplattformen und Pilotprojekte. Oft mit Fokus auf Mobilität, Verwaltung und Energie.

    Internationale Vorbilder und unterschiedliche Wege
    Singapur gilt als Referenz für integrierte nationale Digitalstrategien, bei denen Mobilität, Energie, Verwaltung und Gesundheit über Daten und Plattformen verknüpft werden. Kopenhagen kombiniert Smart-City-Technologien mit konsequenter Nachhaltigkeitspolitik und emissionsarmer Mobilität, während Helsinki mit weitgehenden Open-Data-Ansätzen und digitaler Verwaltung punktet. Städte wie Dubai, London oder Amsterdam setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Von grossen Infrastrukturprogrammen über datengetriebene Mobilität bis hin zu datenethischer Governance. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein klarer politischer Wille und langfristige Strategien.

    Governance, Daten und föderale Realität
    Smart City ist nur bedingt eine Technikfrage. Ohne belastbare Datenräume, geklärte Zuständigkeiten, Datenschutzregeln und transparente Entscheidungsprozesse bleiben Projekte Stückwerk. In der föderalen Schweiz kommt hinzu, dass Gemeinden, Städte, Kantone und Bund ihre Rollen koordinieren müssen. Für viele Kommunen bedeutet Smart City deshalb vor allem Prozessmodernisierung, ressortübergreifende Zusammenarbeit und ein neues Verständnis von Stadtentwicklung. UrbanTech und PropTech verbinden dabei Verwaltung, Immobilienwirtschaft, Energie- und Mobilitätssysteme. Je enger diese Systeme gekoppelt sind, desto grösser wird der Hebel für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung.

    Technik als Mittel, nicht als Ziel
    Die erfolgreichsten Smart Cities der Welt zeichnen sich nicht durch die Anzahl ihrer Sensoren, sondern durch ihren Umgang mit Komplexität aus. Sie setzen Technologie gezielt ein, um Lebensqualität, Resilienz und Effizienz zu steigern. Sie betten digitale Lösungen in gesellschaftliche und ökologische Ziele ein. Smart City ist damit weniger ein IT-Projekt als ein Stadtentwicklungsprojekt, in dem Technologie Werkzeug bleibt. Entscheidend ist, wie Städte mit Hilfe von Daten und digitalen Systemen klügere, inklusivere und nachhaltigere Entscheidungen treffen.

    Was genau ist eine Smart City?
    Smart City – präzise definiert:

    Eine Smart City ist eine Stadt, die digitale Technologien, Daten und vernetzte Systeme einsetzt, um Lebensqualität, Nachhaltigkeit, Effizienz und Teilhabe zu verbessern. Sie integriert Energie, Mobilität, Gebäude, Verwaltung und Umwelt in einem gemeinsamen Daten- und Organisationsmodell und nutzt diese Informationen, um Dienstleistungen, Infrastruktur und Stadtplanung intelligent zu steuern.
    Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern die Fähigkeit, sie verantwortungsvoll, sicher und zielgerichtet einzusetzen, im Interesse der gesamten Bevölkerung.

    Smart Cities versprechen Effizienz, Nachhaltigkeit und bessere urbane Dienstleistungen. Gleichzeitig bergen sie Risiken, die sorgfältig adressiert werden müssen. Besonders kritisch sind die folgenden Bereiche:
    Datenschutz und Überwachung

    Durch Sensoren, Kameras, Mobilitätsdaten und vernetzte Infrastrukturen entstehen riesige Datenmengen über Verhalten, Bewegungen und Nutzungen der Bevölkerung. Ohne klare Regeln kann daraus ein Überwachungsrisiko entstehen, sei es durch Staat oder Privatwirtschaft.

    Macht der Algorithmen
    Wenn datenbasierte Systeme Entscheidungen steuern, etwa im Verkehr, in der Verwaltung oder im Energieeinsatz, entsteht die Gefahr intransparenter oder schwer nachvollziehbarer Prozesse. Fehlende Erklärbarkeit oder nicht überprüfbare Modelle können das Vertrauen der Bevölkerung schwächen.

    Demokratische Kontrolle
    Smart-City-Entscheidungen liegen oft an der Schnittstelle zwischen Verwaltung, Technologieanbietern und Infrastrukturbetreibern. Kritiker warnen davor, dass wichtige Stadtentwicklungsentscheidungen zunehmend durch technische Systeme oder private Firmen beeinflusst werden könnten.

    Soziale Ungleichheit
    Digitalisierung ist teuer. Städte mit weniger Ressourcen laufen Gefahr, zurückzufallen. Auch innerhalb einer Stadt kann ein «digital divide» entstehen. Zwischen jenen, die alle Services nutzen können und jenen, die ausgeschlossen bleiben. Sei es aus finanziellen, technischen oder sozialen Gründen.

    Komplexität und Abhängigkeit
    Je smarter eine Stadt, desto stärker ist sie auf digitale Systeme, Plattformen und externe Technologiepartner angewiesen. Ausfälle, Cyberangriffe oder technische Störungen können erhebliche Folgen für Infrastruktur, Sicherheit oder Versorgung haben.

    Fehlende Standards und Governance
    Ohne klare Governance-Modelle entstehen Insellösungen, inkompatible Systeme und unklare Verantwortlichkeiten. Dies kann Effizienzgewinne zunichtemachen und langfristige Investitionen erschweren.

    Internationale Smart-City-Gadgets, die Schlagzeilen gemacht haben
    Smart Lamp Posts, vernetzte Strassenlaternen (Barcelona, Los Angeles, London)
    Smarte Laternen mit Sensorik für Verkehr, Lärm, Wetter, Luftqualität und Parkplatzdetektion.
    Aufsehen erregten sie, weil sie als harmlose Infrastruktur getarnt sind, aber grosse Datenmengen sammeln.
    – Symbol für „sichtbare unsichtbare“ Smart-City-Technologie.

    «Quayside Project» Sidewalk Labs Sensor-Masten (Toronto)
    Alphabet/Google plante ein Quartier mit vollsensorierter Umgebung.
    Temperatur, Bewegung, Mobilität, Müll, Energie, alles sollte in Echtzeit gemessen werden.
    – Wurde nach Kritik am Datenschutz gestoppt. Weltweit diskutiert.

    «Lampposts-as-a-Platform» (Singapur)
    Singapur stattete Laternen mit Kameras, Mikrofonen und IoT-Modulen aus, als Infrastruktur für autonomes Fahren und Sicherheitssysteme.
    – International bekannt wegen KI-basierter Überwachung und Effizienz.

    Smart Waste Bins, solarbetriebene Abfallcontainer (Bigbelly, New York, Berlin, Wien)
    Pressen Müll zusammen, melden Füllstände und dienen teilweise als WLAN-Hotspots.
    – War in Schlagzeilen, weil manche Modelle heimlich Daten sammeln konnten („WLAN Tracking“).

    Intelligente Parkflächen, Sensorparkplätze (San Francisco, Amsterdam)
    Bodensensoren melden freie Parkplätze in Echtzeit.
    – Bekannt durch das Projekt SFpark, das den Verkehr messbar reduzierte.

    Autonomous Delivery Robots (London, Tallinn, San Francisco)
    Roboter, die Lebensmittel und Pakete transportieren.
    – Medienaufreger, weil sie als „neue Verkehrsteilnehmer“ auf den Gehwegen gelten.

    KI-basierte Verkehrsampeln (Hangzhou, Tel Aviv, Los Angeles)
    Kameras und KI steuern Ampeln dynamisch, reduzieren Stauzeiten um bis zu 30 %.
    – Besonders bekannt wurde das System „City Brain“ von Alibaba in Hangzhou.

    Drohnenprogramme für Rettung und Logistik (Ruanda, Dubai, Zürich)
    Drohnen liefern Medikamente, Defibrillatoren und Medizinisches Material.
    – Bekannt durch Zipline (Ruanda) und die medizinische Drohnenlogistik in der Schweiz.

    Smart Benches mit Ladefunktion und Sensorik (Prag, New York, Dubai)
    Solarmodule laden Smartphones, integrierte Sensoren messen Umweltwerte.
    – Viral, weil sie Design, Energie und Technologie vereinen.

    Holographische Bürgerinformationen und AR-Karten (Seoul, Tokio, Shanghai)
    Interaktive AR-Displays zur Navigation, Beteiligung oder Verwaltung.
    – Erste Prototypen wurden auf Messen gefeiert und global geteilt.

    Sound Traffic Light, Lärmradarsysteme (Paris)
    Kameras und Mikrofone messen zu laute Fahrzeuge und lösen automatisch Bussgelder aus.
    – Grosses Medienecho durch Privatsphäre vs. Lärmbekämpfung.

    Roboterpolizei und autonome Sicherheitsfahrzeuge (Dubai)
    Dubai präsentierte als eine der ersten Städte „Robocop“-ähnliche Überwachungsroboter.
    – Globales Medienthema, futuristisch und kontrovers zugleich.

    Top 20 Smart Cities 2025 – Internationale Rangliste

    1. Zürich (Schweiz)
    Überragende Kombination aus Lebensqualität, digitaler Verwaltung, Mobilität und Energieeffizienz.

    2. Oslo (Norwegen)
    Führend im Klimaschutz, in autonomen Mobilitätslösungen und in digitaler Governance.

    3. Singapur (Singapur)
    Smart Nation als staatliches Leitprinzip, vollintegrierte Mobilität & Verwaltung.

    4. Genf (Schweiz)
    Internationale Governance, smartes Mobilitätsmanagement, hohe urbane Servicequalität.

    5. Kopenhagen (Dänemark)
    Weltweit führend in nachhaltiger Stadtentwicklung und vernetzter Mobilitätsplanung.

    6. Lausanne (Schweiz)
    Starke Forschung (EPFL), innovative Stadtplanung, Mobilitäts- und Energiedatenräume.

    7. Helsinki (Finnland)
    Offene Daten, digitale Verwaltung und eine der höchsten Transparenzstandards weltweit.

    8. London (Vereinigtes Königreich)
    Mobilitätsdaten, KI-Pilotzonen, Sharing Economy und weltweit führende GovTech-Szene.

