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  • Zug bleibt Zug – lebenswert, visionär, pulsierend

    Zug bleibt Zug – lebenswert, visionär, pulsierend

    Wie geht es der Stadt-Zuger Wirtschaft?
    In zahlreichen Fachpublikationen und in den Medien wird der Standort Zug gelobt für seine diversifizierte Wirtschaft – Dienstleistung, Handel, auch verarbeitende Industrie und Gewerbe. Das Wachstum ist nach wie vor über dem Durchschnitt der Schweizer Wirtschaft von 1.2% und zeigt sich bis jetzt als resilient gegenüber globalen oder technischen Verwerfungen. Aufgrund der positiven Finanzergebnisse ist die Stadt Zug zusammen mit den privaten Haushalten und der florierenden Wirtschaft eine wichtige Stütze für ein weiteres Wachstum in den kommenden Jahren.

    Wie plant die Stadt Zug, ihr wirtschaftliches Wachstum in den nächsten Jahren nachhaltig zu gestalten, insbesondere angesichts des starken Fokus auf die Finanz- und Krypto-Industrie?
    Nachhaltigkeit heisst auch, dass wir die ansässigen Firmen pflegen und es verlässliche Partner und Arbeitgeber sind. Deshalb ist es wichtig, dass wir weiterhin eine starke Rechtssicherheit in der Schweiz und in Zug aufweisen. Eine starke Bildung anbieten, kurze Wege bei Stadt und Kanton haben, die tollen Naherholungsgebiete pflegen und dass wir gute Verbindungen auf Strasse und Bahn mit Luzern und Zürich aufweisen.

    Zug verzeichnet eine hohe Nachfrage nach Wohn- und Gewerbeflächen. Welche langfristigen Lösungen sieht die Stadt, um den Wohnungsbau zu fördern und gleichzeitig die Lebensqualität zu erhalten?
    Wir haben schon vor vielen Jahren beim Bebauungsplan V-Zug-Areal /Technologiecluster und auch beim Bebauungsplan LG-Areal mit einem «letter of intent» die Rahmenbedingungen eingefordert. In diesen beiden Fällen haben wir je 10’000 m2 preisgünstigen Wohnungsbau und preisgünstige Gewerbeflächen definiert. Ebenso gibt es seit über 10 Jahren eine enge Zusammenarbeit mit den Zuger Baugenossenschaften. Kürzlich haben wir auch eine Fläche gleich neben dem Bahnhof für 65 Mio. gekauft. Diese soll dazu dienen, dass preisgünstiger Wohnungsbau entsteht. Der Mix der Wohnungen muss noch definiert werden und schlussendlich wird es darüber noch eine Volksabstimmung geben. Auch hier soll es im Baurecht abgeben werden. Denn die Baugenossenschaften wissen, was die Zugerinnen und Zuger an Wohnungen brauchen. Zudem erarbeitet die Stadt Zug in engem Austausch mit den Grundeigentümern Bebauungspläne in kantonalen Verdichtungsgebieten, welche eine hohe Dichte zulassen. Eine wichtige rechtliche Grundlage dazu bildet das kommunale Hochhausreglement. Im Zuge dieser Massnahmen wird erhöhtes Augenmerk auf die Qualität der Freiräume auf den Arealen selbst, aber auch der sonstigen öffentlichen Freiräume gelegt. Im Sinne einer «Stadt der kurzen Wege» sollen die innerstädtischen Freiräume und die Freizeitinfrastruktur, aber auch die Natur- und Landschaftsräume gut erreichbar sein, vor allem mit dem öffentlichen Verkehr, zu Fuss und mit dem Velo.

    Welche neuen Projekte und Initiativen plant die Stadt Zug, um nachhaltige Stadtentwicklung voranzutreiben?
    In der Stadt Zug gibt es viele neue Projekte. Sie alle müssen heute gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Aspekte gleichermassen berücksichtigen. Insofern sollte bereits heute jedes unserer Projekte eine nachhaltige Stadtentwicklung unterstützen. Vielleicht erlauben Sie mir zwei Beispiele, in der wir auch eine Vorreiterrolle wahrnehmen. So läuft beispielsweise ein internes Strategieprojekt zur Überprüfung, ob wir gut organisiert und genügend fit sind, um die zukünftigen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung zu meistern. Oder im Bereich Klimaanpassung: Gegenwärtig installieren wir flächendeckend Temperatursensoren, um die Hitzeinseln unserer Stadt zu identifizieren und um gezielte Massnahmen zu ergreifen.

    Das Thema bezahlbarer Wohnraum wird immer wichtiger. Welche Massnahmen unternimmt die Stadt, um sicherzustellen, dass Zug auch für weniger zahlungskräftige Menschen attraktiv bleibt?
    Bereits heute fordert der Stadtrat, in Wohn- und Mischzonen beim Erlass ordentlicher Bebauungspläne auf mindestens 20% der zusätzlich anrechenbaren Geschossfläche preisgünstiger Wohnraum zu schaffen. Aufgrund der Annahme der Initiative «2000 Wohnungen für den Zuger Mittelstand», ist in den in Verdichtungsgebieten liegenden Wohn- und Mischzonen beim Erlass ordentlicher Bebauungspläne sowie bei Um- und Aufzonungen preisgünstiger Wohnraum von mindestens 40% der neu erstellten Wohnflächen zu schaffen. Ehrlich gesagt wurden dadurch aber auch Bauprojekte gestoppt. Wir sind da am Erarbeiten von Lösungen.

    Wie wichtig ist Ihnen die Bürgerbeteiligung bei städtischen Projekten, und welche Möglichkeiten haben die Bewohner von Zug, ihre Ideen und Meinungen einzubringen?
    Die Stadt Zug hat eine starke und lange Mitwirkungskultur. Seit den 1990er Jahren finden regelmässig öffentliche Mitwirkungsprojekte zu verschiedenen Themen statt. Seit 2020 steht ergänzend dazu auch das Online-Mitwirkungsportal «mitwirken-zug.ch» zur Verfügung.

    Der Verkehr in und um Zug nimmt zu. Wie sieht der Plan der Stadt aus, die Verkehrsinfrastruktur mit dem Wachstum in Einklang zu bringen und gleichzeitig den öffentlichen Verkehr zu stärken?
    Der Stadttunnel wurde leider abgelehnt und nichtdestotrotz müssen Lösungen her. Die Stadt Zug arbeitet eng mit dem kantonalen Tiefbauamt zusammen, um eine gemeinsame Verkehrsplanung für das pulsierende Zentrum von Zug zu entwickeln. Das Ziel der Stadt ist, dass der vorhandene Strassenraum allen Verkehrsteilnehmern gleichberechtigt und flächeneffizient zur Verfügung steht: Autos, öffentlicher Verkehr, Velo und Fussverkehr. Zum Glück ist die Stadt Zug kleinräumig, so dass vieles zu Fuss oder mit dem Velo erledigt werden kann.

    Welche Pläne gibt es, den öffentlichen Nahverkehr weiter auszubauen, um Pendler zu entlasten und den Verkehr in der Stadt zu reduzieren?
    Der nächste grosse Ausbauschritt ist auf die Inbetriebnahme des Zimmerbergtunnels geplant. Dies wird ca. im Jahr 2035 bis 2037 sein. Bis zu diesem Zeitpunkt wird der öffentliche Verkehr auf den heutigen Linienästen weitergeführt und der Takt an die Nachfrage angepasst. Das ÖV-System wird so im «Kleinen» an die Bedürfnisse der Gemeinden angepasst. Gemäss GöV haben die Gemeinden die Möglichkeit, über das vom Kanton bestellte Angebot hinaus Zusatzangebote einzukaufen. Die Stadt Zug macht dies bei der Zugerberg Bahn und auf der Buslinie 5, wo sie zusätzliche Seilzüge und Kurse einkauft. Via dieses Zusatzangebot, welches das Stadtparlament beschliesst, ist die Stadt Zug über das vom Kanton bestimmte Angebot hinaus flexibel. Es zeigt sich allerdings, dass das vom Kanton bestellte Angebot hervorragend ist und die Gemeinden kaum nachbessern müssen. Die Stadt Zug ist in allen Quartieren bereits heute hervorragend an den ÖV angebunden. Zusatzkurse reduzieren dabei den Kostendeckungsgrad massgeblich. Der gemäss GöV zu erreichende Kostendeckungsgrad beträgt 40%. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die S-Bahn Doppelstöcker anbieten würde.

    Wie unterstützt die Stadt Zug den Ausbau von Bildungseinrichtungen, um den Fachkräftemangel zu adressieren und gleichzeitig den Bildungsstandort Zug zu stärken?
    Bildung ist unsere einzige Ressource und da investiert die Stadt Zug am meisten Geld. Die Gestaltung attraktiver Schulhäuser als Arbeits- und Lernorte unter Einbezug und Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrpersonen bei der Planung sind zentrale Anliegen. Dazu kommen attraktive Betreuungs- und Freizeitangebote für Kinder und Familien sowie eine zeitgemässe ICT-Infrastruktur. Zudem werden zukunftsweisende und innovative Projekte und Kooperationen wie das Schulportal – da können Eltern online mit den Lehr- und Betreuungspersonen und der Schuladministration kommunizieren – die DigiWerkstatt und der Einbezug von KI in den Unterricht vorangetrieben. Wichtig ist aber auch, dass wir die Bedürfnisse der Firmen abholen und das duale Bildungssystem aktiv unterstützen. Ein tolles Projekt ist hier am Anlaufen!

    Welche Rolle spielt die Innovationsförderung in Zug, und wie plant die Stadt, sich als Zentrum für zukunftsweisende Technologien und Unternehmen zu etablieren?
    Die Innovationsförderung spielt in der Stadt und im Kanton Zug eine zentrale Rolle bei der Positionierung für zukunftsweisende Technologien und Unternehmen. Ein wichtiger Punkt ist: wir probieren aus. So haben wir nach einer Präsentation eines Studenten entschieden, Bitcoin als Zahlungsmittel in der Stadt Zug akzeptieren, was weltweit für Furore gesorgt hat. Heute ist die Stadt Zug DAS Crypto Valley weltweit mit über 4000 Mitarbeitenden in über 800 Firmen. Ganz nach dem Motto: «no risk, no fun». Wir werden weiterhin innovationsfreudig bleiben! Durch gezielte Massnahmen und Programme soll die Innovationskraft der Stadt Zug gestärkt werden, damit das Umfeld für Unternehmen und vor allem für die Mitarbeitende noch attraktiver und motivierender wird. Mit innovativen Projekten und motivierten Menschen können Sie Berge versetzen. Den Rahmen dazu bildet die im Herbst 2021 vom Stadtrat verabschiedete Entwicklungsstrategie für die Stadt Zug: «Zug bleibt Zug – lebenswert, visionär, pulsierend». Sie ist ein übergeordnetes Führungsinstrument mit langfristiger Perspektive, um die Zukunft der Stadt Zug mitzugestalten. Innovative Wirtschaft, Grüne Stadt, Starke Gemeinschaft, Gesunde Finanzen, das sind unsere Credos für die Zukunft.

    Wie sieht Ihre langfristige Vision für die Stadt Zug aus? Welche Ziele möchten Sie in den nächsten Jahren unbedingt erreichen.
    Als wachsender Wirtschaftsstandort mit exzellenten Bedingungen für Unternehmen und Fachkräfte aus nah und fern, pflegen wir unsere wirtschaftliche Vielfalt und positionieren uns gezielt über zukunftsorientierte Branchencluster. Für eine grüne Stadt entwickeln wir den Lebensraum Zug nachhaltig und ressourcenschonend und planen Mobilität, Raum und Energie visionär.

    Im Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne fördern wir den Dialog und schaffen einen inspirierenden Rahmen für eine vitale, vielfältige und weltoffene städtische Gemeinschaft. Und für den Erhalt unserer gesunden Finanzen geht es darum, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu gewährleisten, Investitionen zukunftsorientiert zu tätigen und unser Steuersubstrat langfristig abzusichern. Über alle Wirkungsziele hinaus fördern wir lebenslanges Lernen, nutzen die Potentiale aus der Vielfalt in Bevölkerung, Wirtschaft und Kultur für pionierhafte Leuchtturm-Projekte für den Wandel und steuern mit Anreizen.

    Zug setzt sich für mehr Klimaschutz ein. Können Sie uns einen Überblick über die wichtigsten Massnahmen geben, die aktuell zur CO2-Reduktion und für mehr Nachhaltigkeit in der Stadt umgesetzt werden?
    Beim Klimaschutz steht die Abkehr von fossilen Energieträgern im Vordergrund. Alle Heizungen müssen mittelfristig mit lokaler erneuerbarer Energie betrieben werden können. Hier stehen die Einhaltung moderner Baustandards und zusammen mit den Wasserwerken Zug (WWZ) der Ausbau der Fernwärme im Vordergrund. Wir haben Circulago ins Leben gerufen. Wir entnehmen dem See Kälte und Wärme und haben somit eine «Batterie» vor der Haustür. Gleichzeitig wollen wir auch unsere eigenen Liegenschaften ertüchtigen, selber Strom produzieren und von fossilen Heizungen befreien. Hierbei helfen uns die Einführung eines CO2-Monitorings und viele grössere und kleinere Massnahmen im Rahmen von «Energiestadt», wo wir auch für das Jahr 2023 mit dem «Gold»-Label zertifiziert wurden. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns selber mit Energie versorgen können. Wir haben innovative Unternehmen wie Siemens, Landis & Gyr, V-Zug, den Technologiecluster und viele Firmen mehr in Zug, die alle diese Techniken und Innovationen anbieten. Es ist sicherlich 10 Jahre her, seit uns Siemens aufgezeigt hat, dass die Technik für lokale Selbstversorgung bereits besteht, so let’s do it!

    Wo sehen Sie die Stadt Zug in 20 Jahren?
    Die Stadt Zug soll in 20 Jahren ein lebenswerter, innovativer und nachhaltiger Ort sein, der sowohl wirtschaftliche Dynamik als auch hohe Lebensqualität bietet. Das heisst: Wir haben die Attraktivität für Unternehmen und Fachkräfte weiter ausgebaut und dabei gleichzeitig Raum für eine starke Gemeinschaft geschaffen. Die Rolle von Zug als internationales Wirtschafts- und Finanzzentrum ist gestärkt, insbesondere im Bereich der Digitalisierung und neuen Technologien wie Blockchain- und KI-Anwendungen. Durch eine nachhaltige Stadtplanung und umweltfreundliche Infrastrukturen ist die Stadt Zug klimaneutral. Wir haben attraktive Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, grüne Erholungsräume, attraktive kulturelle Angebote und eine vielfältige Infrastruktur für Bildung, Freizeit und Gesundheit. Zug hat sich als Bildungs- und Innovationsstandort profiliert, der mit Tertiärbildungsinstitutionen und Forschungseinrichtungen vernetzt ist. Wir haben eine intelligente Verkehrssteuerung und eine effiziente Infrastruktur, die den Anforderungen einer wachsenden Bevölkerung gerecht wird und nachhaltig gestaltet ist. Zug um Zug geht es voran – ich freue mich!

  • «Wir investieren laufend in unsere Zukunft»

    «Wir investieren laufend in unsere Zukunft»

    Herr Tamagni, seit Ihrem Amtsantritt im Januar 2021 haben Sie die Position von Schaffhausen als attraktiven Wohn- und Wirtschaftsstandort weiter gestärkt. Welche konkreten Massnahmen haben Sie dazu ergriffen? Was hat gut funktioniert und was weniger gut?
    Das ist richtig – der Kanton Schaffhausen entwickelt sich sehr gut! Immer mehr Menschen entdecken die Vorzüge von Schaffhausen als lebenswerte Alternative im Grossraum Zürich und ziehen hierhin. Für Unternehmen gilt dies schon lange – gerade für KMU ist der Kanton mit einer Steuerbelastung von 12 bis 12.5% sehr attraktiv. Unsere Rahmenbedingungen sind hervorragend, die Wege kurz, und wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen, um gemeinsam neue Impulse zu setzen. Der Kanton Schaffhausen ist eine Region, deren Umfeld und Dynamik engagierte Menschen und Unternehmen anzieht. Eine Region, in der man Wurzeln schlägt, weil sie – trotz aller Hektik – Nähe und Vertrautheit bietet.

    Welche spezifischen Standortförderungsmassnahmen planen Sie in Ihrer nächsten Amtsperiode, um Schaffhausen noch attraktiver zu machen?
    Oberstes Ziel des Regierungsrates bleibt die weitere Stärkung von Schaffhausen als Lebens- und Wirtschaftsstandort im nationalen und internationalen Standortwettbewerb. Es werden steuerliche Entlastungsmassnahmen zugunsten der Bevölkerung und von Unternehmen erarbeitet und wir planen Fördermassnahmen für innovationsstarke Unternehmen und KMU. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat weiterhin hohe Priorität. Sehr zentral für Investoren in Wohn- und Gewerbeimmobilien werden die Fertigstellung der direkten Zugverbindung nach Basel und der Doppelspurausbau der A4 nach Winterthur ab ca. 2027 sein.

    Sie möchten Investitionen in strategische Vorhaben wie Digitalisierung und Demografie vorantreiben. Können Sie uns mehr über diese Projekte und ihre Bedeutung für Schaffhausen erzählen?
    Wir haben in Schaffhausen bereits 2017 die erste Demografiestrategie erstellt – als einer der ersten Kantone. Unsere Strategie orientiert sich an vier Schwerpunkten: Massnahmen zur Erhaltung des Arbeitskräfte-Pools, Sicherstellung wohnortnaher Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen mit Wohnformen, die Autonomie im Alter unterstützen. Weiter wird die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung auf demografische Entwicklungen ausgerichtet sowie das Bildungswesen auf die zunehmende diverse Bevölkerung angepasst.

    Bei der Digitalisierung wiederum fokussiert der Regierungsrat auf übergeordnete Ziele: Digital First für die Bevölkerung und die Wirtschaft und eine vollständig durchgehende Digitalisierung der Verwaltung. Jede Dienstleistung und jeder Prozess sollen optimiert und digital verfügbar sein – um Ressourcen und Zeit zu sparen.

    Wie sehen Sie als Schaffhauser Volkswirtschaftsdirektor den aktuellen Immobilienmarkt im Kanton und welche Trends erwarten Sie für die nächsten Jahre?
    Schaffhausen hat noch bezahlbaren Wohnraum sowie Bauland und dadurch Potenzial in der Wohnraumentwicklung. Zusätzlichen Schub erhält die Region durch den Ausbau der Direktverbindung mit der Bahn nach Basel und die Engpassbeseitigung auf der A4 in Richtung Winterthur. So wird Schaffhausen zur Drehscheibe zwischen Zürich, Winterthur und Basel, was die Attraktivität als Wirtschafts- und Wohnregion zusätzlich erhöht.

    Wie findet der Kanton Schaffhausen die Balance zwischen der Entwicklung des urbanen Zentrums und der Erhaltung der Schaffhauser Naturlandschaften und historischen Architektur?
    Der ländliche Raum ist ein wertvoller Bestandteil der hohen Lebensqualität des Kantons. Mit der Regional- und Standortentwicklung, dem regionalen Naturpark und der Tourismusförderung hat Schaffhausen spezifische Programme, welche auf dieses Gleichgewicht Rücksicht nehmen und die Stärkung der Landschaft fördern. Schaffhausen steht für die Nähe zur Natur und die Vielfalt an Genussprodukten. In der neuen Tourismusstrategie werden diese Aspekte von Schaffhausen besonders berücksichtigt.

    Mit Ihrem Fokus auf effizienten und bürgerfreundlichen und bürgernahen öffentlichen Dienstleistungen, gibt es Pläne, die Prozesse im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften oder Baubewilligungen?
    Mit der Digitalisierungsstrategie legt der Regierungsrat den Weg der kantonalen Verwaltung in die digitale Zukunft fest. Er nutzt mit der «Digitalen Verwaltung Schaffhausen» die Chance der digitalen Transformation, um benutzerfreundliche Dienstleistungen für die Bevölkerung und die Wirtschaft auszubauen. Interne Prozesse werden noch effizienter strukturiert und die Zusammenarbeit der Mitarbeitenden mit agilen Methoden und modernen Technologien neu strukturiert. Die Digitalisierung ist bereits seit mehreren Jahren ein wichtiges Thema im Kanton Schaffhausen und einzelne Angebote sind weit fortgeschritten. So zum Beispiel das Geoportal, wo Daten offen verfügbar sind. Davon profitieren Eigentümer, Käufer und auch die Verwaltung.

    Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach nachhaltige und energieeffiziente Gebäude bei der zukünftigen Immobilienentwicklung in Schaffhausen und auch in anderen Wirtschaftssektoren?
    Die kantonale Standortpolitik berücksichtigt die globalen Klimaziele und verfolgt seit jeher eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung. Schaffhauser Unternehmen sind lokal innovativ, global erfolgreich und leisten mit ihren Investitionen, Produkten und Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Wirtschaft. In Bezug auf energieeffizientes und nachhaltiges Bauen versucht der Kanton Schaffhausen eine Vorbildfunktion einzunehmen. Eine spannende regionale Initiative zu diesem Thema ist das «Schaffhauser Haus», bei der das Bauen mit regionalen Bezug im Vordergrund steht. Damit werden die regionale Wirtschaft mit dem Handwerk gestärkt, der Nachwuchs gefördert und Stoffkreisläufe nachhaltig geschlossen.

    Welche Strategien gibt es angesichts des Wachstums der Stadt Schaffhausen, um angemessenen Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten zu schaffen?
    Der Kanton Schaffhausen verzeichnete über die letzten zehn Jahre ein moderates und nachhaltiges Bevölkerungswachstum von unter einem Prozent – das ist nicht vergleichbar mit anderen Regionen. Wenn wir einen Blick auf die Leerwohnungsziffern werfen, wird deutlich, dass der Leerstand zwar auch tief, bezahlbarer Wohnraum aber vorhanden ist. Warteschlangen wie in Zürich gibt es bei uns nicht. Mit weiteren steuerlichen Entlastungsmassnahmen und Investitionen in die Kinderbetreuung verbessert der Kanton die Situation für Familien und gutverdienende zusätzlich.

    Als Leiter des Volkswirtschaftsdepartements: Wie sehen Sie Ihre Rolle bei der Umsetzung der wirtschaftspolitischen Ziele des Kantons?
    Als Volkswirtsdirektor bin ich der oberste, direkte Ansprechpartner. Kurze Wege, schnelle Entscheide, hohe Dienstleistungsorientierung – das ist unser Credo. Stellvertretend für die kantonale Wirtschaftsförderung, die als «One-Stop-Shop» als Anlaufstelle für Fragen von Unternehmen oder Wohnortinteressierten funktioniert. Unternehmen stossen in Schaffhausen überall auf offene Türen.

    Welche langfristigen Auswirkungen erwarten Sie von Ihren bisherigen politischen Massnahmen auf den Kanton Schaffhausen?
    Die Auswirkungen zeigen sich im Rückblick der letzten 25 Jahre – die wirtschaftliche Entwicklung der Region ist eine Erfolgsgeschichte. Der Kanton befand sich in den 90er Jahren aufgrund des Strukturwandels in einer wirtschaftlichen Krise. Heute ist Schaffhausen ein international anerkannter Headquarter-Standort mit einer starken Industriebasis. Kein anderer Kanton hat sich gemäss UBS im Vergleich der Standortfaktoren so stark verbessert wie wir. Die Finanzsituation mit erfolgshohen Steuereinnahmen spricht für sich. Mittlerweile zählt Schaffhausen zum kleinen Kreis der Zahler im nationalen Finanzausgleich.

    Schaffhausen ist ein Grenzkanton. Welche Vor- und Nachteile in der Immobilienwirtschaft bringt das für den Kanton?
    Wegen der speziellen Lage zwischen Rhein und Deutschland blieb Schaffhausen zu Unrecht lange im Schatten anderer Kantone – für viele hört die Schweiz am Rhein auf. Diese Sicht ändert sich immer mehr! Schaffhausen ist heute auf dem Radar vieler Unternehmen und Investoren, die das Potenzial erkennen. Für Einwohnerinnen und Einwohner hat die moderate Entwicklung ihr Gutes: offene Landschaft und freie Natur sind im Kanton Schaffhausen erhalten geblieben.

    Welche Visionen und konkreten Projekte haben Sie für die zukünftige Entwicklung des Lebens- und Wirtschaftsstandorts Schaffhausen?
    Pioniergeist und Industrietradition prägen den Wirtschaftsstandort Schaffhausen. Oberstes Ziel des Regierungsrats ist die Stärkung von Schaffhausen als Lebens- und Wirtschaftsstandort. Weiterhin gilt es, die nationale und internationale Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schaffhausen zu sichern, zu festigen und zu verstärken. Dank der sehr guten Finanzlage im Kanton können Massnahmen und Projekte zugunsten der Standortattraktivität und der Bevölkerung erarbeitet und umgesetzt werden. Ebenso Priorität haben die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Verbesserung der Verkehrsverbindungen auf Strasse und Schiene innerhalb des Kantons und insbesondere in die Regionen Zürich und Basel, die Umsetzung der Ziele im Bereich Energie und Klima und der Bau wichtiger Infrastrukturprojekte.

    Wo sehen Sie Schaffhausen in den nächsten 20 Jahren?
    Im Jahr 2022 haben wir im Kanton im Rahmen der Entwicklungsstrategie 2030 «next.» in einem partizipativen Prozess Projekte und Massnahmen für einen erfolgreichen Weg in die Zukunft entwickelt. Die Vision von Schaffhausen als eine Schwarm- und Nestregion bildet nun unseren übergeordneten Kompass, aus dem der Regierungsrat Handlungsfelder identifiziert hat, die besonders zentral für die Nutzung des Entwicklungspotenzials der Region sind. Zur Verbesserung der Dynamik der Schwarmregion sollen zum Beispiel Ökosysteme von neuen Technologien aufgebaut und die Innovationsfähigkeit gestärkt werden. Um die Qualität der Nestregion zu erhalten will der Regierungsrat exzellente Standortfaktoren sicherstellen – von der Fachkräfteausbildung über Produktionsflächen bis zu Rahmenbedingungen für Unternehmen – und die soziale Energie nutzen. Zum Beispiel durch ein gutes Grundversorgungsangebot oder die Stärkung des Tourismus als Teil der Lebensqualität der Bevölkerung. So kann Schaffhausen den Pioniergeist fördern, offen und innovativ sein und ein Ort sein, an dem man Wurzeln schlägt und zu Hause sein will. Mit dieser Grundhaltung ist Schaffhausen ein Anziehungspunkt für Firmen und Personen, die sich in der Gesellschaft und im Wirtschaftsleben engagieren wollen.

  • Einflussreiche Stimme in der Immobilienökonomie

    Einflussreiche Stimme in der Immobilienökonomie

    Wenn Sie Ihre Zahlen aus den Jahren 2000 bis 2024 vergleichen. Was sticht dabei raus?
    Sowohl im Wohneigentumsbereich als auch bei den Mehrfamilienhäusern mit Mietwohnungen sind die Preise unaufhörlich gestiegen. Ein mittleres Objekt gleicher Qualität hat sich seit dem Jahr 2000 im Preis mehr als verdoppelt. So ist eine egaler EWG im landesweiten Mittel um 160 Prozent, ein EFH um 120 Prozent, ein identisches MFH um 90 Prozent teurer geworden. Wohneigentum korrigierte in den Jahren 2014 bis 2019 etwas, weil auf Druck «Selbstregulierungen» bei der Hypothekarvergabe eingeführt wurden. Teilweise haben die Banken aber selbst gebremst. Bei den Renditeimmobilien sticht die Zinswende ab Frühling 2022 hervor, diese wirkte sich auf die Transaktionspreise aus, wobei die Stadt Zürich wenig betroffen war.

    Was können Sie für die Jahre 2030 und 2040 voraussagen?
    Sowohl die Bevölkerungsprognosen der UNO als auch des BFS gehen davon aus, dass die Bevölkerungszahl der Schweiz weiterhin anwachsen wird. Aufgrund der «Zahl der Köpfe» ist zu erwarten, dass eine namhafte Zusatznachfrage nach Wohnraum bestehen wird. Dazu kommen soziodemographische Veränderungen, die gemäss unseren Erwartungen zu einer weiteren Reduktion der Haushaltsgrösse und somit zu einem Anstieg der Wohnungsnachfrage führen. Die Nachfrage konzentriert sich in den Zentren und Agglomerationen, wobei letztere immer grösser werden, da die Städte «überlaufen».

    Welche Probleme hat die heutige Immobilienbranche?
    Die Schweiz hat generell nur Luxusprobleme und die Branche selbst wenig Probleme. Die Wohnraumsuchenden werden Schwierigkeiten haben, da dieser nicht dort bereitgestellt werden kann, wo Nachfrage besteht. Das hat einerseits mit Menge zu tun und andererseits mit der Geschwindigkeit der Prozesse; insbesondere der Bewilligungsprozesse. Die Folge ist, dass die Nachfrage räumlich verdrängt wird und die Haushalte mit geringerer Kaufkraft gegenüber den Zahlungskräftigen im Nachteil sind.

    Haben Sie Ansätze zur Lösung dieser Probleme?
    Wir Ökonomen gehen davon aus, dass die Knappheit dazu führt, dass die Mieten und Preise steigen. In den 1990er Jahren, als die Nachfrage schwach war und die Mieten sanken, hat niemand nach Regulierung gerufen. Seit rund zwei Jahrzehnten hinkt das Angebot in den Zentren aber der Nachfrage stark hinterher und entsprechend herrscht hier wieder grosse Knappheit. Die Alternativen für die Haushalte sind dann kleinere Wohnungen – sofern sie überhaupt eine finden – oder der Wegzug in die Agglomeration, wo noch Wohnungen zu finden sind.

    Haben Sie die Kunden-Anforderungen an Ihr Unternehmen verändert? Wie und warum?
    Nein. Wir haben immer noch praktisch die gleichen, meistens hoch spannenden, Projekte.

    Wie identifizieren Sie erfolgversprechende Standorte für Immobilienprojekte?
    Es geht insbesondere darum, welche zukunftsträchtigen Branchen wo angesiedelt sind. Für die meisten Branchen – oder zumindest Teile davon – sind dabei die Zentren präferiert, so dass die Nachfrage nach Flächen in den Zentren gross ist. Dazu kommt, dass zentrale Lagen für viele Haushalte auch sonst sehr attraktiv sind und die Nähe zum Zentrum bevorzugt wird. Entsprechend ist die zentrale Frage, wie sich die Agglomerationen im Raum ausbreiten, was von Baulandreserven bzw. Verdichtungspotential und stark von den Verkehrswegen bzw. Fahrzeiten abhängt.

    Welche soziodemographischen und ökonomischen Indikatoren sind aus-schlaggebend für Ihre Markt- und Standortanalysen?
    Wir stützen uns stark auf die Nachfragersegmente, die wir zusammen mit sotomo (Wohnen) bzw. CSL Immobilien (Büro, Verkauf) entwickelt haben. Es geht nicht nur um die Zahl der Haushalte bzw. Betriebe, sondern auch um deren Bedürfnisse an den Standort – insbesondere auch an Qualitäten der Mikrolage – sowie an die Flächen bzw. Wohnungen. Neben den Bedürfnissen ist die Zahlungsbereitschaft zu beachten.

    Wie bewerten Sie den Mehrwert und das Entwicklungspotenzial komplexer Liegenschaften?
    Wir verwenden hierzu die DCF-Methode, wobei die Zahlungsströme der Planung, Erstellung, Vermietung oder Verkauf auf der Zeitachse verortet werden. Zeit ist Geld; das darf nicht vergessen gehen. Weiter ist zu beachten, dass es sich zum Zeitpunkt der Bewertung immer um Annahmen über die Zukunft handelt. Es wird demnach mit Erwartungswerten gearbeitet und das Risiko besteht, dass die Erwartungen nicht eintreten. Diese Risiken müssen zusätzlich zu den Zeitverhältnissen in Form einer Sicherheitsmarge berücksichtigt werden.

    Wird die Schweiz von der Immobilienblase heimgesucht?
    Die Welt ist mit Geld überschwemmt worden, wobei die Flut nun vorübergehend durch den Zinsanstieg gestoppt wurde. Aufgrund der hohen Schuldenlast und dem grossen generellen Wohlstand dürfte Geld aber auch in Zukunft billig bleiben. Insofern sind die Entwicklungen auf den Immobilienmärkten schon folgerichtig. Wenn es eine Blase gibt, dann ist dies eine generelle Kapitalmarktblase.

    Was müsste noch passieren, dass dies passiert?
    Von einer Blase würde man sprechen, wenn sich die Preise von den Fundamentaldaten entkoppeln.

    Gehen wir ins Ausland. Die Preise in DE sind gefallen. Wie geht’s dem Immobilienmarkt in Deutschland und Österreich? Was haben wir gemeinsam?
    Die Schweiz steht finanziell sehr robust da und kann zudem eine eigenständige Geldpolitik verfolgen. Dies hat die Schweizerische Nationalbank am 16. März mit der Zinssenkung demonstriert. Hier ist ein grosser Unterschied zu Deutschland und Österreich, die von den Entscheiden der EZB abhängig sind. Ein weiterer Unterschied – jedenfalls zu Deutschland – besteht darin, dass die Stimmung aufgrund der Krisen und Kriege auch in der Schweiz schlecht ist, aber nicht so miserabel wie in Deutschland. Vergleicht man die Entwicklungen – z.B. der Immobilienpreise – über mehrere Zyklen und Krisen hinweg, dann geht die Schweiz sowohl in der Aufwärts- als auch in der Abwärtsbewegung mit mehr Bedacht vor, als viele ausländische Märkte, die entsprechend viel volatiler sind.

  • Warum Next Property AG?

    Warum Next Property AG?

    Warum braucht die Immobilienbranche die Next Property AG?
    Um vorteilhafte Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Branchenakteuren ermöglicht, in einer digitalen Welt möglichst unabhängig und selbstbestimmt zu wirtschaften, ohne zum Spielball dominierender Unternehmen zu werden.

    Was ist die Vision von Next Property AG und wie erreichen Sie diese?
    Wir setzen uns im Sinne unserer Aktionäre für fairen Wettbewerb in der Schweizer Immobilienwirtschaft ein. Dies beinhaltet die Beobachtung und Risikobewertung technologischer Entwicklungen und die Mitbestimmung bei der Gestaltung von Kundenschnittstellen sowie der Verarbeitung und Monetarisierung von Daten, welche durch unsere Aktionäre im Tagesgeschäft generiert werden.

    Um diese Vision zu verwirklichen, braucht es in erster Linie Branchenakteure, die bereit sind, in ihre unternehmerische Zukunft zu investieren und das Gedankengut teilen, dass es wirkungsvolle Allianzen braucht, um in einer digitalen Welt mitbestimmen zu können. Dabei geht es nicht um kurzfristigen Erfolg, sondern darum, dass die Erbringung von professionellen Immobiliendienstleistungen, wie wir sie heute kennen, auch in Zukunft attraktiv bleibt.

    Müssen die Immobilienmakler und -bewirtschafter um Ihr Geschäftsmodell fürchten?
    Wenn wir die Entwicklungen ausserhalb der Immobilienwirtschaft beobachten, führt die Digitalisierung zweifellos zu radikalen Veränderungen von lang bewährten Geschäftsmodellen. Mit anderen Worten, die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, um den heutigen Bedürfnissen von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Kunden gerecht zu werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wir stellen jedoch fest, dass der Reifegrad der Entwicklung nun so weit ist, dass die Veränderungen zunehmend für Unternehmen in der Immobilienwirtschaft spürbar werden. Unternehmen, die sich an die Dynamik der digitalen Welt anpassen, müssen sich um ihr Geschäftsmodell keine Sorgen machen.

    Wie kann sich die Immobilienbranche auf die Herausforderungen der digitalen Zukunft vorbereiten?
    Es hat sich gezeigt, dass auch grosse etablierte Branchenakteure zu klein sind, um bei digitalen Entwicklungen einer Branche eine bedeutende Rolle einzunehmen. Somit empfehlen wir Immobilienunternehmen sich in einer leistungsstarken Interessensgemeinschaft wie der Next Property AG zusammenzuschliessen, um sich gemeinsam für vorteilhafte Rahmenbedingungen einzusetzen.

    Gibt es ein Beispiel dazu?
    Aktuelles Beispiel hierfür ist die Förderung des Immobilienmarktplatzes newhome, der sich an vereinbarte Branchengrundsätzte hält und bei dem die über 500 Next Property AG Aktionäre indirekt beteiligt sind. Gemeinsam wird mit frühzeitigen oder exklusiven Inseraten und gezielten Marketingaktionen dafür gesorgt, dass newhome zu einer regional wettbewerbsfähigen Marktplatzalternative für professionell vermarktete Immobilien wird. Wir empfehlen «newhome first».

  • «Thun soll sich entwickeln, ohne dass die Identität der Stadt verloren geht»

    «Thun soll sich entwickeln, ohne dass die Identität der Stadt verloren geht»

    Herr Lanz, Sie sind seit 2011 Stadtpräsident von Thun. Was waren Ihre grössten Erfolge und Misserfolge in dieser Zeit?
    In meiner Amtszeit als Stadtpräsident von Thun seit 2011 haben wir viele Erfolge erzielt. Thun hat sich generell sehr gut entwickelt, was sich etwa in steigenden Steuereinnahmen, einem überdurchschnittlichen Wachstum der Einkommen oder einem Rekord bei den Logiernächten niederschlägt. Unsere Stadt zeichnet sich durch eine sehr hohe Lebensqualität aus. Es ist jedoch schwierig, spezifische Höhepunkte und Tiefpunkte zu nennen, da Politik das Ergebnis vieler gemeinsamer Bemühungen ist. Das Wohl der Bürgerinnen und Bürger steht für mich im Zentrum und ich glaube, dass sie gerne in Thun leben.

    Wie geht es der Stadt Thun wirtschaftlich?
    Die wirtschaftliche Lage von Thun hat sich im Laufe der Jahre gewandelt; wir waren einst stark von den Militärbetrieben und der Armee abhängig. Heute verfügen wir über eine diversifizierte KMU-Wirtschaft, wobei 96 % der Betriebe weniger als 50 Mitarbeitende haben. Dies sorgt für eine robuste, konstante und stabile Wirtschaft ohne grosse Schwankungen. Touristisch gesehen befinden wir uns auf einem Allzeitrekord, was zeigt, dass Thun bei Touristinnen und Touristen sehr beliebt ist.

    Welches sind die Wirtschaftsmotoren der Stadt und wie abhängig ist die Stadt von diesen?
    In Thun sind wir glücklicherweise nicht mehr von einzelnen Wirtschaftsmotoren abhängig. Grosse Arbeitgeber wie das Spital Thun oder Baufirmen wie Frutiger AG sind bedeutend, aber ihre Performance beeinflusst nicht den gesamten Wirtschaftsraum. Unsere Stärke liegt in der breiten Diversifizierung, wobei der Maschinenbau einen besonderen Fokus darstellt. Selbst bei Verlagerungen einzelner prominenter Firmen sind die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft moderat, und wir können solche Veränderungen gut ausgleichen.

    Wie hat sich die Stadt Thun in den letzten Jahren entwickelt?
    Thun hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt, was sich auch in einer wachsenden Steuerkraft zeigt. Wir haben eine der niedrigsten Leerwohnungsziffern in der Schweiz, was einerseits unsere Attraktivität unterstreicht, aber andererseits auch Herausforderungen gerade für junge Familien mit sich bringt, die Wohnraum suchen. Um dem entgegenzuwirken, setzen wir auf diverse Arealentwicklungen. Zudem betonen wir die Freizeitqualitäten unserer Stadt am Wasser und in den Bergen, wie zum Beispiel durch die Thunerseespiele oder den Thuner Wasserzauber.

    Welche Vorzüge hat die Stadt Thun als Standort für Unternehmen?
    Ein entscheidender Vorteil Thuns für Unternehmen ist die Attraktivität für Fachkräfte, da diese durch das herausragende Freizeitangebot und die Lage am Wasser angezogen werden. Dieses attraktive Umfeld erleichtert es Unternehmen, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen und zu halten. Wir bemühen uns um optimale Rahmenbedingungen, einschliesslich kurzer Wege zur Politik und effektiver Wirtschaftsförderung. Das schafft eine Unternehmensumgebung, die zur Prosperität beiträgt.

    Wie kooperiert die Stadtverwaltung mit lokalen, regionalen und kantonalen Wirtschaftsverbänden, um Standortförderung zu betreiben?
    Wir pflegen enge Beziehungen sowohl im lokalen und regionalen Wirtschaftsraum als auch zur kantonalen Wirtschaftsförderung. Der stetige Austausch mit den Wirtschaftsverbänden ist uns sehr wichtig. Wenn Anliegen auftauchen, können wir unser Know-how einbringen oder Unterstützung anfragen. Insgesamt funktioniert diese Kooperation ausgezeichnet.

    Welches sind die wichtigsten Projekte in der Stadtentwicklung der letzten Jahre?
    Ein zentrales Projekt in der Stadtentwicklung Thuns ist die kürzlich verabschiedete Revision der gesamten Ortsplanung, die die baurechtliche Grundordnung umfasst und sich über mehrere Legislaturen erstreckte. Neben der Ortsplanung legen wir besonderen Wert auf Arealentwicklungen, wobei der Bahnhof und das ehemalige Militärareal in Thun Nord als Premium-Entwicklungsschwerpunkte gelten. Im Gebiet Thun-Nord ist zusätzlich eine neue S-Bahnhaltestelle geplant. Der Entwicklungsraum Thun ist zuständig für die regionale Planung, wobei der kantonale Richtplan auf die einzelnen Gemeinden heruntergebrochen wird. Diese regionale Planungsorganisation koordiniert Siedlungs- und Verkehrsplanung, um sicherzustellen, dass alles koordiniert und nicht gegenläufig entwickelt wird.