    9. Abu Dhabi (VAE)
    Massive Digitalisierung der Verwaltung, Smart Mobility & automatisierte Infrastruktur.

    10. Amsterdam (Niederlande)
    Pionier in Datenethik, Circular Economy und bürgerorientierten Smart-City-Projekten.

    11. Stockholm (Schweden)
    Starke IoT-Infrastruktur, Energieeffizienz, digitaler Zugang zu öffentlichen Diensten.

    12. Seoul (Südkorea)
    Smart Governance, KI-Ampelsysteme, hochvernetzte Stadtinfrastruktur.

    13. Dubai (VAE)
    Eine der technologiegetriebensten Städte der Welt: autonomer Verkehr, 3D-Druck, GovTech.

    14. Wien (Österreich)
    Exzellente Verwaltung, Smart Living, soziale Innovation und urbane Resilienz.

    15. Barcelona (Spanien)
    Urbane Sensorik, Mobilitätsplattformen, Open-Data-Bewegung und Civic Tech.

    16. Prag (Tschechien)
    Aufstieg in Europa: Smart Mobility, digitale Verwaltung, Open-Data-Initiativen.

    17. Tokio (Japan)
    Autonome Mobilität, Robotik, smarte Infrastruktur im Megastadtmaßstab.

    18. Tallinn (Estland)
    E-Government-Weltmeister, Blockchain-basierte Verwaltung, digitale Identität.

    19. Canberra (Australien)
    Digitale Verwaltung und Mobilitätssysteme auf sehr hohem Niveau.

    20. Vancouver (Kanada)
    Nachhaltige Stadtplanung, Smart Mobility, starke Tech- und Innovationsszene.

  • Wasserstoff kann viel, aber nicht alles

    Wasserstoff kann viel, aber nicht alles

    Das Fraunhofer ISI analysierte im Rahmen eines Meta-Faktenchecks 774 Einzelaussagen und verdichtete sie zu 77 Kernaussagen. Dabei entstand kein neues Meinungspapier, sondern eine Synthese des aktuellen Wissensstands. Das Resultat ist differenziert, aber in den Kernpunkten unmissverständlich. Hauptautor Nils Bittner bringt es auf den Punkt, Wasserstoff kann enorme Wirkung entfalten, wo es keine gleichwertigen Alternativen gibt. Wo es solche Alternativen gibt, kostet sein Einsatz wertvolle Ressourcen und Zeit.

    Der Effizienz-Engpass
    Das Grundproblem liegt in der Physik. Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse. Dabei werden je nach Verfahren rund 50 bis 60 kWh Strom pro Kilogramm benötigt. Kompression, Transport und Rückumwandlung schlucken weitere Energie. Am Ende bleibt oft nur ein Bruchteil der ursprünglich eingesetzten Kilowattstunden übrig. Wärmepumpen und Batteriefahrzeuge nutzen denselben Strom deshalb um ein Vielfaches effizienter.

    Wo H₂ unverzichtbar bleibt
    Trotzdem gibt es Bereiche, in denen Wasserstoff keine sinnvolle Alternative hat. Die Stahlindustrie braucht ihn zur Reduktion von Eisenerz, die Chemieindustrie als Grundstoff für Ammoniak und Methanol. Luftfahrt, Schifffahrt und Schwerlastverkehr lassen sich kaum direkt elektrifizieren . Hier ist Wasserstoff das Mittel der Wahl. Auch für die saisonale Langzeitspeicherung von Energie über Wochen und Monate gibt es derzeit keine vergleichbare Alternative. In der Schweiz deckt sich diese Einschätzung mit der Wasserstoffstrategie des Bundes, die H₂ primär für Hochtemperatur-Prozesswärme und schwer dekarbonisierbare Verkehrssektoren vorsieht.

    Das Henne-Ei-Problem bremst den Hochlauf
    Eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft braucht Infrastruktur, wie Pipelines, Kavernenspeicher, Elektrolyseanlagen. Doch Unternehmen investieren erst, wenn die Versorgung gesichert ist und Netzbetreiber bauen erst, wenn genügend Nachfrage vorhanden ist. Dieses Henne-Ei-Problem verlangsamt den Markthochlauf erheblich. Das Fraunhofer ISI empfiehlt deshalb eine Konzentration auf industrielle Cluster statt ein flächendeckendes Netz bis in Wohngebiete.

    Importe lösen das Problem nur halb
    Deutschland wird bis zu 80 Prozent seines Wasserstoffbedarfs importieren müssen. Der Transport über grosse Distanzen erfordert meist eine Umwandlung in Ammoniak oder Flüssigwasserstoff, mit weiteren Energieverlusten. Statt fossiler Abhängigkeiten entstehen so neue globale Lieferketten. Auch die Schweiz wird nicht zum Wasserstoff-Selbstversorger. Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft haben im Februar 2026 erstmals eine gemeinsame Wasserstoffstrategie verabschiedet und kalkulieren für 2050 mit einem Bedarf von 0,4 bis 3,4 Prozent des Gesamtenergiebedarfs, konzentriert auf Industrie und Schwerverkehr.

  • Wie Forscher Beton zum Klimaretter machen

    Wie Forscher Beton zum Klimaretter machen

    Das EU-Projekt CARBCOMN, gestartet 2024 und gefördert im Rahmen von Horizon Europe mit rund sechs Millionen Euro, verfolgt einen radikalen Ansatz. Statt mehr Material einzusetzen, optimieren die Forschenden die Form. Das Prinzip nennt sich «compression dominant structures»: Betonbauteile werden so gestaltet, dass sie fast ausschliesslich auf Druck beansprucht werden, ähnlich wie die Bögen historischer Steinbrücken. Beton hält Druck gut aus, Zugkräfte aber kaum. Wer das konsequent ausnutzt, braucht weniger Material und weniger Bewehrung.

    Gedruckt, nicht gegossen
    Digitale Fertigung macht Formen möglich, die mit traditioneller Schalung undenkbar wären. Der Roboter druckt den Beton schichtweise und lässt Hohlräume dort frei, wo keine Verstärkung nötig ist, direkt gesteuert durch das digitale Modell. Das spart nicht nur Material, sondern reduziert auch die seismische Belastung proportional zum Gewichtsverlust. In erdbebengefährdeten Regionen ist das ein entscheidender Vorteil.

    Kein Zement, kein Problem
    Der Beton des CARBCOMN-Projekts enthält keinen Zement. Als Bindemittel dient Stahlschlacke, ein Nebenprodukt der Stahlindustrie. Nach dem Druck kommen die Bauteile in eine Kammer, in der CO₂ injiziert wird. Die Reaktion mit der Schlackemischung härtet den Beton und bindet das Treibhausgas dauerhaft. Das Resultat ist ein Baustoff mit negativer CO₂-Bilanz, der ausschliesslich aus Industrieabfällen besteht.

    Metall mit Gedächtnis
    Ganz ohne Bewehrung kommt dieser Beton nicht aus, jedoch mit einer Spezialität der Empa seit rund 20 Jahren, der eisenbasierte Formgedächtnislegierungen (Fe-SMA). Diese vorgedehnten Metallstäbe ziehen sich beim Erhitzen zusammen, statt auszudehnen und spannen so das Bauteil nachträglich vor. Sie werden erst nach dem Druck eingesetzt, stören den automatisierten Prozess nicht und lassen sich später vom Beton trennen. Das Empa-Spinoff re-fer bringt diese Technologie direkt ins Konsortium ein.

    Gebaut für die Demontage
    Was gebaut wird, soll auch wieder abgebaut werden können. Die einzelnen Betonmodule sind als diskrete Blöcke konzipiert, die sich lösen, transportieren und andernorts neu zusammensetzen lassen. Zaha Hadid Architects und Mario Cucinella Architects entwickeln gemeinsam mit den Ingenieurteams freigeformte Strukturen, die dieses Kreislaufprinzip architektonisch ausdrücken. Bis 2028 soll ein realer Prototyp beweisen, dass Betonbau auch so aussehen kann.

  • Hausbau aus Plastikmüll

    Hausbau aus Plastikmüll

    Die PET-Flasche von heute könnte morgen Teil eines Bodenbalkens sein, als tragendes Element. Am Massachusetts Institute of Technology untersucht ein Forschungsteam, wie sich recycelter Kunststoff im großformatigen 3D-Druck zu tragfähigen Bauteilen formen lässt. Im Fokus steht dabei ein Balkensystem, das speziell für den Einsatz im Wohnungsbau entwickelt und getestet wurde.

    Fachwerk aus Kunststoff statt Holz
    Die neuen Balken wirken auf den ersten Blick vertraut, denn sie orientieren sich an der Geometrie klassischer Holzfachwerke. Ein Rahmen mit diagonalen Streben nimmt Kräfte auf und verteilt sie, eine seit Jahrzehnten bewährte Bauweise. Neu sind Material und Fertigung. Gedruckt wird mit einem Verbund aus recyceltem PET und Glasfasern, der für Steifigkeit sorgt und das Druckverhalten stabilisiert. Jeder Balken misst rund 2,4 m Länge, etwa 30 cm Höhe und gut 2,5 cm Breit, bei nur etwa 6 kg Gewicht und damit deutlich weniger Masse als ein vergleichbarer Holzbalken. Die Fertigungszeit ist kurz, unter 13 Minuten pro Bauteil reichen für den Druck.

    Belastungstest unter Praxisbedingungen
    Um die Alltagstauglichkeit zu prüfen, montierte das Team vier Balken parallel und verschraubte sie mit einer Holzwerkstoffplatte zu einem Bodenrahmen von etwa 1,2 mal 2,4 m, ein in den USA gängiges Rastermass. Anschliessend wurde die Fläche mit Sandsäcken und Betongewichten schrittweise belastet, während die Durchbiegung kontinuierlich gemessen wurde. Bis rund 140 kg Last blieb die Verformung deutlich unter den in den US-Bauvorschriften zulässigen Grenzwerten. Erst bei über 1’800 kg Gesamtlast versagte die Konstruktion, die Balken knickten ein und brachen. Ein Hinweis darauf, dass die Steifigkeit grundsätzlich ausreicht, um einschlägige Anforderungen im Wohnungsbau zu erfüllen.

    Leicht, modular, schnell montiert
    Neben der Tragfähigkeit ist das geringe Gewicht ein entscheidender Vorteil des Systems. Die Kunststoffbalken lassen sich mit einem Pickup transportieren, was Logistik und Handling auf der Baustelle vereinfacht. Die Montage folgt dem Prinzip klassischer Holzrahmen. Die Elemente werden vor Ort verschraubt und zu einem tragenden Skelett gefügt. Perspektivisch zielt das Konzept auf modulare Hausrahmen, bei denen Boden, Wände und Dach aus standardisierten, gedruckten Bauteilen bestehen. Besonders interessant ist dieser Ansatz für Regionen, in denen Holz knapp oder teuer ist.

    Plastikabfall als Rohstoff für eine Milliarde Häuser
    Auslöser des Projekts ist die enorme weltweite Wohnraumnachfrage. AJ Perez von der MIT School of Engineering verweist darauf, dass bis 2050 rund eine Milliarde neue Häuser benötigt werden. Ein Bedarf, der sich mit Holz allein kaum decken lässt, ohne gigantische Waldflächen zu roden. Stattdessen sollen bestehende Abfallströme genutzt werden. Einwegkunststoffe wie Flaschen oder Lebensmittelverpackungen erhalten ein zweites Leben als Bauprodukt. Ziel sind Bauteile, die leichter, langlebiger und nachhaltiger sind als konventionelle Alternativen.

    Kosten, Normen, Langzeitverhalten
    Trotz der vielversprechenden Ergebnisse steht die Technologie noch am Anfang. Unklar sind bislang die tatsächlichen Kosten im industriellen Massstab, die Anpassung von Normen und Zulassungsprozessen sowie das Langzeitverhalten der Bauteile unter Witterung, UV-Strahlung und wechselnden Lasten. Für die Planung, Entwicklung und Bauindustrie eröffnet das Projekt dennoch spannende Perspektiven. 3D-gedruckte Tragwerke aus Recyclingkunststoff könnten den Materialmix im Hochbau verändern. Vorausgesetzt, Wirtschaftlichkeit und Dauerhaftigkeit lassen sich überzeugend nachweisen.

  • Zirkulär denken, Holz neu drucken

    Zirkulär denken, Holz neu drucken

    Strengere Vorgaben zur energetischen Nutzung von Altholz führen dazu, dass grosse Mengen Holzabfall nicht mehr einfach verbrannt werden dürfen, aber stofflich verwertbar bleiben. Das Fachgebiet «Experimentelles und Digitales Entwerfen und Konstruieren» der Universität Kassel entwickelt gemeinsam mit Buro Happold ein 3D-Druckverfahren, das Restholzpartikel in tragfähige Wandbauteile überführt. Gefördert wird das Vorhaben im Rahmen des Programms «Zukunft Bau» des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

    ​Im Fokus steht ein biobasierter Druckwerkstoff aus zerkleinerten Altholzpartikeln, die überwiegend aus sekundären Stoffströmen der Holzindustrie – also aus post-consumer-Holz – stammen. Industriepartner bereiten das Material auf und mischen es mit biogenen Bindemitteln zu einer pastösen Masse, die sich robotergestützt extrudieren lässt.

    Leichte Bauteile aus dem 3D-Drucker
    Das Ergebnis unterscheidet sich klar vom bekannten 3D-Betondruck. Die Masse aus Holzpartikeln und Bindemittel wird im Massstab 1:1 schichtweise aufgetragen und formt leichte, aber tragfähige Bauteile. Möglich sind flächige Wandstrukturen ebenso wie frei geschwungene Geometrien, die sich konstruktiv und architektonisch präzise anpassen lassen.

    ​Die aktuelle Projektphase Rafa 2.0 läuft über 18 Monate und baut auf dem Vorgängerprojekt Rafa auf, in dem die Forschenden die Eignung von Altholzpartikeln für die additive Fertigung grundlegend untersucht haben. Nun werden Materialrezepturen verfeinert, der Extrusionsprozess optimiert und die Bauteile unter Laborbedingungen getestet, mit dem Ziel eines durchgängigen digitalen Herstellungsprozesses bis hin zum vollmassstäblichen Prototyp.

    Tragfähig, brandschutzgerecht und zirkulär
    Damit das Konzept in der Praxis trägt, müssen die gedruckten Elemente mehr leisten als nur Form zu zeigen. Gefordert sind Tragfähigkeit, Steifigkeit und ein Brandschutzverhalten, das den Anforderungen im Innenausbau entspricht. Ein erstes Einsatzfeld sehen die Projektpartner in modularen Wandsystemen, die sich einfach montieren, demontieren und an anderer Stelle wiederverwenden lassen.

    ​Dieses Prinzip passt zu zirkulären Bauansätzen, bei denen Bauteile nicht am Ende ihres Lebenszyklus entsorgt, sondern in neue Nutzungen überführt werden. Die Bauteile lassen sich sortenrein Rückbauen, weil auf schadstoffhaltige Komponenten verzichtet wird . Eine Voraussetzung für geschlossene Materialkreisläufe im Holzbau.

    Digitale Planung als Schlüsseltechnologie
    Eine zentrale Rolle spielt die digitale Planung. Buro Happold verantwortet Computational Design und Tragwerksplanung und setzt Simulationen ein, um das strukturelle Verhalten der Bauteile zu prognostizieren. Geometrien werden so optimiert, dass Material nur dort eingesetzt wird, wo es statisch notwendig ist – Ressourceneffizienz wird zur Gestaltungsaufgabe.

    ​«Wir machen aus Abfall eine Chance, zurückgewonnenes Holz wird durch digitales Design und additive Fertigung zu leistungsfähigen Bauteilen», beschreibt Shibo Ren von Buro Happold den Ansatz. Weg vom linearen Verbrauch, hin zu einer zirkulären, datenbasierten Baupraxis, die Robotik, Ingenieurwesen und Gestaltung eng verzahnt.

    Perspektiven für die Praxis
    Kurzfristig zielt das Verfahren auf geringeren Materialeinsatz und niedrigere Emissionen gegenüber betonbasierten 3D-Drucktechnologien. Langfristig könnte es neue Märkte für biobasierte additive Bauweisen eröffnen. Insbesondere dort, wo geringes Gewicht, Rückbaubarkeit und architektonische Freiheit gefragt sind.

    ​Ob und wie schnell sich der Ansatz wirtschaftlich durchsetzt, hängt von Skalierung, Normen und der Akzeptanz in der Baupraxis ab. Technisch zeigt das Projekt jedoch bereits heute, Zirkuläres Bauen beginnt nicht erst beim Recycling, sondern beim Entwurf. Dort, wo Materialien, Prozesse und Lebenszyklen neu gedacht werden.

  • Modernisierung und Gebäudemobilität: Warum wir auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen müssen

    Modernisierung und Gebäudemobilität: Warum wir auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen müssen

    Besonders deutlich zeigt sich das bei alternden Aufzügen und Rolltreppen. Weltweit sind davon rund 10 Millionen solcher Anlagen in Betrieb, die meisten in dicht besiedelten Stadtzentren. Sie sind anfälliger für Störungen und Sicherheitsrisiken. Oft schränken alternde Aufzüge auch Menschen mit Behinderungen in ihrer Bewegungsfreiheit ein, zum Beispiel durch umständlich zu öffnende Drehtüren.

    Modernisierung ist nicht nur eine Frage der Sicherheit oder des Komforts. Sie ist auch eines der wirksamsten Instrumente zur Emissionsreduzierung. Das Bauwesen ist bereits für etwa 40 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich – eine Zahl, die sich innerhalb von 25 Jahren verdoppeln könnte, wenn nichts unternommen wird. Die Europäische Kommission schätzt, dass 85 bis 95 % der Gebäude, die im Jahr 2050 existieren werden, bereits heute stehen. Ein Ersatz dieser Gebäude ist keine Option. Der Schlüssel zur CO₂-Reduktion ist daher nicht der Neubau, sondern das Nachrüsten der älteren, aber noch funktionierenden Systeme.

    Für alle, die ihre Gebäude und Städte lebendig erhalten wollen, ist Modernisierung eine notwendige Investition in Resilienz, Nachhaltigkeit und allgemeines Wohlbefinden. Vernetzte, datengesteuerte Systeme können heute Verschleiss erkennen, Wartungsbedarf vorhersagen und die Lebensdauer von Anlagen verlängern – und machen Städte damit nicht nur sicherer, sondern auch smarter und ökologischer.

    Für viele Gebäudeeigentümer ist die Modernisierung nach wie vor eine Herausforderung. Hohe Investitionskosten, lange Ausfallzeiten und die Unsicherheit darüber, wo man anfangen soll, sind häufige Bedenken. Oft bietet sich eine partielle Modernisierung als vernünftiger Mittelweg an. Sie kombiniert die Vorteile neuer Technologien mit der Weiterverwendung intakter Komponenten und reduziert so Kosten und Betriebsunterbrechungen erheblich – ohne den Aufwand und die Stillstandszeiten einer vollständigen Erneuerung in Kauf nehmen zu müssen. Im Aufzugsbereich lassen sich dadurch bis zu 90 Prozent CO₂ gegenüber einem Komplettaustausch einsparen.

    Unsere Städte lassen sich nicht neu zeichnen, aber sie lassen sich weiterentwickeln. Wenn wir die Mobilitätssysteme modernisieren, die täglich Millionen von Menschen befördern, schaffen wir städtische Umgebungen, die sicherer, integrativer und klimafreundlicher sind – und bereit für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte.

  • Schweizer Deep-Tech an der CES 2026

    Schweizer Deep-Tech an der CES 2026

    BTRY präsentiert eine neue Klasse ultradünner Festkörper-Lithium-Ionen-Batterien, die für Anwendungen mit extremen Anforderungen an Bauhöhe, Sicherheit und Ladegeschwindigkeit entwickelt wurden. Die Zellen sind ab rund 0,1 Millimeter Dicke verfügbar, lassen sich in etwa einer Minute vollständig aufladen und funktionieren auch bei Temperaturen bis etwa 150 Grad Celsius stabil.

    Dank All-Solid-State-Architektur kommen sie ohne flüssige Elektrolyte aus, sind dadurch weniger brandgefährdet und erlauben sehr schnelles Laden ohne zusätzliche Pufferkondensatoren. Zielmärkte sind vernetzte Kleingeräte wie Smart Labels, drahtlose Sensoren, Wearables und medizinisch-technische Anwendungen, bei denen konventionelle Batterien oft zu voluminös oder zu langsam sind.

    Lautlose Kühlung für Hochleistungsrechner
    Ionic Wind zeigt an der CES ein Lenovo ThinkPad T14, das nicht mit einem Lüfter, sondern mit einer Festkörper-Ionenwind-Technologie gekühlt wird. Statt mechanischer Ventilatoren erzeugen elektrische Felder einen gerichteten Luftstrom, der die Wärme abführt, ohne bewegliche Teile und praktisch geräuschlos.