    Was sind die langfristigen Ziele der Stadt in Bezug auf Wirtschaftswachstum und Standortförderung?
    Wir brauchen sicherlich ein gewisses Wirtschaftswachstum. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Wachstum zeigt, wenn es uns gelingt, der ansässigen Wirtschaft gute Rahmenbedingungen zu bieten. Die grösste Chance für uns sind diejenige Betriebe, die bereits hier sind. Diesen möchten wir durch Entwicklungsmöglichkeiten unterstützen, was auch dazu führt, dass das Wachstum verträglich ist. Ich stelle fest, Wachstum muss für die Bevölkerung immer verträglich sein, sonst entstehen Widerstände, die sich teilweise in Blockaden wenden können.

    Hatten Sie in den letzten 15 Jahren solche Widerstände von der Bevölkerung erlebt?
    In den letzten 15 Jahren gab es natürlich Widerstände aus der Bevölkerung gegen bestimmte Projekte. Als Politiker ist es unsere Aufgabe, solche Widerstände zu antizipieren und die Bevölkerung zu überzeugen. Durch transparente Informationen und Berücksichtigung von Bedenken konnte bisher jede Abstimmung über Entwicklungsprojekte erfolgreich gemeistert werden.

    Kommen wir zum Schwerpunkt Immobilien. Welches sind die aktuell wichtigsten Immobilienprojekte
    der Stadt?

    Thun fokussiert sich derzeit auf mehrere Immobilienprojekte. Eines dieser Projekte ist «Hoffmatte», welches trotz positiver Volksabstimmung durch juristische Verzögerungen aufgehalten wurde. Ein weiteres zentrales Projekt ist «Freistatt», eine Neubausiedlung einer Wohnbaugenossenschaft, für die bald eine Abstimmung geplant ist. Des Weiteren wird mit dem «Siegenthalergut» eine Siedlungslücke geschlossen und in einen neuen Quartierteil umgewandelt. Die Stadt legt grossen Wert darauf, bei solchen Projekten die Bevölkerung transparent zu informieren und vom Mehrwert zu überzeugen.

    Haben Sie noch freie Areale für die Zukunft?
    Die Stadt Thun verfügt nur über wenige freie Areale für zukünftige Entwicklungen. Zum einen gibt es Potenzial beim «Siegenthalergut» und gegenüber der Fussball-Arena in Thun Süd, wo eine Arbeitszone vorgesehen ist. Das grösste Entwicklungspotenzial sehe ich im Bereich «Thun Nord», welcher gute Verkehrsanbindungen, einen geplanten Bahnhof und freie Flächen bietet. Diese Flächen sind allerdings Konversionsflächen der Armee, wodurch deren zivile Nutzung eine gewisse Komplexität birgt.

    Wie sehen Sie die Entwicklung des Immobilienmarktes in Thun?
    Der Immobilienmarkt in Thun war in der Vergangenheit durch steigende Preise geprägt, wobei aktuell eine Konsolidierungsphase beobachtet wird. Thun ist aufgrund seiner Attraktivität besonders gefragt, was zu einem illiquiden Immobilienmarkt mit wenigen verfügbaren und erschwinglichen Objekten führt. Um dem entgegenzuwirken, strebt die Stadt mit verschiedenen Arealentwicklungen an, adäquaten Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen, einschliesslich junger Familien und älterer Menschen, bereitzustellen.

    Ist das Thema Wohnungsnot in Thun gegenwärtig präsent? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
    In Thun gibt es derzeit Herausforderungen bezüglich des Wohnraums. Zwei Hauptansätze zur Bewältigung dieser Problematik sind die Arealentwicklung und die baurechtliche Grundordnung. Durch die Ortsplanungsrevision wird eine erhöhte Innenentwicklung ermöglicht, sodass mehr gebaut werden kann als zuvor. Dies soll Grundeigentümern Anreize bieten, ihren Grundbesitz besser auszunutzen und so den Wohnraummangel zu verringern.

    Schweizweit herrscht Fachkräftemangel. Wie sieht die Situation in Thun aus?
    In Thun ist der Fachkräftemangel ebenso präsent wie im gesamten Land. Die Stadt setzt darauf, ein attraktives Umfeld für potenzielle Fachkräfte und ihre Familien zu schaffen, da dies die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie sich für eine Stelle in Thun entscheiden. Wir wissen aus Rückmeldungen von Unternehmen, dass ein attraktives Wohn- und Lebensumfeld für die Gewinnung von Fachkräften sehr wichtig ist.

    Wie sieht Ihre Vision für die zukünftige Entwicklung der Stadt aus?
    Thun hat sich sehr positiv entwickelt, weshalb wir keine grundlegenden Veränderungen anstreben wollen. Mein Hauptziel ist es, dass die Einwohner gerne in Thun leben. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Entwicklung von Thun Nord, die Innenentwicklung, verschiedene Arealentwicklungen und damit verbunden auch auf die Schaffung von Frei- und Grünflächen. Trotz Wachstums streben wir danach, Thuns charakteristische Qualitäten zu bewahren und nicht um jeden Preis zu expandieren. Wir haben beispielsweise etwa um die Innenstadt einen Parkhausring errichtet, um den Verkehr im Stadtzentrum zu reduzieren und die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Wir versuchen stets, Win-Win-Situationen zu schaffen und nicht einzelne Massnahmen gegeneinander auszuspielen.

  • «Graubünden ist ein idealer Ort zum Arbeiten, Leben und Investieren.»

    «Graubünden ist ein idealer Ort zum Arbeiten, Leben und Investieren.»

    Was gefällt Ihnen an Ihrem Amt, dem auch die kantonale Raumordnung sowie Landwirtschaftspolitik des Kantons Graubünden angegliedert ist?
    Mir gefällt die Vielfalt der Themen und Aufgaben. Als Regierungsrat bekommte ich Einblick in viele Bereiche des Kantons. Jeden Tag etwas Neues zu erleben und die Vielfalt des Kantons zu sehen, macht die Faszination des Amtes aus.

    Wie beschreiben Sie den Wirtschafts- und Lebensraum Graubünden?
    Graubünden ist ein idealer Ort zum Arbeiten, Leben und Investieren. Graubünden bietet vielfältige Möglichkeiten, sei es im Tourismus oder in anderen Wirtschaftszweigen. Die faszinierende Outdoor-Arena Graubünden bietet einen kaum zu übertreffenden Ausgleich für alle die hier wohnen und arbeiten.

    Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, damit sich der Kanton Graubünden als Wirtschaftsstandort erfolgreich entwickeln kann und ein angemessenes Arbeitsplatzangebot im Kanton zur Verfügung steht?
    Ein grosser Pluspunkt sind die Industrieflächen, die wir für die Standortentwicklung zur Verfügung haben. Entlang der A13 auf der Nord-Süd-Achse steht viel Raum für unternehmerische Aktivitäten bereit. Zudem sind hohe Investitionen für die Fachhochschule Graubünden geplant, um die heutigen Ausbildungs-
    und Forschungsmöglichkeiten umfassend auszubauen. Unser hervorragendes Angebot an Freizeitmöglichkeiten dient nicht nur unseren Gästen, sondern allen, die hier leben und arbeiten. Zusammen mit den attraktiven Arbeitsplätzen resultiert die einzigartige Lebensqualität in Graubünden.

    Wo sehen Sie derzeit die
    grössten Herausforderungen?

    Eine der grössten Herausforderungen für den Kanton ist die demografische Entwicklung und die damit verbundenen Herausforderungen in der Altersvorsorge. Gemäss den Prognosen des Bundesamtes für Statistik schreitet die Alterung der Gesellschaft bei uns schneller voran als in anderen Kantonen. Die zweite Herausforderung ist der Mangel an Arbeitskräften, ich spreche bewusst nicht von Fachkräften. Auch in Graubünden haben viele Bereiche Schwierigkeiten, Personal zu finden. Ein drittes Beispiel: In der Raumplanung sind Kanton und Gemeinden mit der Umsetzung der Raumplanungsgesetzesrevision – insbesondere mit der Verdichtung der Bauzonen – gefordert. Das enge raumplanerische Korsett bremst ein Stück weit unser Wachstum.

    Wie abhängig ist der
    Kanton vom Tourismussektor?

    Der Tourismus ist nach wie vor die tragende Säule der Bündner Wirtschaft. Rund ein Drittel des BIP wird im Tourismus erwirtschaftet, 70% davon im Wintertourismus. In den letzten Jahren ist es gelungen, die Wirtschaft stark zu diversifizieren. Gerade im Bündner Rheintal entsteht ein Cluster mit Hightech-Unternehmen im Medizinalbereich wie Hamilton und Integra Biosciences und weiteren Industriebereichen. Mittlerweile haben wir rund 6000 Mitarbeitende in Hightech-Unternehmen in dieser Region.

    Was macht den Kanton Graubünden
    für Unternehmen attraktiv?

    Wir haben die Innovationsstrategie entwickelt, um Forschung, Entwicklung und Innovation näher an die Unternehmen zu bringen und die Gründung oder Ansiedlung von Start-ups in Graubünden zu fördern. Der Technopark Graubünden in Landquart bietet seit 2020 Raum und Dienstleistung damit sich Start-ups niederlassen, entwickeln und vernetzen können. Unser Trumpf sind, wie gesagt, die Industrieflächen. Auf dem Areal des «Industriepark Vial» in Domat/Ems konnten bestehende Firmen expandieren und neue Firmen angesiedelt werden und damit knapp 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Kanton besitzt auf dem Areal weitere 150’000 Quadratmeter sofort verfügbare Industriefläche. In San Vittore, im südlichen Teil von Graubünden angrenzend an den Wirtschaftsraum Bellinzona, gibt es weitere Flächen, die sich für Ansiedlungen eignen.

    Die Förderung von Start-ups ist ein wichtiges Anliegen der Politik. Wie gehen Sie diese Aufgabe an und welche Branchen oder Themen forciert der Kanton?
    Der Kanton hat mit dem Technopark Graubünden ein Angebot geschaffen, um Jungunternehmen im Technologiebereich zu fördern. Ein Raum, der ein Netzwerk und Know-how zur Verfügung stellt. Attraktive Angebote bestehen auch im Engadin und in der Surselva und weitere Projekte sind in Arbeit. Zur weiteren Unterstützung sind wir in das Ostschweizer Netzwerk INOS eingebunden und auch mit dem Innovationsökosystem Tessin aktiv vernetzt.
    Am Standort Davos entstehen in Zusammenarbeit mit den Zürcher Hochschulen zwei Forschungszentren mit Leuchtturmcharakter. Einerseits das bereits geschaffene Forschungszentrum zur Untersuchung von Klimawandel, Extremereignissen und Naturgefahren im alpinen Raum CERC sowie ein Forschungszentrum im Bereich Gesund und LifeSciences. Beide Institute sollen translationale Forschung betreiben und deren Erkenntnisse damit insbesondere auch durch Start-ups in anwendbare Massnahmen oder Therapien übersetzt werden können.

    Welches sind aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Bauprojekte und Arealentwicklungen, die im Kanton Graubünden anstehen?
    Die Fachhochschule Graubünden in Chur wird von fünf auf einen Standort konzentriert. Damit entsteht für 151 Millionen Franken ein attraktiver Campus für Bildung, Forschung und Innovation.
    Aus meiner Sicht sind Arealentwicklungen im Kanton für die Ansiedlung von Industrieunternehmen von grosser Bedeutung. Deshalb unterstützen wir aktiv die Arealentwicklungen in Domat/Ems und hoffentlich bald auch im Misox, in San Vittore um dort in Zukunft auch mehrere hunderttausend Quadratmeter Fläche für die Ansiedlung von Unternehmen zur Verfügung stellen zu können.

    Welchen Stellenwert nimmt das Thema Nachhaltigkeit, sprich Kreislaufwirtschaft ein und wie wird
    sie investitionsmässig gefördert?

    Für Graubünden ist die Kreislauf-wirtschaft ein wichtiges Thema. Die Rückgewinnung von Materialien aus bestehenden Produkten ist eine Chance für die Wirtschaft. Natürlich sind auch klimaneutrales Bauen, Biodiversität und aus meiner Sicht auch klimaneutrale Landwirtschaft wichtige Themen. Mit dem «Aktionsplan Green Deal» verfügt der Kanton Graubünden über ein Impulsprogramm zur Förderung von Klimaschutz und -anpassung – mit dem Ziel bis 2050 klimaneutral zu werden. Jetzt starten wir in die zweite Phase, in der konkrete Maßnahmen definiert und hoffentlich auch mit finanziellen Mittel
    vom Grossen Rat bewilligt werden, damit wir ab 2025 in die Umsetzung gehen können.

    Wie steht es um die Zersiedlung
    im Kanton Graubünden und was wird dagegen unternommen?

    Die Zersiedelung und der damit verbundene Siedlungsbrei ist meines Erachtens nicht das Hauptproblem des Kantons Graubünden. Wir haben noch eine intakte Siedlungsstruktur und ein klar abgegrenztes Siedlungsgebiet. Die Herausforderung ist, dass für die ganze Schweiz das gleiche Raumplanungsgesetz gilt, obwohl die Herausforderungen völlig unterschiedlich sind. Hier wünsche ich mir, dass die nationale Politik den Kantonen und Gemeinden flexiblere Instrumente in die Hand gibt.

    Welche Strategie verfolgen Sie in Ihrem Departement in Sachen Digitalisierung?
    Wir fahren auf zwei Schienen. Um der Digitalisierung den nötigen Schub zu verleihen, hat der Kanton einerseits einen Verpflichtungskredit von 40 Millionen zur Verfügung gestellt, um innovative Digitalisierungsprojekte zu unterstützen. Die Projekte müssen einen Beitrag zur Digitalisierung leisten, von Projektträgern aus der Wirtschaft kommen, innovativ sein und zur Wertschöpfung des Kantons beitragen.
    Andererseits muss der Kanton selber die Digitalisierung vorantreiben, um Leistungen für die Bevölkerung und Unternehmen vermehrt digital anbieten zu können. Denn wir sind uns bewusst, dass wir bei der Verwaltung Nachholbedarf haben.

    Ist das Thema Wohnungsnot im Bündnerland gegenwärtig? Welche Massnahmen müssen getroffen werden, um die Situation zu entschärfen?
    Die Regionen sind unterschiedlich betroffen. Das Thema ist sehr präsent und politisch aktuell. In den Tourismusregionen ist die Wohnungsknappheit sehr akut. Beispielsweise finden Unternehmen keine bezahlbaren Wohnungen für ihre Mitarbeitende in zumutbarer Entfernung. Das Raumplanungsgesetz und das Zweitwohnungsgesetz tragen meines Erachtens nicht zur Lösung des Problems bei. Sie verschärfen das Problem noch.
    Die Erhöhung der Zinsen fördert die Investition in Wohneigentum nicht. Zudem haben wir die Situation, dass Investitionen in Immobilien in vielen peripheren Gemeinden für institutionelle Anleger wirtschaftlich uninteressant sind. Der Grosse Rat hat mein Departement beauftragt, eine Art Fonds de Roulement einzurichten, um preisgünstigen Wohnraum zu fördern. Der Kanton baut nicht selber. Wir unterstützen die Gemeinden mit verschiedenen Instrumenten und zeigen auf, was sie tun könnten.

    Schweizweit herrscht Fachkräftemangel, wie ist die Situation in Graubünden?
    Ich spreche nicht nur vom Fachkräftemangel, sondern vom Arbeitskräftemangel. Viele Handwerksbetriebe sagen mir: «Ich könnte noch viel mehr Arbeit annehmen, aber ich habe einfach nicht die Arbeitskräfte dazu.» Wir wissen, dass Hotels teilweise ihre Zimmer nicht öffnen, dass der Küchenbetrieb eingeschränkt wird, weil das Personal fehlt. Auch bei der kantonalen Verwaltung finden wir in gewissen Bereichen kein Personal.

    Welche Stärken haben die Regionen im Kanton?
    Die elf Regionen sind sehr unterschiedlich. Im Bündner Rheintal von Maienfeld bis Bonaduz boomen Hightech-Unternehmen. Diese haben in den letzten Jahren über eine halbe Milliarde Franken in dieser Region entlang der A13 investiert.
    Eine Stärke von Graubünden sind auch die touristischen Hotspots, sei es das Oberengadin, Davos-Klosters, Arosa-Lenzerheide oder Laax. In Davos ist auch die Forschung mit fast 400 Mitarbeitenden stark präsent und wird weiter gestärkt.
    Graubünden hat aber auch periphere Regionen, wo die Abwanderung überwiegt und es schwierig ist die Infrastruktur aufrechtzuerhalten.

    Welche Vorhaben und Geschäfte würden Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn als Regierungsrat, als Ihre persönlichen Meilensteine bezeichnen?
    Mir ist wichtig, dass der Ausbau des Ultrahochbreitbands für Graubünden flächendeckend erfolgt. Wie vor 100 Jahren beim Bau der Kantonsstrassen, die abschnittsweise auch für 15 Einwohner gebaut wurden. Wohl wissend, dass das nie refinanziert werden kann. Die UHB-Erschliessung hat für mich die gleiche Bedeutung.
    Wenn wir von Arbeitskräftemangel sprechen, dann ist es wichtig, dass wir die vorhandenen Arbeitskräfte mobilisieren können, unter anderem auch mit dem Ausbau der familienergänzenden Kinderbetreuung. Das Bündner Kantonsparlament hat im Dezember 2022 ein Gesetz verabschiedet, das uns in der Schweiz ins vordere Drittel bezüglich der Bezahlbarkeit der familienergänzenden Kinderbetreuung katapultiert hat.
    Am Projekt «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» beteiligen sich 50 Bauernbetriebe in einem Pilotprojekt um Massnahmen zu testen, welche den Ausstoss von Treibhausgasen reduzieren. Ab 2025 sollen gewisse Massnahmen auf alle Bündner Landwirtschaftsbetriebe ausgedehnt werden. Graubünden ist bereits Vorreiter in Sachen Biolandwirtschaft: Zwei Drittel der Betriebe sind Biobetriebe – in Zukunft wird die Bündner Landwirtschaft klimaneutral sein.

  • «Die Stadt Winterthur wird oft unterschätzt»

    «Die Stadt Winterthur wird oft unterschätzt»

    Herr Roth, Sie haben das Rechtsanwaltspatent, waren als Abteilungsleiter der Financial Intelligence Unit des Fürstentums Liechtenstein in Vaduz tätig und haben das Musikkollegium Winterthur geleitet. Was hat Sie 2020 dazu bewogen, das Amt des Direktors von House of Winterthur anzunehmen?
    Samuel Roth: Ich fand es sehr spannend, an der Schnittstelle von Wirtschaft, Bildung, Tourismus und Kultur tätig zu sein und mich so für die Region Winterthur zu engagieren.

    Was konnten Sie in den bald drei Jahren seit Ihrem Amtsantritt bewegen?
    Roth: Mir war es wichtig, unsere Tätigkeit auf unsere Kernkompetenzen Kommunikation und Vernetzung zu fokussieren. Damit können wir die Region als Technologiestandort, Bildungszentrum und Kulturstadt profilieren. Zu diesem Zweck haben wir ein attraktives Programm mit rund 40 Veranstaltungen pro Jahr auf die Beine gestellt. Besonders beliebt sind die «Tech-Lunches»: Unsere Gäste können jeweils Produktionsbetriebe besichtigen oder die Anlässe zum Thema «House-Kultur» besuchen, in deren Rahmen wir beispielsweise mit unseren Mitgliedern die Winterthurer Musikfestwochen besuchen.

    Frau Lomoro, House of Winterthur entstand 2017 aus den beiden Vereinen Winterthur Tourismus und Standortförderung Region Winterthur. Die Stadt fährt damit ein Sondermodell: Themen wie Wirtschaft, Tourismus, Bildung und Kultur sind unter einem Dach vereint. Wo liegen die Vorteile?
    Antonietta Lomoro: Die verschiedenen Stakeholder haben in Standortförderungsfragen nur noch einen Ansprechpartner statt wie zuvor zwei. Das Marketing für die Region stammt nun aus einem Guss. Zudem fördern wir die gegenseitige Vernetzung der verschiedenen Anspruchsgruppen.

    Welche Synergien konnten durch den gemeinsamen Auftritt erzielt werden?
    Lomoro: Arbeitskräfte legen heute mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Sie schätzen das grossartige Freizeit- und Kulturangebot in der Region Winterthur. Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen achten darauf, dass ihre Mitarbeitenden an einem attraktiven Standort arbeiten können, wo nebst den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Lebensqualität stimmt. Es macht deshalb Sinn, diese Standortvorteile aus einer Hand zu bewerben.