    Diese Technologie macht Luft zum elektrisch steuerbaren Designparameter und öffnet Gestaltungsspielräume für Laptops, Edge-AI-Geräte und kompakte Elektronik, in denen klassische Lüfter an Grenzen stossen. Neben der Geräuschreduktion verspricht Ionic Wind höhere Zuverlässigkeit, weil verschleissanfällige mechanische Komponenten entfallen.

    Gedruckte Perowskit-Solarzellen
    Perovskia Solar setzt seine Präsenz an der CES fort und zeigt Inkjet-gedruckte Solarzellen auf Basis von Perowskit-Materialien. Die Zellen lassen sich massgeschneidert produzieren und in eine Vielzahl elektronischer Geräte und Sensoren integrieren – etwa in Kleingeräte, Wearables oder autonome IoT-Sensoren.

    Perowskit-Solarzellen zeichnen sich durch hohe Wirkungsgrade bei niedrigen Herstellungskosten und grosse Gestaltungsfreiheit aus. Das Unternehmen demonstriert, wie sich Energieerzeugung direkt in Geräteoberflächen integrieren lässt, was Batterien entlastet und neue, energieautarke Anwendungen ermöglicht.

    Bedeutung für Empa und den Hardware-Standort Schweiz
    Die gemeinsame Präsenz von BTRY, Ionic Wind und Perovskia Solar auf der CES zeigt, dass die Empa nicht nur Grundlagenforschung betreibt, sondern zunehmend Deep-Tech-Start-ups hervorbringt, die auf globalen Märkten skalieren. Die Projekte adressieren Bereiche, in denen inkrementelle Verbesserungen an Grenzen stossen, wie Batterietechnik, Elektronikkühlung und Photovoltaik.

    Damit profilieren sich Empa und Schweiz als Standort für Hardware-Innovationen, die direkt in industrielle Anwendungen fliessen. Die Start-ups verbinden wissenschaftliche Exzellenz mit internationaler Sichtbarkeit, Kundenvalidierung und globalen Wachstumsambitionen und verschieben den Schwerpunkt von «Forschung im Labor» zu «Produkten auf der Weltbühne».

  • Megafusion mit Signalwirkung

    Megafusion mit Signalwirkung

    Glencore und Rio Tinto haben bestätigt, dass sie in vorläufigen Gesprächen über eine mögliche Kombination «einiger oder aller» Geschäftsbereiche stehen. Im Markt gilt ein All-Share-Deal als wahrscheinlich, strukturiert als court-sanctioned scheme of arrangement, bei dem Rio Tinto Glencore vollständig übernimmt.​

    Nach britischem Übernahmerecht hat Rio Tinto bis 5. Februar 2026, 17.00 Uhr London-Zeit, Zeit  eine «firm intention to make an offer» zu veröffentlichen oder die Gespräche zu beenden. Dies ist die klassische «put up or shut up»-Frist. Beide Unternehmen betonen ausdrücklich, dass es keinerlei Sicherheit gibt, dass ein formelles Angebot oder überhaupt ein Deal zustande kommt.​

    Mögliche Deal-Struktur und strategische Logik
    Diskutiert wird ein Mega-Merger mit einem kombinierten Unternehmenswert von deutlich über 200 Milliarden US-Dollar. Er würde einen der grössten Mining- und Rohstoffkonzerne der Welt mit über 200’000 Mitarbeitenden schaffen. Die Spannbreite reicht von einer Vollübernahme bis zu Teiltransaktionen, etwa mit Fokus auf Glencores Kupfer-Minen und andere Energiewende-Metalle.​

    Knackpunkt sind Glencores Kohlegeschäft und das umfangreiche Trading-Portfolio. Rio Tinto ist aus der Kohle ausgestiegen und dürfte wenig Interesse an einer dauerhaften Rückkehr haben. Szenarien reichen von einer temporären Übernahme mit anschliessender Abspaltung über Spin-offs bis zu einem Deal, bei dem nur ausgewählte Assets wie etwa Kupfer in Rio Tinto integriert werden.​

    Kupfer als Treiber
    Strategisch geht es um Zugriff auf Rohstoffe für Dekarbonisierung und Digitalisierung. Beide Konzerne verfügen über bedeutende Kupfervorräte. Zusammen würden sie zu einem dominanten Anbieter eines Metalls, das für Netzausbau, E-Mobilität, erneuerbare Energien und energieintensive Rechenzentren unverzichtbar ist.​

    Analysten verweisen darauf, dass Kupfernachfrage bis 2040 um rund 50 Prozent steigen könnte, während das Angebot zeitweise hinterherhinkt. Ein Umfeld, das Grösse, Kapitalstärke und Pipeline-Tiefe belohnt. Ein Zusammenschluss würde die Konsolidierung im globalen Mining-Sektor weiter vorantreiben und die Marktmacht weniger Schwergewichte verstärken.​

    Bedeutung für Zug und den Rohstoffplatz Schweiz
    Glencore mit Sitz in Baar ist einer der wichtigsten Rohstoffkonzerne und Steuerzahler der Schweiz, mit rund 1000 Mitarbeitende arbeiten im Raum Zug. Bei einem Aktiendeal würde der Konzern voraussichtlich in eine globale Rio-Tinto-Struktur integriert, Details zu Sitz, Notierung, Governance und Funktionen in Zug sind jedoch offen.​

  • Mehrheitsbeteiligung treibt Wachstum im peruanischen Markt voran

    Mehrheitsbeteiligung treibt Wachstum im peruanischen Markt voran

    Das Zuger Baustoffunternehmen Holcim hat die Akquisition einer Mehrheitsbeteiligung am peruanischen Baustoffunternehmen Cementos Pacasmayobekanntgegeben. Mit der Transaktion stärke Holcim seine Präsenz im Wachstumsmarkt Lateinamerika und verfolgt seine NextGen Growth Strategy 2030, heisst es in der Mitteilung.

    Cementos Pacasmayo rechnet 2025 mit einem prognostizierten Nettoumsatz von 630 Millionen Dollar und einer EBITDA-Marge von 28 Prozent. Das Transaktionsvolumen von 1,5 Milliarden Dollar entspricht damit einem 8,8-fachen des für 2025 prognostizierten EBITDA. Die Übernahme soll sich im ersten Jahr positiv auf den Gewinn pro Aktie (EPS) und den freien Cashflow auswirken, im dritten Jahr dann auch auf die Kapitalrendite (ROIC).

    „Die synergetische Übernahme von Cementos Pacasmayo steht im Einklang mit unserer Strategie ‚NextGen Growth 2030‘, mit der wir das Wachstum in der attraktiven Region Lateinamerika beschleunigen wollen“, wird Holcim-CEO Miljan Gutovic zitiert. „Dies ist eine Gelegenheit, das aussergewöhnliche Erbe von Cementos Pacasmayo fortzuführen, das auf einer starken Leistungskultur, einem tiefen Engagement für seine Mitarbeiter und einer in Peru hoch angesehenen Marke basiert. Das Unternehmen ist sehr cash-generativ und verfügt über ein komplementäres Portfolio an Baumaterialien und Baulösungen. Ich freue mich darauf, die 2000 Mitarbeiter von Pacasmayo bei Holcim willkommen zu heissen und gemeinsam weiter zu wachsen.“

    Die rund 300 Verkaufspunkte von Cementos Pacasmayo ergänzen künftig Holcims Präsenz in Lateinamerika. Holcim war bereits im vergangenen Jahr mit den Übernahmen von Comacsa, Mixercon, und der Compañía Minera Luren in den peruanischen Baustoffmarkt eingetreten.

    Die Transaktion, deren Abschluss im ersten Halbjahr 2026 erwartet wird, steht im Einklang mit Holcims wachstumsorientierter Kapitalallokation und unterliegt den üblichen behördlichen Genehmigungen.

  • Ausbau des Recyclings von Baumaterialien in Europa

    Ausbau des Recyclings von Baumaterialien in Europa

    Die Holcim AG mit Sitz in Zug will ihr Portfolio im Bereich des Rezyklierens von Baumaterialien in Europa deutlich ausweiten. Wie es in einer Mitteilungheisst, akquirierte das international agierende Baustoffunternehmen dazu zwei Abbruchunternehmen in England und Deutschland und bereitet die Übernahme eines dritten in Nordwestfrankreich vor. Diese drei Unternehmen rezyklieren bislang jährlich 1,3 Millionen Tonnen Bauschutt.

    Zu den Neuerwerbungen zählen Thames Materials aus Westlondon sowie die A&S Recycling GmbH aus Hannover. Das in Nordwestfrankreich tätige Unternehmen wurde von Holcim bislang nicht näher benannt. Mit Thames Materials agiert Holcim nun im Grossraum London. Hier hatte Holcim bereits 2023 das Logistikunternehmen Sivyer Logistics in Ostlondon übernommen. A&S Recyling bereitet mit drei Standorten im deutschen Bundesland Niedersachsen Abbruchmaterialien in Norddeutschland auf. Mit der Übernahme des französischen Unternehmens erhöht Holcim die Zahl der von ihm im Land geführten Recyler auf 28.

    „Die Übernahmen von Thames Materials, der A&S Recycling GmbH und eines Recyclingunternehmens in Nordwestfrankreich werden unsere führende Position im Bereich des zirkulären Bauens weiter ausbauen und zu unserem Ziel NextGen Growth 2030 beitragen, jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen Bauabbruchmaterialien zu rezyklieren“, wird Milan Gutovic, CEO von Holcim, in der Mitteilung zitiert.

  • Heisser Beton aus Pompeji

    Heisser Beton aus Pompeji

    Römischer Beton bildet das Rückgrat vieler Bauwerke von Hafenanlagen bis zu Aquädukten, die seit über 2000 Jahren Wind, Wetter und Erdbeben trotzen. Die Arbeitsgruppe um Admir Masic am MIT untersucht seit Jahren, warum dieser Baustoff so aussergewöhnlich dauerhaft ist und stützt sich dabei auf chemische Analysen antiker Mörtel. Bereits 2023 formulierte das Team die Hypothese, dass die Römer Kalk nicht als fertig gelöschten Brei einsetzten, sondern als Branntkalk zusammen mit Vulkanasche trocken mischten und erst danach Wasser zugaben.

    Pompeji als konservierte Baustelle
    Die jüngsten Untersuchungen basieren auf einer einzigartigen Fundstelle in Pompeji. Einer durch den Vesuvausbruch von 79 n. Chr. «eingefrorenen» Baustelle mit halbfertiger Mauer, Materialhaufen und Werkzeugen. In Proben aus den vorgemischten Trockenhaufen, aus im Bau befindlichen Wänden und aus fertigen Bauteilen fanden die Forschenden nicht nur die bekannten weißen Kalkklasten, sondern auch unversehrte Fragmente von Branntkalk in der Trockenmischung. Das spricht dafür, dass die Löschreaktion, also das Reagieren des gebrannten Kalks mit Wasser, erst beim eigentlichen Mischen und Erhärten des Betons stattfand und nicht vorgängig, wie es in klassischen Beschreibungen dargestellt wird.

    Widerspruch zu Vitruv und wie er sich auflöst
    Vitruv schilderte im 1. Jahrhundert gegen Chr. in «De architectura», dass Kalk zunächst mit Wasser gelöscht und dann mit Zuschlägen vermischt worden sei. Die nun identifizierte Heissmischtechnik weicht davon ab, indem der Kalk als Branntkalk in der Trockenphase mit Vulkanasche kombiniert wird und das Wasser erst danach hinzukommt. Isotopenanalysen der Mörtel belegen die charakteristischen Karbonatisierungsverläufe, die zu diesem Prozess passen und sich von Mörteln mit vorgängig gelöschtem Kalk unterscheiden. Anstatt Vitruv komplett zu «widerlegen», deuten Fachkreise die Befunde eher so, dass seine Beschreibung nicht das gesamte Spektrum der römischen Praxis abbildet. Regionale oder zeitliche Varianten wie das Heissmischen scheinen verbreiteter gewesen zu sein, als lange angenommen.

    Selbstheilender Beton als Vorbild für morgen
    Der Heissmischprozess erzeugt beim Kontakt von Branntkalk und Wasser erhebliche Wärme, wodurch reaktive Kalkpartikel in der Betonstruktur eingeschlossen werden. Bilden sich später Mikrorisse, können sich diese Partikel erneut lösen, mit eindringendem Wasser reagieren und die Risse wieder verfüllen. Ein Mechanismus der Selbstheilung, der die Langlebigkeit römischer Bauwerke plausibel erklärt. Die neuen Erkenntnisse fliessen in die Entwicklung moderner, nachhaltiger Beton ein. Ziel ist, CO₂-intensive Bindemittelanteile zu reduzieren, die Lebensdauer von Bauwerken massiv zu verlängern und damit den Ressourcenverbrauch des Bauwesens zu senken. Ganz im Sinne eines antiken Vorbilds, das erst jetzt chemisch vollständig verstanden wird.

  • Wie der alte Immobilienmarkt das neue China ausbremst

    Wie der alte Immobilienmarkt das neue China ausbremst

    Über Jahre war der Immobiliensektor Chinas wichtigster Wachstumsmotor. Bauen, verkaufen, weiterbauen. So lautete die einfache Formel, die zeitweise bis zu ein Drittel der Wirtschaftsleistung trug. Mit strengeren Vorgaben zur Begrenzung der Verschuldung hat die Führung diesem Modell die Bremse verpasst und damit eine schleichende, aber hartnäckige Krise ausgelöst.

    Evergrande war 2021 der sichtbare Wendepunkt. Der einstige Branchenstar verpasste Zinszahlungen, wurde zur globalen Warnfigur und machte schlagartig klar, wie verletzlich das Wachstumsmodell war. Seither geraten Entwickler wie Country Garden und nun auch der lange als stabil geltende Konzern Vanke unter Druck. Ein Signal, dass der Immobiliensektor die Talsohle noch nicht erreicht hat.

    Deflation, Vermögensschock und verunsicherte Haushalte
    Die Immobilienkrise frisst sich tief in die Realwirtschaft. Wohnimmobilien sind für chinesische Haushalte der zentrale Vermögensspeicher. Wenn Preise in Serie fallen, erodiert das Sicherheitsgefühl. Wer das eigene Apartment als Altersvorsorge betrachtet, wird zurückhaltend bei Konsum, Investitionen und grossen Lebensentscheidungen.

    Entsprechend schwach zeigt sich der Binnenkonsum. Der Einzelhandel wächst deutlich unter früheren Raten, die Konjunktur kämpft mit anhaltendem Deflationsdruck. Sinkende oder stagnierende Preise mögen kurzfristig attraktiv wirken, doch sie erhöhen real die Schuldenlast und verlängern den Bereinigungsprozess im Immobilien- und Finanzsystem.

    Provinzen im Schuldenschatten
    Besonders heikel ist die Lage der Lokalregierungen. Über Landverkäufe an Entwickler und ausserbilanzielle Finanzierungsgesellschaften haben sich Provinzen und Städte einen gigantischen Schuldenberg aufgeladen. Die Landverkäufe waren der wichtigste Einnahmeposten, haben aber nie gereicht, um den kreditfinanzierten Bauboom und die Infrastrukturprogramme dauerhaft zu tragen. Jetzt, da die Verkäufe einbrechen, treten die versteckten Schulden offen zutage.

    Viele Regionen geraten in eine stille Zwangsdiät. Investitionen werden verschoben, Ausgaben gekürzt, neue Infrastruktur verzögert. Dies mit direkten Folgen für Wachstum, Beschäftigung und lokale Unternehmen. Die Krise ist damit weniger ein lauter Crash als ein langsamer Druck, der das System über Jahre schwächt und Handlungsräume einengt.

    Alte immobiliengetriebene Wirtschaft trifft neue Tech-Power
    Parallel inszeniert sich China als Hightech-Supermacht. Elektroautohersteller, KI-Unternehmen und Internetkonzerne, die sich neu erfinden, stehen für das „neue China“. Die Politik setzt auf eine langfristige Technologiestrategie mit Fokus auf Elektromobilität, Halbleiter, KI, erneuerbare Energien und Robotik.

    Doch diese neue Wirtschaft steht auf einem Fundament aus der alten, immobiliengetriebenen Wirtschaftsstruktur. Ohne stabile Binnennachfrage, verlässliche Kreditkanäle und Vertrauen der Haushalte kann auch der Tech-Sektor seine Dynamik nicht voll entfalten. Der Erfolgsweg führt deshalb nicht an einem geordneten Rückbau des Immobiliensektors vorbei, sondern durch ihn hindurch.

    Wachstumsziele als Bumerang
    Peking hält an ehrgeizigen Wachstumszielen fest. Das Ziel „rund 5%“ ist erreichbar, weil Staat und Staatsunternehmen an vielen Stellen gegensteuern. Für bewusste Kader vor Ort bleibt das Signal klar, Zahlen müssen stimmen, notfalls mit weiteren Projekten, die wirtschaftlich wenig tragen.

    Das Resultat sind neue Infrastruktur- und Bauvorhaben, die zwar kurzfristig das BIP stützen, aber die strukturellen Probleme nicht lösen. Im Gegenteil, sie verlängern den Schuldenzyklus. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen offizieller Wachstumsstory und dem realen Deleveraging-Bedarf im Immobilien- und Lokalschuldenkomplex.

    Was bis 2026 auf dem Spiel steht
    Die kommenden Jahre entscheiden, ob China den Übergang von einem schuldengetriebenen, immobilienlastigen Modell zu einem innovationsbasierten Wachstumspfad schafft. Gelingt eine kontrollierte Schrumpfung des Immobiliensektors bei gleichzeitiger Stärkung von Konsum, Produktivität und Zukunftsbranchen, kann das Land trotz Dellen robust bleiben. Misslingt dieser Balanceakt, droht ein Szenario anhaltend niedrigen Wachstums mit wiederkehrenden Deflationsschüben und wachsendem Misstrauen der Investoren.

    Die Immobilienkrise ist kein Randthema, sondern die zentrale Bewährungsprobe für Chinas Fähigkeit zur wirtschaftlichen Kurskorrektur. Entscheidend wird sein, ob politische Führung und Verwaltung den Mut finden, kurzfristige Wachstumsziele zugunsten eines tragfähigeren, weniger immobiliengetriebenen Modells zu relativieren und damit das neue China nicht vom alten erdrücken zu lassen.

  • Alle Gebäude der Welt im 3D-Modell

    Alle Gebäude der Welt im 3D-Modell

    Der GlobalBuildingAtlas umfasst rund 2,75 Milliarden digitale Gebäudemodelle und ist damit die bisher umfangreichste Sammlung räumlich expliziter Baudaten. Erfasst sind alle Gebäude, für die im Jahr 2019 geeignete Satellitenbilder vorliegen. Die 3D-Modelle weisen eine räumliche Auflösung von 3×3 Metern auf und sind damit etwa 30-mal feiner als frühere globale Datensätze. Entwickelt wurde der Atlas von einem Team um Prof. Xiaoxiang Zhu, Inhaberin des Lehrstuhls für Datenwissenschaft in der Erdbeobachtung an der TUM, das Fernerkundung, Künstliche Intelligenz und datengetriebene Stadtforschung in einem globalen Ansatz verbindet.​

    Detaillierte 3D-Modelle und globale Abdeckung
    Von den 2,75 Milliarden Einträgen liegen für rund 2,68 Milliarden standardisierte LoD1-3D-Modelle vor, die Grundform und Höhe der Gebäude in vereinfachter Geometrie abbilden. Damit lassen sich Volumina berechnen, Stadtstrukturen analysieren und Siedlungsmuster weltweit vergleichbar machen. Besonders wichtig ist die systematische Abdeckung bisher unterrepräsentierter Regionen wie Afrika, Südamerika und ländliche Räume, die nun mit derselben Genauigkeit wie dichte Metropolen erfasst sind.​

    Werkzeug für Planung, Klima und Risiko
    Die Daten ermöglichen es, Wachstumsdynamiken in schnell wachsenden Städten zu untersuchen, stark verdichtete Quartiere mit potenziell angespanntem Wohnraum zu identifizieren und den Infrastrukturbedarf präziser zu bestimmen. Forschende und Verwaltungen können damit Indikatoren entwickeln, die zeigen, wo der Ausbau von Verkehr, Energie- und Wassernetzen, zusätzlicher Wohnraum oder Klimaanpassungsmassnahmen besonders dringlich sind. Gleichzeitig schafft der GlobalBuildingAtlas ein global einheitliches Referenzsystem, das Analysen zu Urbanisierung, Energieverbrauch und Katastrophenrisiken auf vergleichbarer Datengrundlage erlaubt.