    Wie viele Personen beschäftigt House of Winterthur? Wie hoch ist das Budget?
    Lomoro: House of Winterthur beschäftigt derzeit 20 Personen in Vollzeitäquivalenten. Das Budget umfasst 3,5 Millionen Franken.

    Winterthur verfügt über eine vielfältige Wirtschaft, eine lebendige Altstadt, ein hochkarätiges Kulturangebot und eine angesehene Fachhochschule. Warum muss man eine Stadt, die so viel bietet, noch vermarkten?
    Roth: Winterthur ist zwar die sechstgrösste Stadt der Schweiz, wird jedoch oft unterschätzt. Es ist deshalb wichtig, dass House of Winterthur die Qualitäten der Region als herausragender Technologiestandort, praxisorientiertes Bildungszentrum und grossartige Kulturstadt zur Geltung bringt.

    Wie kommt House of Winterthur bei der Bevölkerung und den Unternehmen an?
    Lomoro: Die Bevölkerung von Winterthur hat 2017 mit einer klaren Mehrheit der Gründung von House of Winterthur zugestimmt. Nach Ablauf der ursprünglichen Subventionsvereinbarung mit der Stadt hat das Stadtparlament die Vereinbarung ohne Gegenstimme um weitere fünf Jahre verlängert. Die Tätigkeit von House of Winterthur stösst bei den Unternehmen auf positive Resonanz, was sich an der regen Beteiligung an unseren Veranstaltungen zeigt.

    Wie haben sich die Mitgliederzahlen von House of Winterthur in den letzten drei Jahren entwickelt?
    Lomoro: Seit Anfang 2020 ist die Anzahl um 20 Prozent auf insgesamt 420 Mitglieder gestiegen.

    «Der Tourismus hat sich seit Corona fast vollständig
    erholt»

    Wie attraktiv ist Winterthur als Wirtschaftsstandort?
    Roth: Wir führen jedes Jahr eine Unternehmensbefragung durch, an der jeweils über 300 Unternehmen teilnehmen. Die letzte Umfrage hat ergeben, dass fast 87 Prozent der Unternehmen eher bis sehr zufrieden mit den Rahmenbedingungen am Standort Winterthur sind. Grund dafür sind die Nähe zu den Hochschulen und die gute Verfügbarkeit von Fachkräften. die Stadt ist auch für Start-ups attraktiv. So findet mit den «Start-up Nights» jährlich der grösste Start-up-Event der Schweiz in Winterthur statt.
    Welche Massnahmen treffen Sie, um die Attraktivität weiter zu steigern?
    Lomoro: Mit «Winterthur 2040» hat der Stadtrat definiert, wie er Winterthur fit für die Zukunft machen möchte. Unsere Aufgabe ist es, die Vorzüge und Chancen der ganzen Region zur Geltung zu bringen.

    Welche Areale, Immobilien sowie Standorte werden seitens der Unternehmen derzeit am meisten gesucht?
    Lomoro: Wir haben viele Anfragen bekommen – und zwar für das Sulzerareal in der Stadtmitte und The Valley im Kemptthal. Aktuell stellen wir fest, dass sich das Interesse an Flächen in Neuhegi und im Zentrum von Effretikon stark erhöht.

    Welche Regulierungen weisen dringenden Anpassungsbedarf auf?
    Roth: Für die Wirtschaft ist jede Regulierung eine zu viel. Manchmal braucht es jedoch Regulierungen, um das Zusammenspiel von Wohnen und Arbeiten zu fördern, um kurze Wege zu ermöglichen sowie eine Belebung des öffentlichen Raums und eine hohe Nutzungsvielfalt zu erreichen.

    Wie soll sich der Wirtschaftsstandort Winterthur in den nächsten 10 Jahren entwickeln?
    Roth: Die Anzahl der Arbeitsplätze hat sich in den letzten Jahren proportional zum Bevölkerungswachstum von ca. einem Prozent pro Jahr entwickelt. Wir gehen deshalb davon aus, dass nicht nur die Bautätigkeit zu einem weiteren Wirtschaftswachstum beiträgt, sondern sich auch neue Technologieunternehmen in Winterthur ansiedeln werden. Zudem hat unsere Unternehmensbefragung gezeigt, dass fast die Hälfte der befragten Unternehmen in den nächsten Jahren Investitionen planen. Die Region Winterthur sieht deshalb rosigen Zeiten entgegen.

    Wie positioniert sich die Stadt im Bereich des Tourismus und auf welchem Stand ist er heute?
    Lomoro: Der Tourismus hat sich seit Corona fast vollständig erholt und liegt – gemessen an der Anzahl Logiernächte – nur noch 15 Prozent unter dem Rekordjahr 2019. Zu den wichtigsten touristischen Attraktionen in der Region gehören der Rheinfall, das Technorama, und an dritter Stelle folgt überraschenderweise der Skills Park. Auch der FC Winterthur und die Pfadi Winterthur sind Publikumsmagnete. Die Kulturstadt punktet mit der internationalen Ausstrahlung der Museen, der grossen Vielfalt an Festivals oder den internationalen Kurzfilmtagen sowie dem Casinotheater und dem Musikkollegium Winterthur.

    Im letzten Jahr hat House of Winterthur die Anzahl Vorstandsmitglieder reduziert. Was waren die Beweggründe?
    Roth: Mit den bis anhin 15 bis 16 Vorstandsmitgliedern war der Vorstand zu gross besetzt. Dadurch konnten sich die einzelnen Vorstandsmitglieder nur ungenügend einbringen. Gemäss Statuten darf nun der Vorstand nur noch maximal 9 Mitglieder aufweisen, was die Effizienz der Vorstandstätigkeit stark erhöht.

    Stehen in den kommenden Jahren weitere interne Veränderungen an?
    Roth: House of Winterthur ist grundsätzlich auf Kurs. Die Generalversammlung wählt am 25. Mai einen neuen Vorstand. Dieser wird die Strategie überprüfen und allenfalls notwendige Anpassungen vornehmen.

  • «Die zentrale Lage ist ein grosses Plus»

    «Die zentrale Lage ist ein grosses Plus»

    Herr Zettel, welche Ziele verfolgt die Wirtschaftsförderung Luzern?

    Wir verfolgen drei Hauptziele. Das erste sind spannende und gute Arbeitsplätze für unsere Bevölkerung. Das zweite ist, Steuererträge für die Leistungen von Kanton und Gemeinden zu generieren. Und das dritte ist die positive Wahrnehmung des Wirtschaftsstandorts Luzern nach innen und aussen.

    Wofür sind Sie als Leiter Unternehmensentwicklung zuständig?

    Als Leiter Unternehmensentwicklung liegt mein Hauptfokus auf den bestehenden Unternehmen des Kantons Luzern. Wir haben etwas mehr als 30’000 Unternehmen und unterstützen diese dabei, sich positiv zu entwickeln. Meist drehen sich unsere Projekte mit Unternehmen um deren Standort. Wenn ein Unternehmen beispielsweise wächst, ändern sich seine Bedürfnisse. In diesem Zusammenhang können sich Fragen nach Erweiterungen oder einem Standortwechsel stellen. Welches sind aktuell die grössten Herausforderungen der Unternehmen? Themen rund um begrenzte Ressourcen wie Bauland und Gewerbeflächen stellen Unternehmen häufig vor Herausforderungen. Ein anderes grosses Thema ist aktuell der Fach- und Arbeitskräftemangel. Aktuell sind grössere Unsicherheiten vorhanden, wie etwa der Ukraine-Krieg oder die Inflation. Dazu gehören auch Themen wie Energiepreise und Lieferengpässe. Diese Herausforderungen zeigen uns einmal mehr auf, wie abhängig wir letztlich davon sind, was ausserhalb der Schweiz passiert.

    Welches sind aktuell die bedeutendsten Bauprojekte im Kanton Luzern?

    Der ganze Kanton Luzern hat eine hohe Baudynamik. Sehr viel läuft aktuell in den beiden Entwicklungsschwerpunkten Luzern Nord und Luzern Süd. In der Smart City Luzern Nord entsteht die neue zentrale kantonale Verwaltung. In Luzern Süd gibt es bereits viele Projekte in Realisierung wie das Nidfeld-Areal oder die Pilatus-Arena mit dem Pilatus Tower, dem höchsten Hochhaus Luzerns. Der Campus Horw der Hochschule Luzern wird bis Ende dieses Jahrzehnts erweitert und erneuert.

    Was macht den Kanton Luzern als Wohnort attraktiv?

    Im Kanton Luzern ist für alle etwas dabei. Wir haben tolle Wohnlagen und ganz unterschiedliche Regionen und Landschaften. Wir haben eine grossartige Stadt mit einem wunderbaren kulturellen Angebot. Wir haben Seen, Berge und ein touristisches Angebot, das auch der Bevölkerung zur Verfügung steht. Das alles macht Luzern zu einem attraktiven Gesamtpaket. Ausserdem ist Luzern von der Grösse her ein überschaubarer Ort. Man kann sich hier gut integrieren, wir haben viele Vereine und tolle Veranstaltungen. Insgesamt ist die Lebensqualität in Luzern herausragend.

    Wie sieht es aus mit freiem und günstigem Wohnraum aus im
    Kanton Luzern?

    Wohnraum ist auch in Luzern ein Thema. Wir haben eine Leerwohnungsziffer von etwas unter einem Prozent. Das ist ein Durchschnittswert: Manche Gemeinden haben praktisch keine freien Wohnungen, in anderen gibt es durchaus Angebote. Auch bei den Preisen ist es so: Während etwa der Wohnraum in der Stadt Luzern relativ teuer ist, gibt es auch Gemeinden, in denen es günstigere Angebote gibt. Gleichzeitig wird viel gebaut. Das ist auch das Wichtigste im Moment: Dass Bauprojekte realisiert werden und neue Wohnungen zügig auf den Markt kommen.

    Welche Gemeinden sind neben der Stadt Luzern bei Unternehmen besonders beliebt?

    Wir haben 80 tolle Gemeinden im Kanton Luzern, und jede Gemeinde hat ihre eigenen Stärken. Bezogen auf die Anzahl Unternehmen sind neben der Stadt Luzern die grossen Gemeinden in der Agglomeration wie Emmen, Kriens, Horw und Ebikon bedeutende Standorte. Sursee als zweites Zentrum des Kantons ist aufgrund seiner Lage ebenfalls attraktiv für Unternehmen. Aber auch in Regionen wie Willisau oder Hochdorf gibt es viele tolle Unternehmen, besonders in der Industrie. Diese breite und vielfältige Wirtschaftsstruktur ist eine der Stärken von Luzern.

    Warum sollte ein Unternehmen nach Luzern kommen anstatt nach Zürich, Bern oder Basel?

    Die zentrale Lage mitten in der Schweiz ist ein grosses Plus. Man ist schnell in Basel oder Zürich, aber auch in Italien oder Deutschland. Zusätzlich haben wir sehr attraktive Unternehmenssteuern, eine breite Bildungslandschaft und gute Fach- und Arbeitskräfte.

    Wo steht der Kanton Luzern in Sachen Digitalisierung?

    Ich betrachte das Thema vor allem aus der Perspektive der Wirtschaftsstruktur. Wir haben beispielsweise viele IT-Dienstleister, die sich auf Digitalisierung spezialisiert haben. Bei den meisten Unternehmen ist das Thema schon lange angekommen. Aber Digitalisierung hört ja nicht auf. Der Wandel ins digitale Geschäftsmodell ist fortlaufend, und es kommen ständig neue Themen dazu. Auch wir greifen diese Themen auf. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise einen Hub für künstliche Intelligenz mitgegründet. Dieser macht das Thema KI sichtbar und hilft den Unternehmen in der Anwendung. Wir unterstützen Unternehmen auch dabei, sich für Digitalisierungsprojekte mit passenden Partnern zu vernetzen.

    Als Wirtschaftsförderer haben Sie einen relativ jungen Beruf. Was zeichnet diesen Beruf für Sie aus?

    Ich komme mit unglaublich vielen interessanten Leuten in Kontakt – sei es aus Unternehmen, aus der Politik oder aus der Verwaltung. Ausserdem sind wir an der Quelle neuer Ideen und Projekte. Auch fachlich hat dieser Beruf viele Facetten: Von Betriebswirtschaft über Raumplanung und Immobilien bis hin zu Politik und Kommunikation. Für mich ist es ein Privileg, diese Arbeit machen zu dürfen.

  • «FRZ Flughafenregion Zürich – Der grosse Freundeskreis von mir»

    «FRZ Flughafenregion Zürich – Der grosse Freundeskreis von mir»

    Zur Person
    Christoph Lang ist seit der Gründung im Jahr 2012 Geschäftsführer des Wirtschaftsnetzwerks FRZ Flughafenregion Zürich (FRZ). Dieses umfasst aktuell über 750 Unternehmungen und 14 Städte und Gemeinden. Der Jurist sowie Standort- und Wirtschaftsförderer par excellence hält die FRZ auf Expansionskurs – in der Region und darüber hinaus. Der 68-Jährige ist zudem Gemeinderat in Rickenbach im Kanton Zürich und dort zuständig für die Bereiche Finanzen, Sicherheit und Verkehr.

    Herr Lang, wie hat sich das Wirtschaftsnetzwerk FRZ Flughafenregion Zürich (FRZ) im Laufe der vergangenen Zeit entwickelt?
    Die Flughafenregion hat sich sehr gut entwickelt. Zu Beginn, im Jahr 2012, hatten wir 49 Mitglieder. Inzwischen hat sich diese Zahl weit mehr als verzehnfacht. Wir zählen über 750 Unternehmungen. Was mich ganz besonders freut: Wir konnten in der Zwischenzeit von 8 auf 14 Städte und Gemeinden wachsen. Zuletzt schlossen sich die Gemeinden Volketswil und Bachenbülach an. Die Städte und Gemeinden erkennen, dass wir nur gemeinsam stark sind und die Region dadurch bekannter wird. Sie wird attraktiver sowohl für Firmenansiedlungen als auch für neue Einwohnerinnen und Einwohner. Das sieht man beispielhaft an Bülach. Die Stadt ist in den letzten 15 Jahren von rund 14.000 auf 23.000 Einwohner gewachsen ist. Dank der Überbauung Bülach Nord mit dem Glasi Areal wird die Einwohnerzahl bald gegen 30’000 steigen.

    Was sind die Vorteile der FRZ?
    Die Firmenmitglieder haben realisiert, dass sie durch die vielen FRZ-Veranstaltungen viel Wissen und wichtigen Information erhalten. Vor allem der jährliche Immobilien-Summit erfreut sich grosser Beliebtheit und ist immer ein hochkarätiger und spannender Anlass. Die NZZ hielt fest, dass sich der Immobilien-Summit zu einem der wichtigsten Immobilien-Anlässe der Schweiz positioniert hätte. Die weiteren Networking Events tragen ebenfalls dazu bei, dass es einerseits viele Neuansiedlungen gibt und andererseits untereinander gut kooperiert und gewirtschaftet wird. Ein schönes Beispiel ist der Vermarktungserfolg des Milliardenprojekts The Circle am Airport Zurich, wo inzwischen über 85 Prozent der Flächen vermarktet werden konnten – und dies trotz Corona-Pandemie. Das ist ein Trend, den man vor zwei, drei Jahren nicht erwartet hat. Gemäss neuesten Informationen des Circle steht man mit neuen Interessenten in Kontakt. Wir haben zwar generell immer noch rund zehn Prozent Büroleerstände in der Region. Dennoch zeigen uns die Vermietungen, wie attraktiv dieser Raum ist. Das ist übrigens weltweit ähnlich in den Flughafenregionen: die Menschen wollen dort wohnen und arbeiten. Die Erreichbarkeit ist immer noch das A und O.

    Wie sieht Ihre Definition der Flughafenregion Zürich heute aus?
    Das ist die Region mit rund 20 Städten und Gemeinden rund um den Flughafen Zürich. Die Flughafenregion Zürich im weiteren Sinne erstreckt sich jedoch bis zum Rhein, bis in die Nähe von Winterthur und Uster. Eigentlich gehört das Zürcher Oberland, das Furttal und das Limmattal ebenso dazu. Man kann es auch so sehen: Die Flughafenregion ist überall dort, wo die Menschen dem Fluglärm ausgesetzt sind, dann sind der Kanton Thurgau und die Innerschweiz Teil davon. Der Flugverkehr bringt eine gewisse Lärmbelastung mit sich – allerdings ebenso Arbeitsplätze und weitere Vorteile. In der Zukunft – vielleicht schon in 20 Jahren – werden die Flugzeuge deutlich leiser sein. Dann wird Fluglärm kein Thema mehr sein. Davon bin ich fest überzeugt.

    Wie geht es dem Flughafen momentan und wie sind die weiteren Geschäftsaussichten?
    Der Flughafen hat aufgrund der Corona- Pandemie zwei schwierige Jahre hinter sich. Wir hatten allerdings bereits im Herbst 2021 an gewissen Tagen gute Zahlen. Im Oktober gab es beispielsweise bei Edelweiss Air eine Auslastung von 90 Prozent. Die Reiselust steigt. Ich rechne damit, dass die durchschnittliche Auslastung in diesem Jahr bei über 70 Prozent liegen wird. Dies ist selbstverständlich abhängig von anderen Regionen, ob und wie stark die bisherigen Reise-Restriktionen gelockert werden aufgrund der Entwicklung der Gesundheits- und Sicherheits-Situation. Ich bin zuversichtlich, dass im Jahr 2024 das Passagieraufkommen wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen wird. Der Flughafen investiert sehr viel in seine Entwicklung, bis eine Million Franken pro Tag. Davon profitiert die gesamte Region. Viele Firmen aus der Flughafenregion haben am Bau des Circle mitgearbeitet.

    Und wie sieht es da mit den Nachhaltigkeitsaspekten aus?
    Ich hoffe, dass der Pfad der Nachhaltigkeit konsequent weiterverfolgt wird. Mit effizienteren Flugzeugen und alternativen Treibstoffen ist das möglich. Dabei ist mir sehr wichtig, dass wir als Netzwerk, als Region und als Gesellschaft unseren Beitrag zum Erreichen der globalen Klimaziele leisten.

    Welche Ziele verfolgt die FRZ mit der Strategie 2022-2025?
    Innerhalb dieser Strategie ist die Informations- und Kommunikations-Technologie (ICT) sehr wichtig. Wir haben beispielsweise HP, Isolutions, Microsoft und SAP in der Region. Google hat in Zürich den grössten Standort ausserhalb der Vereinigten Staaten. Es werden viele Rechenzentren in der Flughafenregion gebaut, fast schon so viele wie Einfamilienhäuser. Meine Vision ist, dass die Flughafenregion ein weltweiter ICT-Hub wird.

    Sie haben im Februar 2022 via ZKB ein sogenanntes «Tracker-Zertifikat» der Flughafenregion Zürich lanciert. Warum?
    Hier stecken mehrere Gedanken dahinter. Die Flughafenregion verfügt über viele gute und attraktive Firmen, deshalb macht die Emission eines solches Finanzprodukts Sinn. Wenn man 15 bis 20 dieser erfolgreichen Unternehmen selektioniert, ergibt dies ein sehr interessantes Wachstumsprofil. Die im Finanzprodukt enthaltenen Unternehmen wachsen und performen überdurchschnittlich. Im Weiteren geht es um Werbung für die Flughafenregion Zürich. Wir sind der einzige Standort- und Wirtschaftsförderer in der Schweiz, der eine solche Initiative lanciert hat. Aus diesen Gründen haben wir diesen Schritt zusammen mit der Zürcher Kantonalbank gewagt. Jetzt gibt es natürlich wirtschaftlich eine gewisse Unsicherheit wegen der Unruhe in der Ukraine. Doch wenn die Märkte sich wieder beruhigt haben, werden auch die Firmen im ZKB-Tracker-Zertifikat Aufwärtstendenzen zeigen.

    Die FRZ feiert 2022 ihr Zehn-Jahres- Jubiläum (…)
    (…) Wir sind sehr stolz, dass wir dieses Jubiläum mit unseren über 750 Mitgliedern und den Stadt- und Gemeindevertretern feiern können. Wir werden etwas Spezielles anlässlich des Wirtschaftsforums organisieren, das wieder im Zelt von Salto Natale stattfinden wird. Als Keynote-Speaker haben wir Roland Brack gewinnen können, ein sehr erfolgreicher Guru im Online-Handel. Gian-Luca Bona, langjähriger CEO der Empa wird uns als zweiter Keynote Speaker beehren.