  • Zirkulär bauen mit Schilf

    Zirkulär bauen mit Schilf

    Das Wohnhaus von Marina Rosa und Jacobus van Hoorne, entworfen von Gilbert Berthold, Architekt und wissenschaftlicher Assistent an der BFH, sticht in einer Einfamilienhaussiedlung am Neusiedler See bewusst heraus. Es kombiniert einen konsequenten Holzbau mit einem markanten Schilfdach und setzt damit auf lokale, nachwachsende Rohstoffe mit tiefem ökologischem Fussabdruck. Die zahlreichen Auszeichnungen, vom Bauherrinnenpreis der Zentralvereinigung österreichischer Architektinnen über den Architekturpreis des Landes Burgenland bis zum Newcomerpreis «Häuser des Jahres», unterstreichen den Vorbildcharakter des Projekts.

    Schilf als Hochleistungsbaustoff
    Jacobus van Hoorne, ursprünglich Teilchenphysiker am CERN, hat den Schilfschneider- und Schilfdachdeckerbetrieb seines Vaters übernommen und zum Innovationslabor weiterentwickelt. Gemeinsam mit Berthold entwickelte er einen Dachaufbau, der strenge Brandschutzauflagen erfüllt und durch Realbrandversuche behördlich zugelassen wurde. Ein Meilenstein für Schilf im Neubau, auch im dicht besiedelten Raum. Die sanft gekrümmten Dachflächen folgen der Materiallogik. Jeder zusätzliche Neigungsgrad verlängert die Lebensdauer des Daches, die Konstruktion macht die Qualitäten des Naturmaterials sichtbar und lesbar.

    Geometrie, Material und Raum als Einheit
    Der Grundriss des Hauses folgt einem s-förmigen Verlauf, der aus der Drehung des zentralen Wohnraums entsteht. Herzstück ist ein zweigeschossiges, lichtdurchflutetes Atrium, das sich zum Garten öffnet und über Terrassen eng mit dem Aussenraum verknüpft. Kompakt organisierte Funktionsräume schaffen Spielraum für grosszügige Aufenthaltszonen. Das Zusammenspiel von Schilfdach und naturbelassener Eichenholzfassade verbindet Baukörper und Landschaft. Das Dach wird zum gestaltprägenden Element und zu einer zeitgemässen Interpretation traditioneller Handwerkskunst.

    Reallabor für biobasierte Materialien
    Für Gilbert Berthold markierte das Projekt den Start in die Selbstständigkeit und zugleich ein reales Versuchsfeld für nachhaltiges Bauen. Das Haus dient heute als Wohnort, Studienobjekt und Ausstellungsraum zugleich. Es liefert Daten zu Energieeffizienz, Raumklima und zum Langzeitverhalten biobasierter Baustoffe. Im Kontext der BFH fügt es sich in die Forschung zu pflanzenbasierten Materialien wie Stroh, Flachs, Hanf oder Myzel ein und zeigt, dass Schilf nicht nur als Dämmstoff, sondern in architektonischer Hauptrolle bestehen kann.

    Symbol für eine regenerative Baukultur
    Das Projekt macht anschaulich, wie zirkuläres Bauen mit regionalen Ressourcen bereits heute umgesetzt werden kann. Es zeigt Studierenden und Fachleuten, dass regenerative Architektur nicht Zukunftsvision, sondern gebaute Realität ist. Mit Schilf als starkem Symbol für eine Baukultur, die Natur, Technik und Gesellschaft neu zusammendenkt.

  • Ausbau der Wachstumsmärkte durch regionale Produktion

    Ausbau der Wachstumsmärkte durch regionale Produktion

    Sika hat die Absicht, in Nahen Osten weiter zu wachsen. Vor diesem Hintergrund hat das Unternehmen der Spezialitätenchemie für die Baubranche und die Industrie die saudi-arabische Firma Gulf Seal übernommen. Sie fertigt in der Hauptstadt Riad Bitumen-Abdichtungsmembrane. Dieses Angebot ergänze die in der Region bereits verfügbaren Abdichtungstechnologien von Sika optimal, heisst es in einer Mitteilung.

    Nach Angaben der vor 20 Jahren gegründeten saudischen Firma Gulf Seal arbeitet sie mit der „modernsten französischen Technologie“, die vom Schwesterunternehmen Axter France bezogen werde. Damit sei Gulf Seal im Nahen Osten der einzige zertifizierte Hersteller von wasserdichten Bitumen-Membranen mit europäischer CE-Zertifizierung.

    Sika verspricht sich von Gulf Seals Produktionswerk und den etablierten Exportkanälen in die Länder des Golf-Kooperationsrats (GKR) eine deutliche Stärkung der eigenen Marktposition in diesen Wachstumsmärkten. In Saudi-Arabien selbst stärke diese Übernahme Sikas Fähigkeiten, bedeutende Bauprojekte im Zusammenhang mit Saudi-Arabiens Vision 2030, der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2034 und der fortschreitenden Urbanisierung zu realisieren.

    „Die etablierte Marktposition und die lokalen Produktionskapazitäten von Gulf Seal in Kombination mit Sikas breitem Sortiment und globaler Expertise bieten spannende Chancen für weiteres Wachstum in der GKR-Region“, wird Christoph Ganz, Sikas Regional Manager EMEA, zitiert. „Wir freuen uns darauf, das Gulf-Seal-Team in der Sika-Familie willkommen zu heissen.“

  • Videotechnologie verbessert Arbeitssicherheit auf Baustellen

    Videotechnologie verbessert Arbeitssicherheit auf Baustellen

    Zurich North America und Zurich Resilience Solutions (ZRS), der Risikomanager des Versicherers Zurich, verlangen künftig die Nutzung von Arrowsight-Technologie bei allen von Zurich versicherten Bauabschlussprojekten in New York City. Arrowsight aus Katonah im US-Bundesstaat New York fokussiert auf videobasierte Verhaltensmodifikation und Coaching-Analysen für erhöhte Sicherheit auf Baustellen und zur Reduktion von Arbeitsfällen.

    Hintergrund der in einer Mitteilung angekündigten Zusammenarbeit ist ein dreijähriges Pilotprogramm, in dessen Rahmen Arrowsight-Videoanalysen und Coaching auf acht Grossbauprojekten sowie einem komplexen Tiefbauprojekt angewendet wurden. Verglichen mit zwölf Bauprojekten, auf denen die Sicherheitstechnologien nicht zum Einsatz kamen, verzeichneten die Arrowsight-Arbeiten 50 Prozent weniger Arbeitsunfallmeldungen.

    „Die erhöhte Sicherheit für Arbeitnehmer bei gleichzeitiger Verringerung von Risiken und möglichem Betrug durch unsere kostengünstigen Videogeräte ist ein Meilenstein für die Branche. Dass die Häufigkeit und die Kosten von Schadenfällen so stark zurückgegangen sind, ist ein direktes Ergebnis der Einhaltung von Arbeitssicherheitsvorschriften – von 70 Prozent vor der Einführung von Arrowsight auf 97 bis 100 Prozent nach Anwendung unserer Technologie“, wird Adam Aronson in der Mitteilung zitiert, Gründer und CEO von Arrowsight. „Seit 2024 spannen wir mit Zurich und Arrowsight bei einem Grossprojekt in New York City zusammen und sind sehr zufrieden damit, wie wenige Schadenfälle wir bisher verzeichnen“, heisst es von Deborah Broom, VP Risk Management bei Tutor Perini Corp., einer beteiligten Baufirma.

    Arrowsight operiert in den gesamten USA künftig als exklusiver Anbieter für kamerabasierte Baustellentechnologie für Zurich North America. Zurich Resilience Solutions wird exklusiver Risikomanagementdienstleister für Arrowsight.

  • Satelliten schaffen neue Transparenz

    Satelliten schaffen neue Transparenz

    Die CO2M-Satellitenmission stellt einen Wendepunkt in der Erfassung von Treibhausgasen dar. Die ursprünglich geplanten zwei Satelliten wurden nach Empa-Simulationen um ein drittes Exemplar erweitert. Dadurch verkürzt sich die globale Messperiode von fünf auf rund 3,5 Tage. Statt schmaler Messstreifen liefern die Instrumente künftig umfassende Karten mit einer Auflösung von zwei Kilometern. So werden Emissionen einzelner Länder, Städte und industrieller Quellen sichtbar. Die Mission ist im EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus verankert und wird von der ESA entwickelt sowie später durch EUMETSAT betrieben.

    Stickstoffdioxid-Daten decken Ungenauigkeiten auf
    Parallel entsteht im CORSO-Projekt ein globaler Datensatz grosser Emittenten wie Kraftwerke, Zementwerke und Stahlfabriken. Vergleiche von Datenbanken mit TROPOMI-Satellitenmessungen zeigen deutliche Abweichungen. Anlagen, die gar nicht existieren, fehlende Einträge und falsche Annahmen zu Brennstoffen. Besonders bei dualen Kraftwerken wurde nachgewiesen, dass vielerorts primär Gas statt Öl genutzt wird, was geringere Stickoxidwerte nach sich zieht. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage, künftig auch CO2 mit vergleichbarer Präzision zu kartieren.

    Perspektive auf den globalen Klimafortschritt
    Mit den neuen Messinstrumenten erweitert sich die Möglichkeit, menschlich verursachte Emissionen präzise und kontinuierlich zu überwachen. Bereits heute können Luftschadstoffe wie Stickoxide zuverlässig quantifiziert werden. Mit den CO2M-Satelliten wird diese Fähigkeit auf Treibhausgase übertragen. Damit entsteht eine datenbasierte Sicht aus dem All, die detailliert aufzeigt, ob internationale Klimaziele tatsächlich erreicht werden.

  • Ingenieurshöhepunkt und architektonische Vision in Barcelona

    Ingenieurshöhepunkt und architektonische Vision in Barcelona

    Der zentrale Christusturm, Teil eines Ensembles aus 18 Türmen, markiert den jüngsten Schritt eines Bauprozesses, der 1882 begann und nun eine neue Dimension erreicht hat. Bis Mitte 2026 wird der Turm seine endgültige Höhe von 172,5 Metern erreichen, pünktlich zum 100. Todestag von Antoni Gaudí. Die Spitze, gefertigt aus Stahl, Glas und keramischen Elementen, wurde in Segmenten aus Bayern vorgefertigt und mit Spezialkranen installiert. Materialwahl und Fertigung folgen strengen Anforderungen an Windstabilität, UV-Beständigkeit und Temperaturresistenz.