    Wo steht die FRZ in zehn Jahren?
    Wir werden nach wie vor das persönlichste und digitalste Netzwerk der Schweiz sein. Wir wollen weiter den Standort erfolgreich entwickeln, dass er Anziehungskraft für Firmen und Menschen besitzt. Sollte ich mal nicht mehr aktuelle Position innehalten, werde ich ganz sicher gerne möglichst viele FRZ-Anlässe besuchen. FRZ Flughafenregion Zürich – das ist der grosse Freundeskreis von mir. Wir wollen die bereits angesprochene Strategie 2022-2025 erfolgreich umsetzen und natürlich auch mit der FRZ wachsen. Etwa im Bereich Sponsoring, in dem wir momentan rund eine halbe Million Franken pro Jahr einnehmen. Mein Ziel für 2025 ist, in diesem Segment die Millionengrenze zu erreichen und dann total mit der FRZ zwischen drei und fünf Millionen Umsatz erzielen. Aktuell setzen wir über zwei Millionen Franken um.

    Wo sehen Sie noch Platz für weitere Immobilienprojekte?
    Da gibt es noch eine Vielzahl an Möglichkeiten. Ich denke da an Bachenbülach oder an das Glasi-Areal in Bülach sowie an die Städte und Gemeinden östlich der Flughafenregion. Es gibt 15 bis 20 grosse Bauprojekte in der Region mit einem Bauvolumen von über 100 Millionen Franken. Alles was von der Bauzone her möglich ist, wird in der Gegend überbaut. Wir haben in der Schweiz ein jährliches Bevölkerungswachstum von 40.000 bis 50.000. In wenigen Jahren wird die Schweiz zehn Millionen Einwohner zählen. Viele davon wollen in einer Gegend leben, welche gut erreichbar ist. Das ist vor allem für jüngere Mitarbeitende sehr wichtig. Der Druck auf die Ballungszentren bleibt unverändert bestehen, das ist deutlich feststellbar. Hier müssen in der Schweiz Überlegungen angestellt werden: Was machen wir mit den Randregionen? Wichtig ist für mich, dass die Infrastrukturen in Randregionen erhalten bleiben und nicht von der Abwanderung bedroht werden. Eine Initiative von mir wäre eine engere Zusammenarbeit via Organisation miaEngiadina mit der Region Unterengadin. Diese ist sehr stark im digitalen Bereich unterwegs. Das ist eine attraktive Gegend zum Arbeiten und vielleicht ist das auch eine Chance, dass sich verstärkt Firmen in dieser einzigartigen Region der Schweiz ansiedeln.

    Vielen Dank, Herr Lang, für das interessante Gespräch.

  • «Die Immobilienbranche hat die besten Jahre der Digitalisierung noch vor sich»

    «Die Immobilienbranche hat die besten Jahre der Digitalisierung noch vor sich»

    Zur Person
    Giuseppe Giglio verantwortet als Chief Digital Officer der Steiner AG die digitale Transformation und die Entwicklung neuer digitaler Produkte. Zuvor war er bei der Swisscom verantwortlich für die Digitalisierung der Vertriebskanäle und den Aufbau von Supportplattformen für den Privatkundenbereich.

    Herr Giglio, was ist Ihre Aufgabe bei der Steiner AG?
    Ich bin gemeinsam mit meinem Team von rund 25 Personen für die digitale Unternehmensentwicklung zuständig. Unser Ziel: das Unternehmen technologisch fit zu halten und erfolgreich in neuen digitalen Märkten zu etablieren. Dafür hat die Steiner AG vor einem Jahr die Kompetenzen für den digitalen Bereich gebündelt und mir die Verantwortung übertragen.

    Sie waren zuvor ausserhalb der Immobilienbranche tätig. Wo steht aus Ihrer Sicht die Digitalisierung im Immobilienbereich im Vergleich zu anderen Branchen?
    Andere Branchen konnten früher von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren. Der Immobilienbereich steht noch am Anfang dieser Reise. In den vielen Gesprächen, die ich mit unterschiedlichen Unternehmen aus unserer Branche führen durfte, spüre ich aber eine grosse Veränderungsbereitschaft. Es herrscht eine Art Aufbruchstimmung. Der Immobilienbereich hat die besten Jahre der Digitalisierung noch vor sich. Dieser Umstand war es auch, der mich persönlich zum Wechsel bewogen hat.

    Wurde diese Aufbruchstimmung durch die Coronapandemie beflügelt?
    Die Pandemie hat sicher einen gewissen Druck auf das Vorantreiben digitaler Themen ausgeübt. Ich glaube aber, dass die Immobilienbranche selbst ohne Corona an diesem Punkt stehen würde. Unternehmen wollen den Anschluss nicht verpassen und wettbewerbsfähig bleiben.

    Wo hat die Steiner AG punkto Digitalisierung die Nase vorn?
    Das Unternehmen konnte sich nicht zuletzt wegen seiner modernen IT-Infrastruktur sehr rasch an die neuen Marktbedingungen der letzten zwei Jahre anpassen. So konnten wir zum Beispiel problemlos von jetzt auf gleich die Belegschaft von den Büros ins Homeoffice schicken und den operativen Betrieb jederzeit sicherstellen. Wir sind erfolgreicher und stärker aus der Pandemie herausgekommen. Auch hat die Steiner AG schon sehr früh bei ihren Eigenentwicklungen konsequent auf BIM gesetzt. Heute können wir auf über zehn Jahre Erfahrung in dieser Technologie zurückgreifen und kennen alle Tricks und Stolperfallen.

    Welche Digitalisierungsthemen werden aktuell besonderes nachgefragt?
    Die Energie- und Klimaziele 2030 fordern die Branche entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Insofern werden Themen zur Transparenz bezüglich Umweltkennzahlen stark nachgefragt. Daneben fassen Online-Kollaborationsplattformen – die in anderen Branchen bereits zum Standard gehören – allmählich auch in der Immobilienindustrie Fuss.

    Wie stark hat sich BIM heute bereits durchgesetzt?
    Wir stellen fest, dass BIM oder Teile von BIM bei grösseren Projekten sehr häufig zur Anwendung kommen. Bei Renovationen beziehungsweise Bestandesbauten registrieren wir in den letzten Monaten ebenfalls eine hohe Nachfrage. Bei kleineren Projekten oder auch explizit im Bereich des Gebäudebetriebs haben wir Aufholbedarf. Die Digitalisierung ist stets mit Prozessveränderungen und Investitionen verbunden – viele Firmen sind hier noch vorsichtig. Wir müssen den Entscheidungsträgern die Vorteile von BIM aufzeigen und Beweise erbringen.

    Welche Vorteile bringt BIM?
    BIM schafft die Grundlage für echte Vernetzung von Immobilienprojekten. Konsequent und durchgängig angewendet, lassen sich in einer frühen Phase Planungsfehler vermeiden – und es kann schneller und dadurch günstiger auf neue Rahmenbedingungen reagiert werden. Digitales Planen ermöglicht zudem ein effizientes Betreiben. Die Vorteile für den Gebäudebetrieb sind exponentiell grösser.

    « Künstliche Intelligenz ist bereits heute nicht mehr wegzudenken »

    Können Sie ein Beispiel für Smart Home nennen?
    Bekannteste Beispiele sind die intelligente Steuerung der Gebäudetechnik wie Licht, Heizung und Sicherheitslösungen, etwa Türschlösser oder Alarmanlagen. Solche Lösungen sind mittlerweile weit verbreitet.

    Was sind die Vorteile von Smart Home?
    Man spricht heute von «Ambient Assisted Living». Smarte Technologie im Wohnbereich erlauben es beispielsweise älteren Menschen auch bei gesundheitlichen Einschränkungen länger in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu verbleiben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. So beispielsweise mit Hilfe von Sensoren, die registrieren, wenn jemand umfällt und direkt einen Alarm auslösen. Es gibt auch die Möglichkeit, Licht/Storen etc. barrierefrei über die Sprache und nicht über komplizierte Bedienelemente zu steuern. Diese Thematik birgt nicht zuletzt auch auf Investorenseite viel Potenzial.

    Welches genau?
    Ein smartes Zuhause kann den Verbrauch der Haushalttechnik wie Heizung oder Kühlung messen und steuern, was zu einer Reduzierung des Stromverbrauchs führt. Dies resultiert in tieferen Betriebskosten.

    Wie und wo setzt man Zukunftstechnologien wie Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR), Artificial Intelligence (AI) schon heute ein?
    AR und VR sind derzeit noch Nischenthemen, die oft als Marketinginstrumente zum Einsatz kommen. Sie eignen sich hervorragend zur Visualisierung von Visionen und sind Nährboden für Inspiration.

    AI hingegen ist bereits öfters Realität als man denkt: Beispielsweise bei der Kostenermittlung oder Erkennung von Anomalien im Gebäudebetrieb. Da diese Abläufe meist im Hintergrund ausgeführt werden, bemerkt der Anwender oftmals nicht, dass eine künstliche Intelligenz oder ein Algorithmus im Spiel ist. Wenn man heute digital plant und baut, ist Künstliche Intelligenz nicht mehr wegzudenken.

    Was ist nötig, damit AR und VR ebenfalls alltagstauglich werden?
    Wir müssen Projekte mit einem «Digital-First-Mindset» anpacken. Je früher ein Projekt digital angegangen wird, desto profitabler wird es in der Gesamtbetrachtung. Wir brauchen noch mehr Praxisbeispiele, die aufzeigen, dass Projekte mit einer solchen Denkweise erfolgreicher werden. Gerade VR ist in einer frühen Phase hilfreich, um die Zusammenarbeit zu verbessern und um erfolgskritische Entscheide rasch herbeizuführen. Ich bin überzeugt, dass sich AR und VR im Immobilienbereich in den nächsten fünf Jahren durchsetzen werden.

    Welche Digitalisierungslösungen werden von Partnern und Subunternehmern der Steiner AG am meisten nachgefragt?
    Viele Unternehmen stehen noch am Anfang ihrer Digitalisierungsreise. Deshalb sind Schulungen, BIM-Management sowie die Bestandsaufnahmen von Immobilien für die digitale Inventarisierung des Immobilienportfolios zurzeit besonders gefragt.

    Wie verändert die Digitalisierung die Branche Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf Jahren?
    Ich glaube, dass die Digitalisierung uns alle näher zusammenbringt. Bauherrschaft, Öffentlichkeit sowie Unternehmen arbeiten und tauschen sich auf der gleichen Plattform aus und gestalten das Projekt aktiv mit. Dies führt zu einer Demokratisierung von Immobilienprojekten, was wiederum zu erfolgreicheren und nachhaltigeren Ergebnissen führt.

  • «Planerische Rahmenbedingungen mit Weitsicht setzen»

    «Planerische Rahmenbedingungen mit Weitsicht setzen»

    Zur Person
    Balz Halter ist Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsident der Halter AG. Die Unternehmensgruppe der Schweizer Bau- und Immobilienwirtschaft beschäftigt rund 320 Mitarbeitende an den Standorten Schlieren, Bern, Basel, Luzern, Lausanne, Genf und St. Gallen. Der Ingenieur ETH und Jurist ist bekannt für Unternehmergeist und Innovationskraft. So hat sein Unternehmen «The Branch», ein Do-Tank und eine Kollaborationsplattform für eine innovative und integrierte Immobilienwelt, initiiert.

    Herr Halter, Ihr Unternehmen ist seit über 100 Jahren am Markt tätig. Was hat sich seither in der Stadtplanung verändert und was ist gleichgeblieben?
    Unverändert ist sicher immer noch die Anziehungskraft von Wirtschaftsmetropolen wie Zürich. Den Drang in die Stadt gab es schon vor 100 Jahren und er ist heute nicht geringer, wahrscheinlich sogar grösser. Es ist immer noch der gleiche Kampf um günstigen Wohnraum. Das wird ein ewiges Thema in allen Städten bleiben. Anders als damals macht man sich heute kaum Gedanken zu einer übergeordneten Stadtplanung und der Frage, wie sich Stadt über ihre politischen Grenzen hinaus entwickeln soll. Mit Aufkommen des Individualverkehrs und Ausbau der S-Bahnen wurde primär in Infrastrukturen gedacht und geplant. Entstanden ist die konturlose Agglomeration, die weder Dorf noch Stadt ist und ihre Identität sucht. Den Herausforderungen des Wachstums und die damit verbundene Not an zahlbaren Wohnraum begegneten unsere Ahnen vor 100 Jahren mit dem internationalen Städtebauwettbewerb Gross-Zürich, der sich weit über die damaligen Stadtgrenzen Zürichs erstreckte. Es wäre höchste Zeit, wieder einen derartigen Wettbewerb angepasst auf die aktuellen Anforderungen und Herausforderungen zu veranstalten.

    Gibt es hier vielleicht einen Wechsel durch die aufkommende Elektromobilität?
    Wir wissen, dass sich etwas verändern wird, aber wir sehen noch zu wenig klar, was da auf uns zukommt. Wie und wann sich Konzepte des Selbstfahrens, motorisierter Individualverkehr im Sharing-Modell kommen wird, wissen wir noch nicht. Wie dieser im Zusammenspiel mit öffentlichen Verkehrsträgern wie Tram, Bus und Bahn funktionieren oder diese sogar teilweise ersetzen werden, können wir noch nicht abschätzen. Es ist jedenfalls anzunehmen, dass diese Entwicklungen Auswirkungen auf die Stadtplanung haben werden, insbesondere auf den öffentlichen Raum. Möglicherweise werden weniger Parkplätze als Umschlagplätze gefragt sein.

    Im Wandel der Mobilität, von der Pferdekutsche bis zum Automobil und vielleicht sogar bis zur künftigen Drohne als individuelles Verkehrsmittel, muss man wie früher auch schon die Strukturen grosszügig planen, dann kann sich Vieles ergeben. Wir sehen gerade vor der Tür in Schlieren mit der Limmattalbahn oder auch im Glatttal die Wiedergeburt der Strassenbahn. Das ist möglich, wenn öffentliche Räume zur Verfügung stehen. Deshalb wäre es falsch, grundsätzlich von einem Paradigmenwechsel auszugehen.

    Faktor Flugzeug und Flughafen – wie strahlt das auf die Region Zürich und die Immobilienprojekte aus?
    Der Flughafen ist ein Treiber für Arbeitsplätze, Wohlstand und Prosperität. Wir verdanken wohl dem Airport Zürich auch, dass Zürich die Wirtschaftsmetropole in der Schweiz ist. Es war damals ein strategischer Entscheid, den Landesflughafen im Gebiet des damaligen Waffenplatzes Kloten-Bülach anzusiedeln. Davon profitieren wir alle heute in hohem Mass. Wir müssen diesen Vorteil weiter nutzen und dem Flughafen mit seiner Hub-Funktion Sorge tragen, so dass er direkte Verbindungen in alle Welt auch nach Corona bieten wird. Das Reisen wird wieder zunehmen, wenn auch nicht in dem rasanten Tempo, wie wir es zuvor erlebt haben. Der Flughafen Zürich hat eine enorm grosse Bedeutung und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

    Braucht es einen Flughafenausbau, und falls ja, wie und wann?
    Im Wettbewerb der Volkswirtschaften ist die Schweiz als Binnenland und Exportnation auf diese Stärke angewiesen. Wir müssen den Flughafen als langfristiges Projekt verstehen, dass sich wandelnden Bedürfnissen anpassen kann und muss. Deshalb müssen wir planerisch und regulatorisch die Basis schaffen, dass ein weiterer Ausbau möglich bleiben wird. Ob das dann wirklich geschieht, steht auf einem anderen Blatt. Das können und müssen wir nicht heute oder morgen entscheiden. Aber die Rahmenbedingungen müssen mit Weitsicht gesetzt werden.

    Im Moment sind Lärm und Nachhaltigkeit sowie fossile Brennstoffe grosse Themen. Dank Fortschritt bei neuen Antriebsmodellen und bei der Energiegewinnung wird es auch in der Flugindustrie zu Veränderungen kommen. Es wird andere Kraftstoffe geben, die nachhaltiger sind. Die Lärmbelastung durch den Luftverkehr wird von Jahr zu Jahr weiter sinken. Auch deshalb können und sollten wir Weichen stellen, um einen Airport-Ausbau zu ermöglichen und Wachstum zuzulassen.

    In der Flughafenregion sind Sie zuhause und haben bereits eine Vielzahl an Projektentwicklungen mit Ihrer AG realisiert. Die jüngste in dieser Reihe ist eine Neuüberbauung in Wetzikon in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Was ist hier der aktuelle Stand und was entsteht dort genau?
    Das Zentrum Metropol, so der Name des Projektes, ist in meinen Augen ein wegweisendes Vorhaben, das als Modell für Zentrumsüberbauungen in Subzentren dienen könnte. Aus der Sicht des Stadtentwicklers ist es deshalb spannend, weil wir es mit der Um- und Neunutzung eines Einkaufszentrums zu tun haben. Shoppingcenter kennt man aus den 1960er und 1970er Jahren und mit dem Projekt Metropol erfolgt in Wetzikon eine Neuinterpretation dieses Modells. Geplant ist ein neuartiges Einkaufskonzept, das auch nach aussen strahlt. Wir bauen einen Stadtbaustein, der die verschiedenen öffentlichen Räume vernetzt und das Leben dort unterstützt. Wir interpretieren Stadt quasi neu. Es wird nicht mehr ein in sich geschlossenes System sein, sondern ein offener, zugänglicher und vielfältiger Ort für alle. Die Nutzungen werden gemischt sein: neben Retail- entstehen Dienstleistungsflächen, Wohnungen sowie Angebote für Coworking und neue Formen des Zusammenarbeitens. Wir streben einen guten Mix an, so dass der Ort lebt, nicht nur zu Büro- oder Geschäftszeiten. Wetzikon soll an Attraktivität gewinnen, gegenüber den grossen Zentren Zürich und Winterthur, so dass die Leute in ihrer Stadt bleiben.

    Stichwort «Digitales Planen und Bauen»: Mit Raumgleiter besitzt Halter hier eine wegweisende und innovative Schwestergesellschaft. Was wird heutzutage noch analog gemacht und was bereits alles digital?
    Raumgleiter ist ein Pionier im Bereich Virtualisierung, digitaler Planungs- und Bauprozesse auf der Basis von 3D-Modellen, respektive des digitalen Zwillings eines Gebäudes. An diesen Themen arbeiten wir bei Raumgleiter, aber eigentlich in allen Unternehmen unserer Gruppe. Doch: Immobilien sind und bleiben real. Deshalb ist deren Realisierung und auch vieles im Betrieb analog und wird es auch in Zukunft bleiben. Die Digitalisierung hilft uns jedoch, die heute sehr komplexen, hoch fragmentierten Bau- und Betriebsprozesse neu zu gestalten. Das Ziel muss sein, dass Gebäude effizienter und nachhaltiger erstellt und betrieben werden können, in hoher Qualität und ausgerichtet auf die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Nutzer. Wir stehen noch am Anfang: die Digitalisierung bietet unserer Industrie jedoch ein enormes Potenzial.

    Welche Rolle spielt dabei der von Ihnen mitinitiierte Do-Tank «The Branch»?
    Im Branch kommen viele verschiedene Beteiligte aus der Bau- und Immobilienwirtschaft zusammen: Unternehmer, Dienstleister, Bauherren, Investoren und finanzierende Institute. Wir als Halter-Gruppe sind auf Planer und Unternehmer angewiesen, wenn es um die Entwicklung und Realisierung von Gebäuden geht. Deshalb müssen wir Partner haben, die denken wie wir und die bereit sind, neue Prozesse, Produkte und Tools zu entwickeln und auszuprobieren. Deshalb laden wir Gleichgesinnte aus der Branche ein, auf unserem Weg in die Digitalisierung mitzumachen und durch innovative Konzepte neue Geschäftsmodelle, Berufsbilder und Plattformen zu schaffen und zu gestalten. Wir sind ein Do-Tank. Es geht nicht nur darum nachzudenken, sondern konkret zu handeln. Das können gemeinsame Pilotprojekte sein oder sogar gemeinsame Unternehmungen. Diese Initiative ist auf sehr offene Ohren gestossen. Wir haben enormen Zulauf von Bauunternehmern, Zulieferern, institutionellen und privaten Investoren und Planern. Wir sind auf einem sehr guten Weg, ein neues Verständnis und neue Denkmodelle in unsere Industrie hineinzubringen. Ziel ist es, über die Innovation hinaus unsere Wirkung zu verbessern, insbesondere auch bezüglich Nachhaltigkeitsaspekten und einer zirkulären Wirtschaft.

    Vieles in der Digitalisierung hängt scheinbar von gemeinsamen Standards ab. Sollten diese national oder besser international sein?
    Ich glaube, man überschätzt die Möglichkeiten einer Standardisierung, eines technokratischen Ansatzes in einer Zeit der sich rasch wandelnden technischen Möglichkeiten. Es ist verführerisch zu sagen, wir handeln alle gleich und wir denken alle gleich. Aber die Bauindustrie ist extrem regional und wenn man diese international und global betrachtet, findet man so viele unterschiedliche Kulturen, Usancen, aber auch Normen und Standards. Man kann sehr viel Energien verschwenden, wenn man versucht, den einen gemeinsamen Standard zu bauen. Man muss sich vielmehr an der Denkweise der Softwareindustrie orientieren. Dort ist nicht die Frage, ob alles nach dem gleichen Modell funktioniert, sondern wie kann man das «Handover» zwischen den verschiedenen Lösungen mit den richtigen Programmierschnitt- stellen hinbekommen. Am Ende werden sich aus diesen technischen Innovationen auch gewisse Industriestandards formieren. Diese sind dann nicht kraft Definition entstanden, sondern aus Bewährtem im Arbeitsalltag.

    Wie schaut Raumplanung und Stadtentwicklung in 20, 50 oder gar 100 Jahren dann aus?
    Ich bin kein «Digital Native» und keiner, der sich in den «Metaverses» herumtreibt. Aber auch zukünftige Generationen werden reale Geschöpfe bleiben und in der analogen Welt leben. Daran wird sich nichts ändern. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück und zu schauen, wie Städte vor 100 Jahren gebaut wurden. Sie sind damals menschengerecht geplant und realisiert worden. Wir leben noch heute in diesen Städten und schätzen gerade diese bewährten Stadtstrukturen und Quartiere sehr. Natürlich verändern sich Möglichkeiten und Bedürfnisse. Die Grundstrukturen funktionieren aber noch, die wesentlichen Elemente, die Stadt ausmachen, bleiben die gleichen. Das ist vor allem am öffentlichen Raum abzulesen, den man früher mit Grosszügigkeit und Weitsichtigkeit, aber auch zuweilen mit einer gewissen ‘Verengtheit’ geplant hat. Das sind heute spezifische Qualitäten, die wir sehr schätzen.

    Wenn man Bilder vom Zürcher Bellevue vor 100 Jahren anschaut: Das war ein riesiger Platz, wo nicht viel passierte. Irgendwann kam das Tram, die Pferdekutschen verschwanden und dann sind die Autos, Zweiräder und Busse dazugekommen. Das konnte alles aufgenommen werden und funktionierte. Man muss offen sein für künftige neue Bedürfnisse und auch neue technologische Möglichkeiten. Grosszügige öffentliche Räumen schaffen Identität, Flexibilität und die Chance neue Entwicklungen zuzulassen. Das ist eine Qualität, die auch den Menschen gerecht wird und die die Attraktivität der Stadt ausmacht. Wenn wir an den bewährten Grundelementen weiterarbeiten, wird die Stadt in 100 Jahren zwar grösser und vielzähliger, aber nicht deutlich anders ausschauen. Gewisse Flächen und Räume werden anders bespielt werden als heute. Aber die Anziehungskraft von Städten wird bleiben.

  • «Eine Generalisten-Ausbildung eignet sich gut für den Beruf als Standortförderer»

    «Eine Generalisten-Ausbildung eignet sich gut für den Beruf als Standortförderer»

    Standortförderer pflegen ein Netzwerk, das von Unternehmen über Bildungs- und Forschungseinrichtungen, Fachorganisationen und öffentlichen Institutionen bis hin zu kreativen Persönlichkeiten reicht. Sie bewerben zum einen den Standort durch Imagekampagnen, Messeauftritte wie auch durch den persönlichen Kontakt zu Investoren. Zum anderen setzen sie sich für Innovationen ein, begleiten Firmenansiedlungen, unterstützen KMUs und Startups und fördern damit die kontinuierliche Weiterentwicklung, die Branchenvielfalt sowie die Innovationskraft eines Wirtschaftsstandortes.

    In der Schweiz üben etwa 300 Personen die Tätigkeit des Standortförderers aus. Derzeit gibt es keinen anerkannten Berufsabschluss und auch keine einheitliche Ausbildung. Die Schweizerische Vereinigung für Standortmanagement (SVSM) ist dabei, das Berufsbild zu definieren und die Ausbildung zu koordinieren und zu vereinheitlichen. Dabei setzt sie auf die Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachhochschulen und Beratungsfirmen.

    Immo!nvest hat mit zwei erfahrenen Berufsträgern gesprochen, um zu erfahren, welche Talente und Eigenschaften für den Beruf des Standortförderers von Vorteil sind, wo die Herausforderungen liegen und was sie Berufseinsteigern raten.

    Zur Person
    Albert Schweizer ist seit 1998 Leiter Immobilien Stadt Schlieren und seit 1999 auch der Standortförderer. Er absolvierte eine handwerkliche Ausbildung, erlangte in der allerersten SVIT Ausbildung den Dipl. Immobilienverwalter und schloss 2004 an der FHS St. Gallen als Immobilienökonom den Master Real Estate Management ab. Von 1984 bis 1998 baute Schweizer bei einem grösseren Ostschweizer Generalunternehmer den Bereich Bewirtschaftung/Kauf/Verkauf auf. Heute ist er Gründungsmitglied (2001) und Vorstandsmitglied der SVSM sowie Vorstandsmitglied von Bio-Technopark Schlieren, Start-Smart-Schlieren, IG Rietbach und Healthtechpark Zürich-Schlieren.

    Wie sieht Ihr Berufsalltag in fünf Sätzen beschrieben aus?
    In meinem Beruf als Bereichsleiter Immobilien- und Standortförderung der Stadt Schlieren ist vor allem hohe Flexibilität gefragt. Da ich in einem Clustersystem arbeite, delegiere ich stetig Aufgaben an die jeweiligen Verantwortlichen. Daneben betreue ich bis zu 15 parallellaufende Projekte, die viel von meiner Zeit und Aufmerksamkeit fordern. Aus diesem Grund bin ich kurzfristig nicht immer sofort erreichbar.

    Welche Ausbildung eignet sich, um den Beruf des Standortförderers auszuüben?
    Ich habe einen Masterabschluss der Fachhochschule St. Gallen im Bereich Real Estate. Zudem bin ich bereits seit rund 40 Jahren in der Immobilienszene tätig. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich eine generelle Ausbildung im Immobilienbereich sehr gut eignet, um den Job eines kommunalen Standortförderers auszuüben.

    Welche Talente und Eigenschaften sind wichtig?
    Von grossem Vorteil sind sicher Weitsicht, Nachhaltigkeit und insbesondere Beharrlichkeit. Man muss Menschen und Immobilien mögen und ist gezwungen, alle geforderten Arbeiten von A bis Z selber zu erledigen.

    Was schätzen Sie an Ihrem Beruf besonders?
    Die Arbeit im Hintergrund sowie die Chance, persönlich etwas bewegen zu können.

    Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
    Wie so viele Berufe wird sich auch unserer komplett verändern und digitaler werden. Man benötigt ein sehr grosses Netzwerk. In Zukunft werden die Internationalität und damit verbunden die Sprachen ein grosses Thema sein.

    Wie wird sich das Berufsbild des Standortförderers in Zukunft Ihrer Meinung nach sonst noch verändern?
    Ich denke, es braucht künftig eine einheitliche Berufsbildung, beziehungsweise mindestens einen Lehrgang für den Beruf des Standortförderers mit einem entsprechenden Abschluss.

    Was raten Sie jungen Berufseinsteigern, um erfolgreich im Beruf Fuss fassen zu können?
    Junge Immobilienfachleute sollten sich vor allem Stellenausschreibungen von Standortförderern anschauen und sich permanent weiterbilden.

    Welche Meilensteine und Highlights haben Sie in Ihrem Berufsleben bislang erreicht und erlebt?
    Ich durfte wesentlich dazu beitragen, dass die Stadt Schlieren von 650 Firmenansiedlungen im Jahr 2000 auf 1200 im Jahr 2021 zurückblicken darf. Diese erfreuliche Entwicklung löste auch rund 5000 neue Arbeitsplätze aus. In der Stadt Schlieren konnte ich erfolgreich und nachhaltig die Cluster Biotechnologie, Startup-Förderung sowie Medical-/Healthtech einführen.

    Zur Person
    Mario Epp hat im Jahr 2018 den Master in International Affairs and Governance an der Universität St. Gallen (HSG) abgeschlossen. Nach seinem Praktikum auf der Schweizerischen Botschaft in Baku war er als Projektleiter bei Limmatstadt tätig. Zuletzt war er Mitarbeiter Kampagnen bei der FDP, bevor der gebürtige Urner im Dezember 2021 seine heutige Arbeit als Projektleiter Standortförderung für den Kanton Uri übernahm.

    Welche Ausbildung eignet sich, um den Beruf des Standortförderers auszuüben?
    Die Tätigkeit als Standortförderer umfasst eine grosse Bandbreite. Deshalb ist eine Generalisten-Ausbildung, wie ich sie an der Universität St. Gallen (HSG) in International Affairs and Governance geniessen durfte, von grossem Vorteil. Die perfekte Ausbildung gibt es meiner Meinung nach nicht: Standortförderung lernt man nicht im Studium, sondern in der Praxis. Wirtschaftliche Affinität, gute Fähigkeiten im Projektmanagement und Kontaktfreudigkeit erachte ich als zentrale Voraussetzungen.

    Was schätzen Sie an Ihrem Beruf besonders?
    Die Vielseitigkeit und das in mehrerlei Hinsicht: Man trifft auf eine breite Palette von Persönlichkeiten mit verschiedensten Hintergründen aus allen Branchen. Ebenso abwechslungsreich ist das Tätigkeitsfeld: Es reicht von Arealbesichtigungen mit Ansiedlungsinteressenten über Netzwerkanlässe bis hin zu wirtschaftspolitischen Analysen. Kaum ein Tag gleicht dem anderen. Vor allem aber bin ich überzeugt, dass der Wirtschaftsstandort Uri zu Unrecht unterschätzt wird. Zu Gunsten der Urner Bevölkerung und Wirtschaft kann ich dazu beitragen, das Potenzial des Kantons noch besser auszuschöpfen. Eine derart sinnstiftende Tätigkeit auszuüben, schätze ich sehr.

    Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
    Dazu gehört sicherlich der Fokus auf das Wesentliche. Genauso vielseitig wie der Beruf sind auch die Anfragen und Anliegen, die an die Standortförderung herangetragen werden. Abzuschätzen und zu priorisieren, was dem Standort Uri am ehesten zugute kommt, ist eine Herausforderung.

    Wie wird sich das Berufsbild des Standortförderers Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln und verändern?
    Mit der sich abzeichnenden globalen Mindestbesteuerung entgleitet der Schweiz ein nicht zu unterschätzendes Standortargument. Aber die Schweiz und gerade auch Uri verfügen glücklicherweise über weitere überzeugende Standortvorteile. In der Konsequenz gehe ich von einer Verschärfung des Ansiedlungswettbewerbs in der Schweiz aus. Hinzu kommt, dass befeuert durch die Digitalisierung und den Homeoffice-Trend verstärkt Softfaktoren wie die Wohn- und Freizeitqualität ins Zentrum rücken. Softfaktoren sind aber schwieriger zu vermitteln. Ich gehe darum davon aus, dass die Rolle des Standortförderers noch wichtiger wird und der Beruf in der Konsequenz weiter an Bedeutung gewinnt.

    Was raten Sie jungen Berufseinsteigern, um erfolgreich im Beruf Fuss fassen zu können?
    Das Handwerk des Standortförderers zu kennen, ist das eine. Was aber genauso wichtig ist: Passion für seinen Standort. Ohne diese Leidenschaft wird es schwer, Unternehmen und Menschen für den Standort zu gewinnen. Hier habe ich Glück: Ich bin meinem Heimatkanton stark verbunden. Das macht es einfacher, Interessenten für den attraktiven Gotthardkanton zu begeistern.

    Welche Meilensteine und Highlights haben Sie in Ihrem Berufsleben bislang erreicht und erlebt?
    Hier ist sicherlich die Startup-Woche Uri hervorzuheben, die im Herbst erstmals stattfindet. Damit will die Standortförderung Jungunternehmen und Wissensarbeitende für den Standort Uri begeistern und dessen Vorzüge hervorheben. Ein weiteres Highlight stellt meine Tätigkeit für die Schweizer Botschaft in Baku dar, wo ich während eines Jahres Einblicke in die Diplomatie erhielt und auch Aserbaidschaner über die Schweiz informieren und für unser Land begeistern durfte.

  • Swissolar-Präsident Jürg Grossen im Gespräch

    Swissolar-Präsident Jürg Grossen im Gespräch

    Im letzten Jahr hat der Photovoltaik-Zubau einen neuen Rekord erreicht. Hält dieser Boom längerfristig an?
    Jürg Grossen: Er muss sogar noch stark zunehmen, wir müssen zwei bis drei Mal schneller zubauen als bis heute. Das ist keine einfache Aufgabe. Es braucht die richtigen Förderinstrumente und Anreize, dann schaffen wir es.

    An welche Instrumente denken Sie?
    Grossen: An einen Mix aus verschiedenen Massnahmen. Wir müssen die Einmalvergütung für neue Solaranlagen weiterführen und schauen, dass genügend Geld im Topf ist. Heute wird der Zubau durch die finanziellen Mittel begrenzt. Dies können wir verhindern, indem der Netzzuschlagsfonds flexibler wird und sich auch temporär verschulden kann. Und durch eine leichte Erhöhung des Netzzuschlages – der gesetzlichen Abgabe pro verbrauchter Kilowattstunde Strom.

    Zusätzlich benötigen wir Anreize, um den Eigenverbrauch von selbst produziertem Solarstrom weiter zu erhöhen. Heute kann man sich unter gewissen Bedingungen bereits innerhalb seiner Nachbarschaft zusammenschliessen, um Solarstrom gemeinsam zu verbrauchen. Diese Zusammenschlüsse müssen wir ausweiten. Beispielsweise auf regionale Energiegemeinschaften, die gegen eine reduzierte Netzgebühr auch das lokale Verteilnetz nutzen können. Nicht zuletzt braucht es eine gewisse Vereinheitlichung bei den Abnahmevergütungen für Solarstromproduzenten. Heute gibt es in der Schweiz je nach Verteilnetzbetreiber eine Vergütung zwischen 3 bis 20 Rappen pro Kilowattstunde. Das ist schwer erklärbar.

    Alle Modelle zum Schweizer Energiemix 2050 gehen inzwischen davon aus, dass Photovoltaik neben der Wasserkraft zur zweiten Säule der Energieversorgung wird. Warum hat die Solarenergie ein so grosses Gewicht erhalten?
    Grossen: Einerseits haben sich die Preise für Solarmodule stark reduziert und ihre Leistung ist immer besser geworden. Somit wird die Produktion von Solarstrom günstiger. Andererseits haben wir in den letzten Jahren gelernt, wie viel die Photovoltaik zur Stromversorgung beitragen kann. Ich habe als Lehrling Ende der 80er-Jahre Solaranlagen auf SAC-Hütten montiert. Mein damaliger Chef war überzeugt, dass man PV-Anlagen nie rentabel am Netz betreiben kann. Er ist in diesem Glauben gestorben. Wir haben in unserem Geschäft auch erst in den letzten 15 Jahren wieder angefangen, PV-Projekt zu planen und haben mit der Zeit gesehen, dass damit – insbesondere auch in Kombination mit der E-Mobilität – ein riesiger Beitrag geleistet werden kann. Zudem wird der PV-Strom genau dort produziert, wo er auch gebraucht wird, im Gebäude. 

    Der Schweiz fehlt künftig vor allem Winterstrom. Mit welchen Konzepten kann die Photovoltaik hier einen grösseren Beitrag zur Schliessung dieser Lücke leisten?
    Den Hauptanteil erreichen wir mit Anlagen an Gebäuden in den Bergregionen und im Mittelland. Schon heute liefern die Anlagen 30 Prozent des Stroms im Winter und mit einer besseren Ausrichtung und der Nutzung von Fassaden und Balkonen kann man noch mehr erreichen. In den Bergen ist der Ertrag im Winter zwar doppelt so hoch, aber gerade für Anlagen ausserhalb der Siedlungsgebiete sind die Kosten viel höher. Deshalb sollte man dafür vor allem bestehende Infrastruktur nutzen – beispielsweise Staumauern, Seilbahnstationen oder Hotels.

    Wir werden im Sommer künftig viel zu viel Solarstrom haben. Den müssen wir in synthetische Gase oder Treibstoffe umwandeln.

    Und im Winter wieder in Strom verwandeln?
    Ja, sinnvollerweise in Wärme-Kraftkoppelungsanlagen, bei denen man im Winter gleichzeitig noch Wärme gewinnt. Bei einer reinen Umwandlung zurück zu Strom ist der Energieverlust sehr hoch. Einen Teil wird man auch als Wasserstoff nutzen und damit die Verluste reduzieren können. Beispielsweise in Lastwagen oder Baumaschinen.

    Sie haben gesagt, dass wir zwei bis drei Mal schneller ausbauen müssen. Schon heute ist es schwierig, Solarmonteure zu finden. Wie gewinnen wir die dafür nötigen Fachkräfte?
    Mit Swissolar werden wir ein Programm starten, dass es Quereinsteigern erleichtert, in dieses Berufsfeld einzusteigen. Denn es wird Branchen geben, die künftig viel weniger Personal benötigen, etwa Autogaragen, Tankstellen oder die Ölheizungsbranche. Es wäre super, wenn wir diese Fachkräfte für den Solarausbau gewinnen könnten. Zudem wollen wir eine Ausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis etablieren, damit eine Ausbildung direkt ab Schule möglich wird. 

    Der Fachkräftemangel ist eine grosse Herausforderung. Wir können aber auch als Branche noch besser werden. Die Montage von Solaranlagen muss «industrieller» werden. Für den Hausbesitzer darf es keinen erheblichen Unterschied machen, ob er ein Dach mit oder ohne Solarmodule bauen lässt.

    Die energiepolitischen Diskussionen drehten sich in den letzten Monaten vor allem um Versorgungssicherheit und drohende Lücken. Wie beurteilen Sie die Situation?
    Ich bin sehr froh, dass diese Diskussion endlich aufs Tapet kommt. Denn sie ist wichtig und berechtigt. Nicht berechtigt ist die Panik, die einige verbreiten. Wir werden die Probleme nicht mit neuen Kernkraftwerken lösen können. Wir müssen – neben dem Aufbau einer Speicherreserve für den Winter – vor allem auf der Nachfrageseite ansetzen. Studien sprechen davon, dass im dümmsten Fall während rund fünfzig Stunden in einem Jahr Strom fehlen könnte. Es gibt genügend Verbraucher, die bereit wären, ihren Stromverbrauch kurzfristig für eine gewisse Zeit zu drosseln, wenn sie dafür entschädigt werden. Es geht also nicht nur um zusätzliche Produktion, sondern auch um einen intelligenten Stromverbrauch. Hier werden in Zukunft auch die Elektroautos eine grosse Rolle spielen können. Denn wir werden Batterien nicht nur aufladen, sondern sie auch flexibel als Speicher nutzen können. Das wird bei der ganzen Diskussion zur Versorgungssicherheit noch zu wenig berücksichtigt. 

    Viele waren sehr überrascht, wie schnell die E-Mobilität in den letzten zwei Jahren gewachsen ist. Sie sind ein Elektroauto-Fahrer der ersten Stunde. Auch überrascht?
    Überhaupt nicht. Aber erfreut und erleichtert. Ich habe 2010 ein E-Auto gekauft und gesehen, mit wie wenigen PV-Modulen ich viele Kilometer fahren kann. Das war genial. Und die Autos sind seitdem viel besser geworden. Heute ist der Komfort im E-Auto besser als im Verbrenner-Auto. Das verdanken wir Elon Musk, der mit Tesla der Branche gezeigt hat, wie es gehen kann.

    Welche Entwicklungen erwarten Sie im Bereich der Batterien?
    Ich bin vorsichtig geworden mit solchen Prognosen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten bei den PV-Modulen und den Computerchips immer gehört: Das geht nicht mehr besser und kleiner. Und wir wurden immer wieder von der technologischen Entwicklung eines Besseren belehrt. Deshalb sehe ich grundsätzlich keine harten Limits. Energiedichte und Gewicht werden noch viel besser und Elektroautos in wenigen Jahren günstiger sein als Verbrenner.

    Mir ist dabei noch eines wichtig. Wir müssen die Batterien künftig mehr als einmal nutzen: Zehn Jahre im Auto, mindestens zehn Jahre im Gebäude und erst danach zum Recycling. Wir brauchen keine neuen Batterien aus der Fabrik in den Gebäuden oder den Quartierspeichern, sondern können auf ausgemusterte Batterien aus den E-Fahrzeugen setzen. 