    Bauen in Generationen
    Der Bauverlauf der Sagrada Família lässt sich als Spiegel technologischer Evolution lesen. Vom handwerklich geprägten 19. Jahrhundert über die Wiederaufbauphase nach dem Bürgerkrieg bis hin zur CAD-gestützten Planung und digitalen Fertigung der Gegenwart. Der Tempel ist sowohl Monument als auch Forschungslabor. Seit den 1980er-Jahren revolutionieren parametrische Modelle, 3D-Simulationen und robotergestützte Steinbearbeitung die Ausführung. Die finale Fertigstellung ist für 2033 vorgesehen, vorbehaltlich baulogistischer Herausforderungen.

    Statik ohne Strebewerk
    Gaudís Tragwerkskonzept verzichtet bewusst auf klassische gotische Strebebögen. Tragende geneigte Säulen, deren Linienführung den Kraftverläufen natürlicher Strukturen folgt, sowie hyperbolische und parabolische Geometrien lenken Lasten effizient in den Boden. Ergänzt wird dies durch Echtzeit-Monitoring der Struktur, Analyse der Eigenfrequenzen und adaptive Bauabläufe. Die Kirche demonstriert, wie Biomimikry, Ingenieurmathematik und sensorische Überwachung ein Jahrhundertprojekt stabil halten.

    Finanzierung ohne öffentliche Mittel
    Nach wie vor wird die Sagrada Família durch Spenden und Eintrittsgelder finanziert. Dieses Prinzip verleiht dem Projekt Autonomie, führte jedoch historisch zu zeitlichen Verzögerungen und gesellschaftlichen Diskussionen. Kritische Stimmen begleiten den Bau bis heute. Dennoch gilt die Basilika als globales Symbol für visionäres Bauen jenseits konventioneller Zeit- und Finanzierungsmodelle.

  • Stärker als Stahl, leichter als Holz

    Stärker als Stahl, leichter als Holz

    Die Idee beruht auf einem gezielten Umbau der Mikrostruktur von Holz. Ausgangspunkt bleiben die natürlichen Hauptbestandteile. Cellulose, die als faserige Trägerstruktur für Zugfestigkeit sorgt, und Lignin, das als natürlicher Klebstoff die Fasern zusammenhält. Im Herstellungsprozess wird ein Teil des Lignins chemisch entfernt, wodurch die Zellulose dicht zusammengepresst werden kann. Das Ergebnis ist ein extrem kompaktes, fasergerichtetes Material mit hoher Dichte und vergleichsweise geringem Gewicht.

    Tests zeigen, dass Superwood rund zwölfmal stärker als unbehandeltes Holz ist und in bestimmten Kombinationen sogar eine höhere Zugfestigkeit als Stahl erreichen kann. Gleichzeitig bleibt der Werkstoff biologisch abbaubar und basiert auf einem nachwachsenden Rohstoff. Ein seltener Spagat zwischen Leistungsfähigkeit und Nachhaltigkeit.

    Anwendungen im Bauwesen
    Für den Bausektor könnte Superwood zum Gamechanger werden. Seine Kombination aus Leichtigkeit, Tragfähigkeit und umweltfreundlicher Herkunft macht es für tragende Strukturen, Fassadensysteme oder modulare Leichtbauelemente interessant. Das Material lässt sich verarbeiten wie Holz, zeigt aber bessere Resistenz gegen Feuchtigkeit und Verformung.

    Inventwood arbeitet mit Bau- und Architekturpartnern an Pilotprojekten, etwa für vorgefertigte Wandsysteme oder hybride Holz-Beton-Konstruktionen. Auch im Infrastrukturbereich beispielsweise für Brücken, Dächer oder transportable Bauten, sehen Forschende grosses Potenzial.

    Auf dem Weg zur industriellen Nutzung
    Der Weg vom Labor zur Massenproduktion war lang. Die anschliessende Ausgründung Inventwood machte daraus ein marktfähiges Produkt. Entscheidend war die Skalierbarkeit des Verfahrens, das sich inzwischen auf grosse Holzelemente anwenden lässt.

    Das Unternehmen sieht in Superwood eine nachhaltige Alternative zu emissionsintensiven Materialien wie Stahl, Aluminium oder Beton. Die Herstellung benötigt weniger Energie und das gebundene CO₂ bleibt im Material gespeichert. Damit könnte Superwood einen Beitrag zur Dekarbonisierung des Bauwesens leisten.

    Holz als Hightech-Material
    Mit der Industrialisierung von Superwood schliesst sich ein Kreis zwischen traditionellem Baustoff und moderner Materialwissenschaft. Aus gewöhnlichem Holz wird ein Hochleistungsstoff, der sich in puncto Stabilität und Nachhaltigkeit neu definiert.

    Sollte das Material in grösserem Massstab verfügbar werden, könnte es den internationalen Holzbau grundlegend verändern, von urbanen Hochhäusern bis zu modularen Infrastrukturen. Die Zukunft des Bauens bleibt aus Holz, nur intelligenter.

  • Fünf Mobilitätstrends bewegen die Immobilienbranche

    Fünf Mobilitätstrends bewegen die Immobilienbranche

    Parken war lange ein Randthema. Heute gilt es als Schlüssel zur Wertoptimierung von Immobilien. Denn Aussenflächen, einst reine Infrastruktur, werden mit digitaler Technologie zu strategischen Ertragsfaktoren. “Parkraum ist nicht länger ein notwendiges Übel, sondern ein Bestandteil der Wertschöpfungskette”, sagt Jakob Bodenmüller, CEO von Wemolo. Sein Unternehmen betreibt europaweit über 3’500 Standorte mit täglich 2,5 Millionen Parkvorgängen und sieht eine Branche, die sich neu erfindet.

    1. Free-Flow-Technologie, der Abschied von der Schranke
    Kameras statt Schranken mit Kennzeichenerkennung ermöglicht Parkplatzmanagement ohne physische Barrieren, Ticketverlust oder Wartungsaufwand. Nutzerfahrzeuge werden digital identifiziert, berechtigte Nutzer parken automatisch. So lassen sich Betriebskosten um bis zu 60 Prozent senken, während die Kundenerfahrung steigt.

    Vor allem Mixed-Use-Quartiere profitieren. Einzelhändler, Dienstleister und Bewohner können Flächen je nach Bedarf steuern, etwa zeitlich begrenzt oder kontingentbasiert. Fremdparker werden automatisch erkannt und sanktioniert. Laut Wemolo sinkt deren Anteil innerhalb der ersten Monate um bis zu 85 Prozent.

    2. Shared Parking die neue Erlösquellen durch Kooperation
    Was tagsüber Supermarkt ist, kann nachts Wohnquartier werden. Shared Parking nutzt freie Zeitfenster auf Privatflächen und öffnet sie kontrolliert für Dritte. Supermärkte, Bürogebäude oder Fachmarktzentren erzielen so Zusatzerlöse von bis zu 80 Euro pro Stellplatz und Monat ohne bauliche Investitionen.

    Für Städte ist das Modell ein Befreiungsschlag. Rund ein Drittel des innerstädtischen Verkehrs entsteht durch Parkplatzsuche. Wenn privater Parkraum digital steuerbar wird, kann Verkehrsaufkommen sinken und Flächeneffizienz steigen. “Wir orchestrieren statt zu öffnen und die Kontrolle bleibt stets beim Betreiber.”, betont Dominic Winkler

    3. E-Mobility als Geschäftsmodell
    Ladepunkte sind nicht nur regulatorische Pflicht, sondern Umsatztreiber. Wer lädt, bleibt länger, ein messbarer Vorteil für den Handel. Studien zeigen, jede zusätzliche Lade-Minute verlängert die Verweildauer und steigert den Umsatz um über ein Prozent.

    Mit der Verknüpfung von E-Mobility und Smart Parking lässt sich Ladeinfrastruktur dynamisch steuern, bepreisen oder als Premium-Service anbieten. Die Integration ins Parkraummanagement-System reduziert den Aufwand erheblich und stärkt gleichzeitig die ESG-Performance einer Immobilie.

    4. Parking Intelligence benutzt Daten als Steuerungsinstrument
    Aus Parkraumdaten wird Unternehmensintelligenz. Automatisch erfasste Kennzahlen geben Aufschluss über Auslastung, Verweildauer, Kundenfrequenzen und saisonale Muster. Facility- und Asset-Manager können auf dieser Basis Mietmodelle anpassen, Personalplanung optimieren oder gezielte Vermarktungsstrategien entwickeln.

    Parking Intelligence schafft erstmals ein datenbasiertes Fundament für Standortentscheidungen. Damit wird Parkraum zum Spiegel der tatsächlichen Asset-Performance und somit messbar, vergleichbar und steuerbar.

    5. KI-Flächenmonitoring, vom Parkplatz zum Portfolio-Sensor
    Die nächste Stufe der Digitalisierung liegt über dem Asphalt. 360-Grad-Kameras und KI-Analytik überwachen Außenflächen in Echtzeit, erkennen Müll, Vandalismus oder Schnee und melden automatisch Service-Tickets an Facility Manager.

    Dadurch sinken Kontrollaufwände drastisch, Wartungsverträge werden objektiv bewertet und Standards lassen sich zentral steuern. Gerade bei portfolioweiten Beständen mit Hunderten Standorten ein Vorteil. Erste Betreiber testen bereits, wie sich Monitoring-Daten zusätzlich zur Standortoptimierung nutzen lassen.

    Parkraum als neues Asset
    Die Zukunft der Immobilienwirtschaft liegt nicht mehr nur im Gebäude, sondern davor. Die Expo Real 2025 hat gezeigt, wer Parkraum digital denkt, verändert das Geschäftsmodell einer Immobilie.

    “Die Herausforderung ist nicht, Trends zu kennen, sondern sie umzusetzen”, sagt Bodenmüller. Parkraummanagement wird zur Schnittstelle von Mobilität, ESG und Wertschöpfung. Ein dynamischer Markt, in dem Stillstand endgültig der Vergangenheit angehört.