    Sie gehen in Ihren Szenarien von einer starken Verbesserung bei der Energieeffizienz aus. Dieses Thema ist in den letzten Jahren eher etwas in den Hintergrund gerückt. Braucht es wieder eine Sensibilisierungskampagne wie damals, als Bundesrat Adolf Ogi demonstrierte, wie wir stromsparend Eier kochen können? Oder löst die Technik alle Probleme?
    Es ist sicher nicht verkehrt, die Menschen immer wieder an eine effiziente Energienutzung zu erinnern, dabei geht es nicht primär um Verzicht. Ich koche mein Frühstücksei noch immer nach dem Ogi-Prinzip. Das war eine tolle Idee. Man darf aber auch nicht vergessen, dass im Bereich Energieeffizienz enorm viel geschehen ist. Wir brauchen heute pro Kopf deutlich weniger Energie. Der Verbrauch hat sich von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum entkoppelt. Auch der Gesamtenergie-Verbrauch ist in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken und liegt heute tiefer als 1990. Zudem verbesserte sich die Energieeffizienz bei den Elektrogeräten um 30 bis 60 Prozent. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Die aktuell höheren Energiepreise werden sicher auch helfen, dass die Energieeffizienz noch etwas attraktiver wird.

  • Hans Egloff, Präsident HEV Schweiz: «Der Zusammenschluss von Immoscout24 und Homegate könnte ein Fall für die WEKO werden»

    Hans Egloff, Präsident HEV Schweiz: «Der Zusammenschluss von Immoscout24 und Homegate könnte ein Fall für die WEKO werden»

    Herr Egloff, inwiefern profitieren Sie von Ihrem Studium der Rechtswissenschaften für Ihre Arbeit als Präsident des Hauseigentümerverbandes (HEV) der Schweiz und des Kantons Zürich?
    Es ist auf jeden Fall hilfreich. Der Hauseigentümer hat immer wieder rechtliche Probleme und Fragen zu lösen: Vom klassischen Bereich des Eigentums über Steuern, Grundbuch bis hin zum Nachbarschafts- und Mietrecht gibt es ein breites Spektrum, das für unsere Mitglieder wichtig ist. Wir bieten unseren Mitgliedern eine kostenlose Rechtsberatung an – diese wird sehr rege genutzt. Aber auch im politischen Diskurs profitiere ich von meinem juristischen Background.

    Die Abschaffung des Eigenmietwerts wird derzeit erneut auf politischer Ebene diskutiert. Können Sie kurz die Nachteile benennen, die dadurch für Hausbesitzer entstehen und wer davon am meisten betroffen ist?
    Der Eigenmietwert wird auf ein fiktives Einkommen besteuert. Eigenheimbesitzer müssen daher 60 bis 70 Prozent der marktüblichen Miete als Einkünfte für ihre Immobilie versteuern – und zwar solche, die sie in der Praxis nicht erwirtschaften. Dieser Betrag kommt zusätzlich zum regulären Einkommen hinzu. Das hat oft zur Folge, dass die Betroffenen in die höhere oder gar höchste Progression abrutschen und somit deutlich mehr Steuern zahlen müssen. Vor allem ältere Hausbesitzer sind von der derzeitigen Praxis negativ betroffen. Oft haben sie ihre Schulden abbezahlt, sodass der Schuldzinsabzug für sie nicht mehr relevant ist.

    Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Reform dieses Mal durchgeht?
    Der Eigenmietwert wurde vor 100 Jahren als Kriegssteuer eingeführt. Diese wurde dann immer wieder befristet verlängert, bis sie sich als feste Steuer etablierte. Seit 25 Jahren versuchen wir, den Eigenmietwert abzuschaffen. Vor 10 Jahren war ich einmal sehr zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein könnten. Das Projekt läuft jetzt wieder, aber ich bin mir nicht sicher, ob es gelingen wird.

    Wo sehen Sie die Probleme?
    Einerseits stellen Eigenheimbesitzer eine Minderheit in der wahlberechtigten Bevölkerung dar. Auf der anderen Seite hat man gerne Hausbesitzer als Steuerzahler – der Staat verzichtet nur ungern darauf. In diesem Fall gibt es wahrscheinlich keine perfekte Lösung.

    Energierechts-Initiant Martin Neukom von den Grünen sagte, dass laut einer Umfrage in der Stadt Zürich weniger als die Hälfte der Hausbesitzer beim Austausch ihrer Heizungsanlage Alternativen zu Öl und Gas in Betracht gezogen hätten und es daher verbindliche Regeln für den Austausch brauche. Was halten Sie von dieser Argumentation?
    Energie- und Wärmethemen waren in den letzten Jahren ein Thema in jeder Publikation des HEV Schweiz und des HEV des Kantons Zürich. Unsere Mitglieder verfügen diesbezüglich über einen hohen Informationsstand. Die Treibhausgasemissionen sind in den letzten 30 Jahren um 34 Prozent gesunken. Und das, obwohl die Wohnfläche im gleichen Zeitraum um 46 Prozent zugenommen hat. Unsere Mitglieder investieren jährlich 20 Milliarden Franken in den Gebäudeunterhalt – je 9,5 Milliarden Franken in energetische Sanierungen. Diese Zahlen zeigen, dass Hauseigentümer ihre Verantwortung ernst nehmen.

    Weitere Argumente gegen das geplante Energiegesetz, etwa Zwangsräumungen, Zwangsverkäufe oder Mieterhöhungen, hat der Mieterverband der Stadt Zürich entkräftet: Das Energiegesetz zwingt Hauseigentümer nicht, Liegenschaften umfassend zu renovieren und Mietverhältnisse zu kündigen. Waren die Argumente des HEV und Ihrer Partei, der SVP, irreführend?
    Das Energiegesetz zwingt Immobilieneigentümer dazu, im Laufe der Zeit fossile Heizsysteme durch solche mit erneuerbaren Energien zu ersetzen. Nehmen wir als technisches Beispiel eine Immobilie aus den 1960er Jahren mit Ölheizung. Geht diese aus, muss der Eigentümer eine Wärmepumpe einbauen lassen. Bei dieser bereits in die Jahre gekommenen Immobilie macht dies nur Sinn, wenn gleichzeitig die Gebäudehülle saniert wird. Wird beispielsweise mit alten Heizkörpern die Vorlauftemperatur nicht mehr erreicht, muss zusätzlich eine Fußbodenheizung eingebaut werden. Dies führt einerseits zu enormen Kosten. Andererseits können diese Renovierungen nicht mit dem Mieter in der Wohnung durchgeführt werden.

    Und was sagen Sie zur politischen Sichtweise?
    Im Juni dieses Jahres hat der Präsident des Schweizerischen Mieterverbandes, Carlo Sommaruga, in Bern eine Vorlage eingereicht, in der er wörtlich „mietrechtliche Massnahmen gegen Leerstandsanzeigen im Zusammenhang mit energetischen Sanierungen“ fordert. Wenn die von uns vorgebrachten Argumente irreführend wären, wäre ein solcher Ansatz meines Erachtens nicht erforderlich.

    Welchen Beitrag könnten Hausbesitzer Ihrer Meinung nach leisten, um die Klimaziele zu erreichen?
    Ich glaube an Eigenverantwortung, und die oben genannten Zahlen bestätigen, dass diese ernst genommen wird. Zeichnet man auch den Absenkpfad des CO2
    Wenn wir im Gebäudebereich weiter voranschreiten, sehen Sie, dass wir die Klimaziele des Pariser Abkommens problemlos erreichen können. 2050 werden wir bei Netto Null sein. Eine staatliche Regelung halte ich daher in diesem Fall für überflüssig.

    Für wie wichtig und zukunftsweisend halten Sie persönlich die Elektromobilität?
    Grundsätzlich bin ich für Elektromobilität. Aber es bringt viele Herausforderungen mit sich. Einerseits haben wir Lücken in der Energieversorgung. Wir können selbst nicht genug Strom produzieren. Das heißt, wir müssen Atomstrom aus Frankreich und Kohlestrom aus Deutschland beziehen. Andererseits ist die graue Energie in der Elektromobilität relativ hoch. Für die Entsorgung der entsprechenden Batterien wurde noch keine nachhaltige Lösung gefunden. Für mich gibt es zu diesem Thema noch viele offene Fragen.

    Laut einer Studie des Beratungsunternehmens EBP scheitert ein forcierter Verkauf von E-Autos in Sachen Elektromobilität unter anderem an fehlenden Ladestationen in Liegenschaften. Warum fällt es Hausbesitzern schwer, eine solche Installation durchzuführen?
    Ein privater Hausbesitzer, der eine Ladestation für sich selbst benötigt, wird es sicherlich nicht schwer haben, diese installieren zu lassen. Vorausgesetzt, er hat die Mittel dazu. Hat man aber ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohnungen und eine Tiefgarage mit zehn Stellplätzen, stellt sich die Frage, wie viele Ladestationen man eigentlich installieren sollte. Und wer zahlt die Investition, wenn hinterher kein Mieter ein Elektroauto hat? In einem solchen Fall ist es unwahrscheinlich, dass der Mieter einer Mieterhöhung zustimmt. Darüber hinaus gibt es einen zunehmenden Trend zu autofreien Wohnsiedlungen – insbesondere in Ballungsgebieten. Die Installation von Ladestationen würde hier keinen Sinn machen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Markt vieles selbst regelt.

    Können Sie den letzten Punkt näher erläutern?
    Vor etwa 50 Jahren konnte man plötzlich keine Wohnung mehr mieten, wenn sie keine Badewanne hatte. Oder vor 30 Jahren wiederholte sich das Szenario mit Wohnungen ohne Geschirrspüler. Ich gehe davon aus, dass die zukünftige Nachfrage auch das Angebot bei der Elektromobilität beeinflussen wird. Irgendwann werden Sie keine Wohnung mehr vermieten können, wenn Sie dem Mieter keine auf seine Mobilitätsbedürfnisse zugeschnittene Lösung anbieten können.

    Wie beurteilen Sie die Immobilienblase, die die UBS seit längerem prognostiziert und von der vor allem Zürich stark betroffen sein soll?
    Bei Zins- und Immobilienpreisentwicklungen sehe ich eine Konstante: Die Prognosen waren in den letzten Jahren immer falsch. Der UBS-Index sagt diese Blase seit Jahren voraus – geplatzt ist sie bisher noch nie. Ich persönlich sehe einen starken Immobilienmarkt mit steigenden Preisen. Bei der Finanzierung von Wohneigentum ist auf jeden Fall Vorsicht geboten. Vor allem im Heimbereich. Die Portabilitätsregelungen sind individuell und umfassend zu prüfen. Andernfalls könnte ein plötzlicher starker Anstieg der Zinsen den einen oder anderen vor existenzielle Probleme stellen.

    Gibt es einen massiven Anstieg der Zinsen?
    Die dafür relevanten Länder EU und USA können sich eine Zinserhöhung nicht leisten. Andererseits sehen wir deutliche Anzeichen einer steigenden Inflation – das könnte Auswirkungen haben. Für den Immobilienmarkt bedeutet Inflation jedoch meist steigende Preise – denn in dieser Situation steigt der Bedarf an Sachwerten.

    Sie haben sich aus der aktiven Politik zurückgezogen. Welche Erfolge würden Sie als Ihre persönlichen Meilensteine bezeichnen?
    Mein grösster Erfolg war sicherlich die Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuern für direkte Nachkommen im Kanton Zürich. Als zweiten großen Erfolg betrachte ich die Abschaffung der Grunderwerbsteuer, die wir mit einer Volksinitiative herbeigeführt haben.

    Und welche Meilensteine haben Sie in der Immobilienbranche erreicht?
    Hier möchte ich den guten Kontakt und Austausch zwischen den verschiedenen Immobilienorganisationen erwähnen. In meiner Anfangszeit als Präsident des HEV Schweiz hat jeder in erster Linie sein eigenes Gärtchen bestellt. Mir war es wichtig, den Austausch zu pflegen und gemeinsame Ziele zu definieren. Heute treffen wir uns viermal im Jahr im Bundeshaus und besprechen aktuelle politische Dossiers.

    Mit Immoscout24 und Homegate haben sich zwei große Player zusammengeschlossen. Wie bewerten Sie diese Veranstaltung?
    Ich bin mir nicht sicher, ob diese Fusion ein Gewinn für die Verbraucher ist. Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mit massiven Preiserhöhungen rechnen müssen. Dieser Fall dürfte allenfalls die Wettbewerbskommission (WEKO) betreffen.

  • «In Sachen Energie muss sich die Bau- und Immobilienbranche neu erfinden»

    «In Sachen Energie muss sich die Bau- und Immobilienbranche neu erfinden»

    Zur Person
    Pascal Bärtschi,
    Bauingenieur ETH, ist
    Vize-Präsident von
    Entwicklung Schweiz und seit 2015 CEO der Losinger Marazzi AG. Der 52-Jährige leitete zuvor bei Losinger
    Marazzi die Region Mitte (Bern-Freiburg-Basel).

    Wo sieht der Branchenverband Entwicklung Schweiz seine Kernaufgaben?
    Wir vertreten Unternehmen, die in der Lage sind, Gesamtleistungen zu übernehmen. Also solche, die von der Projektentwicklung bis und mit Realisierung alles abdecken können. Unsere Hauptaufgabe sehen wir darin, mit unseren Kunden, Investoren, den zuständigen Behörden wie auch mit politischen Verantwortlichen übergeordnete Themen wie etwa Verdichtung und Raumplanung auf einer entsprechenden Flughöhe zu besprechen. Unsere Mitglieder erhalten so die Möglichkeit, via Entwicklung Schweiz mit den zuständigen Personen in Dialog zu treten. Darüber hinaus haben wir als Verband verschiedene Positionspapiere verfasst – derzeit entsteht zum Beispiel gerade ein Positionspapier zur Frage, was man unter Qualität eines Bauprojekts versteht.

    Von welchen Vorteilen profitieren Ihre Mitglieder?
    Wir organisieren für unsere Mitglieder und assoziierte Partner regelmässig Anlässe, bei denen sie sich mit Stakeholdern wie Politikern oder Investoren austauschen können. Darüber hinaus ist es deutlich einfacher als Verband, Gespräche zu übergeordneten Themen mit Kantonen oder auch Instanzen wie zum Beispiel dem Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) zu führen, als wenn dies jedes Mitglied für sich tun müsste. Gerade bei regulatorischen Themen profitieren unsere Mitglieder von der direkten Schnittstelle zur Politik, die wir dank unserem Präsidenten, Ständerat Martin Schmid (FDP), haben. Er ist Rechtsanwalt und somit nicht in der Branche tätig, was wir als weiteren Vorteil sehen.

    Welchen Einfluss hat der Verband in der Schweiz und insbesondere auch in Bundes-Bern?
    Wir bieten den Ämtern, Investoren und unseren Kunden eine bewährte Schnittstelle. Ich bewerte unseren Einfluss als gut. Wir haben uns als Gesprächspartner der grossen Instanzen sehr gut etablieren können. Die Immobilienbranche ist dezentralisiert aufgestellt. Für uns ist es deshalb wichtig, dass wir nicht nur in Bern Gehör finden, sondern auch bei den Kantonen und Gemeinden. Denn ein Projekt wird von einer Gemeinde oder einem Kanton bewilligt. Dank unserem Präsidenten und den Kontakten der Geschäftsstelle haben wir einen guten Draht zu Bundes-Bern, was natürlich hilft, wenn es um Themen wie etwa das Raumplanungsgesetz geht.

    Braucht es so einen Verband zwingend für eine erfolgreiche Zukunft der Baubranche?
    Ich würde sagen, es ist wichtig und notwendig, dass ein solcher Verband existiert. Die Zahl der Schweizer Gesamtdienstleister in der Immobilienbranche ist überschaubar. Unser Verband kann diese Unternehmen optimal auf den verschiedenen Ebenen vertreten.

    Welche Verantwortung nimmt Entwicklung Schweiz in Bezug auf die Wohn- und Lebensqualität bei Bauprojekten wahr?
    Wir setzen unseren Mitgliedern keine Rahmenbedingungen. Die Wahrnehmung der Wohnqualität ist jedoch auf jeden Fall gegeben, da wir uns als Entwicklung Schweiz mit damit zusammenhängenden Themen wie Lärmschutz, Verdichtung nach innen und Raumplanung intensiv auseinandersetzen. Aber bei uns ist jedes Mitglied selbst dafür verantwortlich, die Projekte entsprechend zu entwickeln und die nötige Qualität zu liefern. Man darf nicht vergessen, dass sich die Mitglieder in einer Wettbewerbssituation befinden.

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    CO2-arme
    Baumaterialien, flexiblere
    Umnutzungen
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    Welche Bedeutung hat die Energiestrategie 2050 für den Verband?
    Die Energiestrategie hat eine grosse Bedeutung für uns. Wir versuchen, Partner und Kunden dafür zu sensibilisieren. Der CO2-Verbrauch in der Immobilien- und Baubranche ist immer noch relativ hoch. Der eine Teil fällt beim Bau an, der andere während des Lebenszyklus einer Immobilie. Geht man von einem Lebenszyklus einer Liegenschaft von 60 Jahren aus, haben Entscheidungen, die heute für einen Neubau getroffen werden, langfristige Auswirkungen. In diesem Zusammenhang wird sich die Immobilien- und Baubranche neu erfinden müssen.

    Wie meinen Sie das?
    Vor zehn Jahren fielen etwa 50 Prozent der CO2-Emmissionen bei der Herstellung der Baumaterialien sowie in der Bauphase selbst an. Die anderen 50 Prozent fielen auf den Unterhalt einer Liegenschaft. Heute sind wir, was Unterhalt und Betrieb eines Gebäudes betrifft, bei etwa einem Drittel des CO2-Ausstosses; bei der Herstellung der Baumaterialien sowie dem Bau selber bei zwei Dritteln. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir den CO2-Fussbadruck einer Immobilie reduzieren können. Eine Lösung besteht darin, dass man wirklich nur die für ein Gebäude notwendige Fläche bebaut. Ein anderer Ansatz ist die Wahl der Materialien – heute gibt es bereits CO2-armen Beton oder die Möglichkeit des umweltfreundlichen Holzbaus. Ausserdem müssen bestehende Strukturen später umgenutzt werden können. Schauen wir uns die Investitionen in der Immobilienbranche an, fallen 99 Prozent auf Neubauten und nur 1 Prozent geht in Sanierungen. Hier sehen wir Handlungsbedarf.

    Wie hat die Bau- und Immobilienbranche die Pandemie bis jetzt bewältigt?
    Die Baubranche ist relativ gut durchgekommen – es gab wenig Umsatzeinbussen, da die Baustellen mit Ausnahme des Kantons Genf auch während des Lockdowns offengeblieben sind. Etwas schwieriger gestaltete sich die Immobilienentwicklung. Die Entwicklung eines Projekts startet in der Regel mit einem Quartierplan und einer Baubewilligung. Die Pandemie hat vieles ausgebremst. So mussten Gemeindeversammlungen, bei denen beispielsweise über ein Vorhaben abgestimmt werden sollte, häufig verschoben werden. Damit verschiebt sich automatisch auch das Projekt. Bei der Bearbeitung der Baugesuchdossiers hat man die Verlagerung zur Arbeit im Home-Office gespürt: Der Austausch wurde erschwert; es hat alles etwas mehr Zeit in Anspruch genommen, was wiederum zu Verzögerungen geführt hat.

    Zeichnet sich beim Arbeitsleben durch die Pandemie eine Veränderung ab?
    Die Pandemie hat Tendenzen, die sich schon vorher abgezeichnet haben, beschleunigt. Ein Beispiel hierfür ist die pro Person weniger benötigte Bürofläche. Bei der Konzeption von Wohnungen dürfte die Berücksichtigung des immer öfter benötigten Home-Office langfristig Einfluss haben. Wobei dies nicht zwingend in einem zusätzlichen Arbeitszimmer in der Wohnung selber resultieren muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass man innerhalb eines Quartiers verschiedene kleine Co-Working-Spaces entwickelt. Diese könnten auch Mischnutzungen aufweisen, also beispielsweise über Mittag als Restaurant fungieren.

    Wohnen die Menschen in der Romandie anders als in der Deutschschweiz?
    Die Nachhaltigkeitsaspekte werden zurzeit in der Romandie noch weniger wahrgenommen als in der Deutschschweiz. Ich vermute, das kommt daher, dass die grünen Tendenzen zunächst aus Deutschland kamen und somit zuerst die Deutschschweiz erreicht haben. Auch im Bereich des Öffentlichen Verkehrs hat die Deutschschweiz einen gewissen Vorsprung – wobei die Romandie hier am Aufholen ist.

    Welche Meilensteine hat Entwicklung Schweiz in den letzten Jahren erreicht?
    Der wichtigste Punkt ist sicher, dass wir heute etablierte Ansprechpartner für übergeordnete Themen auf Stufe Kantone und Bund sind.