  • Fenster als Kraftwerke

    Fenster als Kraftwerke

    Eine Lösung setzt auf Spezialfolien, die sichtbares Licht gezielt an die Kante der Glasscheibe leiten. Dort nehmen PV-Streifen, oft aus Hochleistungsmaterial wie GaAs, das Licht auf und wandeln es in Strom um. Nur an der Kante braucht es Solarzellen, wodurch Material und Ressourcen gespart werden. Die Durchsicht bleibt erhalten, das Fenster bleibt transparent.

    Ein Forschungsteam der Universität Nanjing konnte mit cholesterischen Flüssigkristallen einen Prototyp entwickeln, der eine optische Effizienz von über 18% erreicht und unter realen Bedingungen stabile Werte liefert. Für ein typisches Fenster mit zwei Metern Höhe ergibt sich eine starke Konzentration des Lichts an der Randzone. Die Beschichtung ist industriell herstellbar und für grosse Fassaden geeignet.

    Durchsichtige Tandemzellen
    Das EU-Projekt CitySolar präsentiert eine andere Innovation. Zwei kombinierte PV-Schichten (oben Halid-Perowskit, unten Organik) holen Energie aus unterschiedlichen Lichtspektren, während sichtbares Licht durchgelassen wird. Somit bleiben Raumhelligkeit und Ausblick unverändert, das Fenster „sieht aus wie ein Fenster“, produziert aber Strom.

    Mit einem Wirkungsgrad von 12,3% und 30% Transparenz wurde ein neuer Rekord für durchsichtige PV-Module erzielt. Der Aufbau eignet sich für Büro- und Wohngebäude sowie Hochhäuser mit grossen Glasfronten.

    Zukunft und Potenzial
    Forschende und Industriepartner arbeiten an noch höheren Wirkungsgraden und besseren Produktionsmethoden. Herausforderungen bestehen bei der Balance von Transparenz und Effizienz sowie bei der Integration in bestehende Bauprozesse. Doch in Projekten wie denen von ZEISS oder dem internationalen CitySolar-Konsortium wird deutlich, wie gross das Marktpotenzial ist.

    Transparente Solarzellen und intelligente Glasflächen ebnen den Weg zu Gebäuden, die ihren Strombedarf teilweise selbst decken. Fenster als Kraftwerke sind in greifbare Nähe gerückt und werden die Energiewende in urbanen Räumen entscheidend mitprägen.

  • Fraunhofer ISE Testlab setzt Standard für Wechselrichter

    Fraunhofer ISE Testlab setzt Standard für Wechselrichter

    Mit dem zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien fehlen im Netz die rotierenden Massen klassischer Kraftwerke, die bisher für eine stabile Spannung und Frequenz gesorgt haben. Netzbildende Wechselrichter müssen diese Aufgabe übernehmen und das Netz auch in kritischen Situationen wie Frequenzänderungen oder Kurzschlüssen zuverlässig stabilisieren. Bislang fehlen für diese Systeme jedoch eine einheitliche Definition und standardisierte Nachweisverfahren.

    Prüfverfahren GFM Benchmark
    Im Projekt GFM Benchmark lud das Fraunhofer ISE führende Hersteller ein, ihre Geräte im Labor zu prüfen. Sieben Unternehmen stellten Wechselrichter mit unterschiedlichen Leistungen und Entwicklungsständen zur Verfügung. Das Prüfverfahren wurde gemeinsam mit deutschen Übertragungsnetzbetreibern entwickelt und bildet verschiedene Netzsituationen ab. Neben Normalbetrieb auch Extremsituationen wie Phasensprünge und Netzkurzschlüsse.

    Während viele Geräte bei klar definierten Anforderungen ähnlich reagieren, offenbaren sich bei komplexeren Bedingungen noch deutliche Unterschiede. So konnte das ISE-Team den Herstellern wertvolle Hinweise zur Optimierung geben und zeigte den Bedarf an Weiterentwicklung auf.

    Wegbereiter für Normung und Marktintegration
    Die Projektergebnisse sind direkt in die europäische Normungsarbeit sowie den VDE FNN-Hinweis „Netzbildende Eigenschaften“ eingeflossen. Der neue Prüfleitfaden bietet erstmals einen anerkannten Rahmen für den Praxistest und die Zertifizierung netzbildender Systeme. Das ist besonders relevant, denn ab 2026 startet in Deutschland ein neuer Markt für Momentanreserve, bei dem beispielsweise Batteriespeicher mit passender Zertifizierung zusätzliche Erlösmöglichkeiten erhalten.

    Marktreife, Best Practice und Branchendialog
    Die Marktanalyse und Testdaten bieten eine solide Entscheidungsgrundlage für Hersteller, Netzbetreiber, Investoren und Normengremien. Durch die nun möglichen Zertifizierungsmessungen wird der Markteintritt neuer, stabilisierender Wechselrichter beschleunigt. Zusätzlich begleitet das Fraunhofer ISE die Überführung der europäischen Anforderungen in nationale Regularien und unterstützt die Branche mit Best-Practice-Leitfäden.

    Mit dem Prüfverfahren für netzbildende Wechselrichter hat das Fraunhofer ISE einen Meilenstein gesetzt. Die Energiewende in Europa wird so nicht nur sicherer, sondern auch messbar schneller Realität.

  • Neue Silizium-Säuren könnten „ewige Chemikalien“ zerstören

    Neue Silizium-Säuren könnten „ewige Chemikalien“ zerstören

    Die per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen kurz PFAS, gelten als „ewige Chemikalien“, da sie in der Umwelt nicht abgebaut werden. Ihre hochstabile Kohlenstoff-Fluor-Bindung widersteht Licht, Wasser und Mikroorganismen. Die neu entwickelten Super-Lewis-Säuren setzen genau hier an. Sie zeigen eine extreme „Elektronengier“ und greifen die widerstandsfähigen Strukturen der PFAS direkt an.

    Komplexe Herstellung mit grosser Wirkung
    Lange Zeit galten diese Verbindungen nur als theoretisches Konzept. Erst durch innovative Methoden wie die Protolyse gelang es, sie synthetisch herzustellen. Dabei wurden bewährte Prozesse aus der Kohlenstoffchemie auf Silizium übertragen. Die Experimente waren hochsensibel. Sie mussten unter Schutzgasatmosphäre durchgeführt werden, da schon geringste Spuren von Sauerstoff oder Wasser die Reaktionen verhindern würden.

    Quantenmechanik liefert den Schlüssel
    Erstmals wurde die Stärke dieser Moleküle vollständig quantenmechanisch vorausberechnet. Diese Berechnungen bestätigten nicht nur die extreme Reaktivität, sondern ermöglichten auch ein präzises Verständnis der Mechanismen. Spektroskopische Methoden wie NMR validierten die Vorhersagen. Damit ist die Kombination aus Theorie und Experiment ein Meilenstein in der Katalyseforschung.

    Katalysatoren für den Umweltschutz
    Die neuen Super-Lewis-Säuren verhalten sich wie Katalysatoren. Sie verändern sich während der Reaktion, regenerieren sich jedoch wieder und werden nicht dauerhaft verbraucht. Damit reichen kleinste Mengen aus, um hochgiftige PFAS-Verbindungen unschädlich zu machen… Ein entscheidender Vorteil gegenüber bisherigen Ansätzen.

    Mit den Silizium-basierten Super-Lewis-Säuren rückt erstmals eine realistische Lösung für das globale PFAS-Problem in Reichweite. Sie könnten ein Schlüsselinstrument für Recycling, Grüne Chemie und den Schutz von Umwelt und Gesundheit werden.

  • Atommüll als Ressource für die Energiewende

    Atommüll als Ressource für die Energiewende

    Atomkraft polarisiert! Während einige Länder aussteigen, bleibt sie andernorts eine zentrale Stütze der Energieversorgung. Gemeinsam ist allen jedoch ein Problem – der radioaktive Abfall. Weltweit lagern bereits Tausende Tonnen hochradioaktiver Stoffe, deren sichere Verwahrung Milliarden verschlingt. Nun aber rückt eine Idee in den Vordergrund, die ausgerechnet diesen Abfall in einen wertvollen Rohstoff verwandeln könnte.

    Tritium ist der Schlüssel zur Kernfusion
    Die Kernfusion gilt als Hoffnungsträger der Energiezukunft. Im Gegensatz zur Kernspaltung setzt sie nicht auf den Zerfall, sondern auf die Verschmelzung von Atomkernen. Ähnlich wie in der Sonne. Mit Deuterium und Tritium als Brennstoff lassen sich riesige Energiemengen erzeugen, nahezu ohne klimaschädliche Emissionen und mit deutlich geringeren Abfallmengen. Während Deuterium leicht verfügbar ist, bleibt Tritium extrem knapp. Weltweit existieren derzeit nur rund 25 Kilogramm, zu wenig für einen breiten Einsatz in der Energieproduktion.

    Atommüll als Quelle für den Zukunftsbrennstoff
    Hier setzt die Forschung von Terence Tarnowsky am Los Alamos National Laboratory an. Radioaktive Abfälle aus bestehenden Kernkraftwerken könnten genutzt werden, um Tritium in relevanten Mengen zu gewinnen. Damit würden zwei Herausforderungen gleichzeitig adressiert. Die sichere und teure Lagerung von Atommüll sowie die Verfügbarkeit des fehlenden Brennstoffs für künftige Fusionskraftwerke. Der Marktpreis für Tritium liegt aktuell bei rund 15 Millionen Dollar pro Pfund, ein klares Zeichen für seine Knappheit und seinen Wert.

    Chancen für die Energiewende
    Die Vision ist klar. Wenn aus Abfall ein Zukunftsbrennstoff wird, könnten sich die Karten in der globalen Energiepolitik neu mischen. Fusionskraftwerke, gespeist durch Tritium aus recyceltem Atommüll, könnten enorme Energiemengen klimaneutral und sicher bereitstellen. Für die Energiewende wäre dies ein Meilenstein, der den wachsenden Strombedarf durch Elektromobilität, Wärmewende und Digitalisierung langfristig absichern könnte.

    Forschung am Wendepunkt
    Noch ist der Weg zur grossflächigen Nutzung offen. Technische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen müssen geklärt werden. Doch die Richtung zeigt, wie Wissenschaft und Technologie scheinbare Altlasten in Zukunftschancen verwandeln können. Ausgerechnet Atommüll, Sinnbild ungelöster Energieprobleme, könnte so zu einer tragenden Säule der Energiewende werden.