  • «Der Umnutzungs- und Sanierungsmarkt wird das stärkste Wachstum aufweisen»

    «Der Umnutzungs- und Sanierungsmarkt wird das stärkste Wachstum aufweisen»

    Zur Person
    Dr. Jens Vollmar ist Head Division Buildings/Country President Schweiz sowie Mitglied des Executive Committee bei der Implenia AG. Ausserdem ist er Vize-Präsident von Entwicklung Schweiz und Vorstand des Dachverbands «Bauen Schweiz». Der 37-Jährige hat an der Universität St. Gallen (HSG) und der University of California in Berkeley studiert und einen Doktor in Accounting and Finance. Des Weiteren ist er Lehrbeauftragter in den Bereichen Bau & Immobilienmanagement und Mergers & Acquisitions (Fusionen und Übernahmen) an der HSG.

    Welche Faktoren sind für die weitere erfolgreiche Entwicklung des Immobilienmarkts in unserem Land aus Sicht von Entwicklung Schweiz von Bedeutung?
    Aus unserer Sicht unterstützen die Marktparameter, also die sogenannten Fundamentaldaten, die positive Entwicklung des Schweizer Immobilienmarkts kurz- und mittelfristig weiterhin. Wichtige Treiber wie das Bevölkerungswachstum, das Tiefzinsniveau oder etwa die Arbeitslosenquote sehen wir auf einem stabilen und guten Niveau. Für eine gesunde Entwicklung sind jedoch auch die Immobilien selbst von Bedeutung. Ausser der Lage einer Liegenschaft steht die Qualität der Investitionen im Vordergrund. Dabei verstehen wir unter Qualität nicht nur die Materialisierung, sondern vielmehr die optimale Ausbalancierung der Bedürfnisse aller Anspruchsgruppen. So muss eine Immobilie heute die gewünschte Flexibilität und Adaptierbarkeit für Nutzer und Eigentümer aufweisen. Aber auch die Frist, innert der man eine Liegenschaft auf den Markt bringen kann, ist wichtig. Wir setzen uns als Verband für mehr Planungssicherheit, Beschleunigung der Bewilligungsprozesse sowie Verschlankung und Vereinheitlichung der Planungsgesetzgebung ein. In diesem Zusammenhang bemühen wir uns, die beteiligten Akteure für diese Themen zu sensibilisieren.

    Welchen Einfluss hat der Klimawandel und die damit verbundene Erhitzung der Städte auf Bauprojekte?
    Die Frequenz und Intensität von Hitzewellen nehmen zu und sind bereits Realität. Dazu verlangt die Raumplanung verstärkt verdichtetes Bauen nach innen, was zur zusätzlichen Erwärmung der Städte beiträgt. Als direkte Folge werden die Temperaturen in den nicht klimatisierten oder nicht gekühlten Innenräumen von Liegenschaften im Sommer steigen. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Unsere Mitglieder arbeiten entsprechend an technischen und baulichen Lösungen. Dazu gehören zum Beispiel thermische Simulationen in der frühen Entwicklungsphase oder die Möglichkeiten, eine Bodenheizung zur Kühlung zu aktivieren. Auch verzeichnen wir eine verstärkte Nachfrage nach Begrünung von Gebäuden.

    Der Online-Handel boomt, was Auswirkungen auf gewerbliche Erdgeschossnutzungen haben dürfte. Wie beurteilen Sie die Zukunft dieser Nutzungen?
    Die Erdgeschossnutzungen stellen Gemeinde, Stadtplaner, Investoren und Projektentwickler tatsächlich vor grosse soziale und städtebauliche Herausforderungen. Verschiedene Nutzungen wachsen immer stärker zusammen: So sind heute Arbeiten, Wohnen und Freizeit praktisch nicht mehr voneinander zu trennen. Die bislang in Zonenplänen und in der Bau- und Zonenordnung vorgesehenen Nutzungstrennungen lassen sich mit diesem Trend nur schwer in Einklang bringen. Neue, flexible Zonierungen auf Basis alternativer Kriterien sind aus unserer Sicht prüfenswert – damit könnten Erdgeschossnutzungen wieder attraktiver werden.

    Zeichnen sich denn bereits Veränderungen ab?
    Ja, wir registrieren das Vorantreiben von innovativen Erdgeschossformaten wie Showrooms oder Paket-Pick-up-Stellen. In Zukunft dürften auch die immer häufiger geforderten Beschränkungen des motorisierten Individualverkehrs oder die Schaffung von Fussgängerzonen sowie die Diskussion um breitere Trottoirs die Aussenräume von Liegenschaften und Quartieren nachhaltig verändern und damit auch die Erdgeschossnutzungen beeinflussen. Letztere sollte aber unserer Ansicht nach bedürfnisorientiert und unter Berücksichtigung von Nutzung und Umgebung festgelegt werden und nicht starren gesetzlichen Vorgaben folgen müssen. Flexibilität dürfte langfristig auch bei den Erdgeschossnutzungen ein entscheidender Punkt sein.

    Welche Faktoren haben Einfluss auf die Entscheidung für eine Umnutzung/Sanierung oder einen Neubau?
    In der Vergangenheit waren Ersatzbauten ein grosses Thema. Wir glauben aber, dass der Umnutzungs-und Sanierungsmarkt in Zukunft das stärkste Wachstum aufweisen wird. Gerade in Hinblick auf die zunehmenden Nachhaltigkeitsüberlegungen. Hier spielen Energie- und Flächeneffizienz sowie regulatorische Anforderungen eine wichtige Rolle. Für eine Entscheidung über Neu- oder Umbauten oder auch einer Umnutzung sind verschiedene Faktoren relevant: Die Erfassung des Gebäudezustands und wo im Lebenszyklus sich eine Immobilie befindet, über Analysen zur Standort- und lokalen Marktentwicklung bis hin zu finanziellen/wirtschaftlichen Parametern oder auch die Betrachtung der Ausnutzungsreserven.

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    Unflexible
    Regulierungen erschweren
    das Bauen am
    Bestand
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    Welche Anstrengungen unternimmt Entwicklung Schweiz bei der Digitalisierung?
    Die Planung und Realisierung von Gebäuden und Infrastruktur weisen auch heute noch einen starken Unikats-Charakter auf. Dabei sind Themen wie Industrialisierung, Produktivität und Digitalisierung für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im Bereich der Entwicklung unabdingbar. Dank dem Einsatz von BIM und 3D-Druckern, der digitalen Baufortschrittskontrolle oder Anwendung von Drohnen- oder Robotik-Technologie kann die Planungssicherheit hinsichtlich Kosten, Qualität und Terminen stark optimiert werden. Unserer Ansicht nach sind hier die Vereinheitlichung und Standardisierung sowie die Vereinfachung in der Anwendung sehr wichtig. Entwicklung Schweiz prüft zusammen mit den Mitgliederfirmen mögliche Beiträge zur Förderung und Verbesserung von Standards und deren Anwendung. Wir erwarten ein Jahrzehnt, das unsere Industrie im Bereich der Digitalisierung und Produktivität wie noch keines zuvor verändern wird.

    Heute müssen Neubauten energieeffizient und bevorzugt komplett recyclingfähig gebaut werden. Wie werden diese Aspekte bei Entwicklung Schweiz berücksichtigt?
    Nachhaltigkeit und ESG-Strategien sind in der Immobilienbranche aktueller denn je. Unsere Mitglieder haben diese Marktbedürfnisse längst erkannt und diese in ihre Organisation und in ihr Leistungsangebot implementiert. Viele Unternehmen weisen zum Beispiel bereits jetzt Nachhaltigkeitsabteilungen auf. Der grösste Hebel liegt dabei nicht bei den Neubauten, sondern bei räumlichen und energetischen Sanierungen von Bestandsliegenschaften. Entwicklung Schweiz betrachtet die Fragestellung rund um energetische Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz sowie Kreislaufwirtschaft stets ganzheitlich. Das heisst, wir versuchen ökonomische, soziale sowie ökologische Aspekte ausgewogen zu berücksichtigen. Unsere Mitglieder arbeiten mit Start-ups, Entwicklern und Forschungsinstitutionen zusammen, um eine schnelle Markteinführung innovativer Ideen zu unterstützen und voranzutreiben.

    Nach wie vor werden in der Schweiz landwirtschaftliche Flächen überbaut. Ist das aus Ihrer Sicht notwendig?
    Nein, der Fokus liegt klar auf einer Siedlungsentwicklung nach innen. Verschiedene gesetzliche Vorstösse, wie zum Beispiel die Revision des Raumplanungsgesetzes von 2013, beschränken die Überbauung von Kulturland zugunsten der Verdichtung. Die Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen in Bauzonen ist zudem meist nur noch mittels Flächenkompensation bzw. -abtausch möglich. Generell ist festzuhalten, dass die Ausnutzungsreserven in den Städten und Agglomeration noch sehr hoch sind. Für die Schaffung von Wohn- und Arbeitsraum sollten vorab diese Nutzungsreserven realisiert werden.

    Was ist das Problem hierbei?
    Weniger einschränkende gesetzliche Vorgaben wären wünschenswert. Die Mehrwertabgabe etwa erschwert oder verunmöglicht teilweise die Realisierung von Ausnutzungsreserven. Es gibt aber noch viele weitere unflexible Regulierungen, welche das Bauen im Bestand zu fast unüberwindbaren Herausforderungen machen. Entwicklung Schweiz ist gemeinsam mit der Branche bestrebt, die Entscheidungsträger, Behörden und Politik auf diese Thematik zu sensibilisieren. Wir plädieren für mehr Ermessensspielraum, damit gute Lösungen unter Berücksichtigung situativer Gegebenheiten und der Nutzerbedürfnisse erarbeitet werden können.

    Halten Sie die immer wieder prognostizierte Immobilienblase in der Schweiz für ein ernstzunehmendes Szenario?
    Die anhaltende Tiefzinspolitik der Zentralbanken sowie die Marktentwicklung machen die Investition in Immobilien attraktiv. Es gibt wenige Anlagealternativen, die ein ähnliches Rendite-/Risiko-Profil aufweisen. Die Schweiz hat zudem aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und steht heute – beispielsweise vor dem Hintergrund einer restriktiveren Vergabe von Hypotheken – deutlich besser da als noch zu Beginn der 00er-Jahre. Die spürbar lauter werdenden Forderungen nach einer Rückkehr zu einer normalisierten Geldpolitik zeigen aber, dass sich dieser Zustand auch in der Schweiz ändern kann. Ein zu schnelles Anziehen von Zinssätzen und damit verbundene Refinanzierungshürden könnten zu einem Rückgang der Marktwerte führen, was wiederum einen Einfluss auf die Eigenkapitalanforderungen hätte. Die Schweiz tut entsprechend gut daran, ihre stabile Geld- und Zinspolitik fortzusetzen und in Szenarien zu denken. Je robuster die Geschäftsmodelle und Finanzierungen sind, desto weniger wird unsere Volkswirtschaft Risiken ausgesetzt. Als Verband sehen wir der kurz- und mittelfristigen Zukunft sehr zuversichtlich entgegen.

  • Pestalozzi sieht den Bau als moderne und digitale Branche

    Pestalozzi sieht den Bau als moderne und digitale Branche

    Für die Pestalozzi Gruppe ist ein Unternehmensleitbild entwickelt worden. Im Interview mit dem „KMU Magazin“ nennt Matthias Pestalozzi die Schwerpunkte: Unternehmenskultur der Kontinuität, Entwicklung von Digitalisierung und Vernetzung sowie generationenübergreifende Unternehmensführung. Der Delegierte des Verwaltungsrats in der Geschäftsleitung des Unternehmens wird zitiert, dass der interessanteste und wichtigste Aspekt bei der Leitbild-Formulierung die breite Diskussion mit den Mitarbeitenden gewesen sei, die in Workshop-Teams daran gearbeitet haben. Pestalozzi: „ Zuletzt haben sich nicht viele Unterschiede zum alten Leitbild ergeben, es ist jedoch ausführlicher formuliert, vor allem das Thema: Wie arbeiten wir miteinander?“ Eine Folge sei, dass man im Unternehmen die Du-Kultur eingeführt habe.

    Pestalozzi, der in der neunten Generation das 1763 gegründete Familienunternehmen mitführt, betont in dem Interview die Bedeutung der Digitalisierung für das auf Handel mit allem was zum Bauen gehört spezialisierte Unternehmen. Digitalisierung und Vernetzung seien ein „Riesenthema, daran arbeiten wir laufend“. Wichtig sei die Digitalisierung im Kundenkontakt. Die Gruppe habe in den vergangenen Jahren viel in den E-Shop investiert, um digitale Bestellungen zu ermöglichen. Rund 40 Prozent der Bestellungen von Fertigprodukten laufen schon über den elektronischen Handel. Auch das digitale Marketing sei ausgebaut worden, mit Nutzung von Plattformen wie LinkedIn oder der Verbreitung eines Newsletters. Nach Aussage von Pestalozzi würden im Digitalbereich gerade von KMU Sicherheitsprobleme oft unterschätzt. Bei Pestalozzi würden deshalb die Mitarbeitenden laufend geschult.

    Mit dem in diesem Jahr zum 39. Mal für gute Lehrabschlüsse vergebenen Stiftepriis wolle die Pestalozzi Gruppe die Jugend zu Ausbildungen in der Bau- und Ausbaubranche motivieren. Dort sei es oft schwierig, Lehrlinge zu finden. Der Stiftepriis wird in den Branchen Gebäudehülle, Haustechnik, Metallbau und Metallverarbeitung vergeben.

  • «Bestes Gesamtpaket dank dem Spirit of Zug»

    «Bestes Gesamtpaket dank dem Spirit of Zug»

    Zur Person
    Beat Bachmann ist lic.oec. HSG und verfügt über Führungserfahrung in den Bereichen Business Development, Verkauf, Finanzen und Projektmanagement in in- und ausländischen Märkten. Seine Branchenerfahrung umfasst Life Sciences/Medizintechnik, Grosshandel/Vertrieb Konsumgüter, Immobilien, Informations- und Kommunikationstechnologie.

    Sie sind Leiter der Kontaktstelle Wirtschaft des Kantons Zug. Wie darf man sich einen normalen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?
    Beat Bachmann: Jeder Tag ist anders. Als «one-stop-shop» betreuen und beraten wir vor allem ansässige Firmen bei den unterschiedlichsten Anliegen. Dazu gehört auch die Unterstützung bei der Suche nach Büroflächen. Mit über 100 Firmenbesuchen pro Jahr und mit der Vernetzung der Firmen untereinander in den Branchenclustern tragen wir dazu bei, dass die Unternehmen an einem wirtschaftsfreundlichen Standort erfolgreich tätig sein können. Zudem begleiten wir jährlich viele Firmen bei der Ansiedlung im Kanton Zug.

    Wie geht es den im Kanton ansässigen Unternehmen im Hinblick auf die Pandemie?
    Die Zuger Wirtschaft mit ihrer starken internationalen Verflechtung ist ebenso betroffen und kann sich den strukturellen Veränderungen nicht entziehen. Die Auswirkungen sollen dank der Massnahmen von Bund und Kanton gemildert werden. Aufgrund der starken Konstitution der Zuger Wirtschaft vor der Corona-Krise und der breiten Diversifizierung schätze ich, dass die negativen Auswirkungen im schweizweiten Vergleich etwas geringer ausfallen werden. Nichtsdestotrotz durfte unser Team im Jahr 2020 gleich viele Ansiedlungen betreuen wie in den Vorjahren.

    Im Standortranking der Credit Suisse belegt Zug praktisch immer den 1. Rang – dies nicht zuletzt wegen des tiefen Gewinnsteuersatzes von 12 Prozent. Was bieten Sie darüber hinaus mehr als andere Kantone?
    Wir bieten primär das beste Gesamtpaket der hervorragenden Standortbedingungen: Dazu gehören die langfristige finanzielle und politische Stabilität, die Steuer- und Finanzpolitik, die grosse Innovationsfähigkeit, die hohe Verfügbarkeit von Fachkräften in wichtigen Branchenclustern sowie die leistungsfähige Infrastruktur. Sehr wichtig ist auch der faszinierende Lebensraum und damit die Lebensqualität. Nicht zuletzt hören wir oft, dass die gelebte Wirtschaftsfreundlichkeit – unser «Spirit of Zug» – sehr geschätzt wird.

    Welche Aufgabe übernimmt die Kontaktstelle Wirtschaft bei der Arealentwicklung?
    Wir tragen insbesondere dazu bei, dass Bedürfnisse und Anforderungen der Wirtschaft und der Unternehmen in die Arealentwicklungen einfliessen. Und bei Fertigstellung der Objekte bieten wir Unterstützung bei der Vermittlung der Flächen an neue Mieter oder Käufer.

    Zeichnet sich bei der Arealentwicklung eine Ausschöpfung des Potenzials ab?
    Wir sind sehr froh, dass die Grundeigentümer und Arealentwickler seit Jahrzehnten massgeblich dazu beitragen, dass sich der Kanton nachhaltig und qualitativ entwickelt. Es ist im Sinne der langfristigen Strategie des Regierungsrats, dass Zug ein attraktiver Wohn- und Lebensraum bleiben soll. Es gibt noch genügend bebaubare Flächen. Ich denke deshalb, dass sich der Kanton Zug noch über viele Generationen so weiterentwickeln kann.

    «Zug, Baar und Rotkreuz punkten bei den
    Unternehmen»

    Im Kanton Zug sind gleich mehrere Geschäftsgebäude im Bau. Im Zuge der Pandemie geht der Trend jedoch in Richtung Home-Office. Sind Sie dennoch zuversichtlich, dass all diese Projekte mit Leben gefüllt werden können?
    Ja, ich bin zuversichtlich, dass diese Flächen absorbiert werden. Die Schweiz und der Kanton Zug sind und bleiben ein international führender Wirtschaftsraum. Bei Neuansiedlungen ist die Verfügbarkeit bezugsbereiter Flächen ein wichtiger Standortfaktor. Es ist schwierig, die langfristige Auswirkung von Covid-19 auf die Nachfrage von Büroflächen abzuschätzen. Dem Trend nach mehr Home-Office steht ein Trend zu mehr Fläche pro Kopf, sowie Co-Working-Flächen/Business Centers entgegen.

    Welche Stadt ist neben Zug im Kanton der beliebteste Standort für Unternehmen?
    Einerseits weist die Lorzenebene (Talgemeinden) seit Jahrzehnten die meisten Firmen und Arbeitsplätze auf. Da der Kanton werktäglich rund 40 % Zugpendler verzeichnet, spielt die Nähe zu Bahnhöfen mit IC- und Schnellzug-Verbindungen eine immer wichtigere Rolle. Dementsprechend sind neben Zug in den letzten Jahren Baar und Rotkreuz die beliebtesten Standorte; dahinter folgt Cham.

    Was macht den Kanton Zug als Wohnort attraktiv?
    Zug bietet eine gute internationale Infrastruktur, hervorragende Schulen sowie politische Stabilität. Der Lebensstandard ist hoch und die Lebensräume sind intakt. Es gibt Seen, Berge und vielfältige Landschaften auf kleinstem Raum. Zug bietet also her­ausragende Lebensqualität und dazu die Nähe zur Zentralschweiz und zu Zürich.

    Wie beurteilen Sie die derzeitige Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt?
    Im Kanton Zug ist sie anhaltend hoch. Gleichzeitig steigt der Leerwohnungsbestand im Kanton Zug nur minim an.

    Wie schätzen Sie das Baupotenzial im Bereich des Wohnungsmarktes ein?
    Da wir uns bei der Kontaktstelle Wirtschaft vor allem um Firmen und dementsprechend um Büro- und Gewerbeflächen kümmern, bin ich kein Experte für den Wohnungsmarkt. Ich beobachte aber, dass seit Jahrzehnten unverändert viele Wohnungen gebaut werden und diese laufend Bewohner finden. Als flächenmässig kleinster Vollkanton der Schweiz und aufgrund unserer oben erwähnten nachhaltigen Wachstumsstrategie werden wir auch künftig einen hohen Anteil an Zupendler verzeichnen.

  • «Die Stadt Zug soll grüner werden»

    «Die Stadt Zug soll grüner werden»

    Zur Person
    Eliane Birchmeier (FDP) ist seit Januar 2019 Stadträtin und Vorsteherin des Baudepartements der Stadt Zug. Die 58-Jährige studierte Betriebswirtschaft, ist eidg. dipl. PR-Beraterin und hat 2005 die Birchmeier Communications AG mit Sitz in Zug gegründet. Sie war von 2004 bis 2017 Mitglied des Verwaltungsrats der Kursaal-Casino AG in und von 1992 bis 2004 Co-Inhaberin der C-Matrix Communications AG.

    Sie sind Vorsteherin des Baudepartements der Stadt Zug. Wo sehen Sie Ihre Kernaufgaben?
    Eliane Birchmeier: Meine Kernaufgaben umfassen die klassischen Aufgabenbereiche des Bauwesens: Einerseits sind das Baubewilligungen sowie Bauvorhaben für stadteigene Vorhaben im Tief- und Hochbau. Andererseits befassen wir uns mit planerischen, gestalterischen und gesetzlichen Aspekten im Städtebau und in der Stadtplanung. Hierbei geht es um die künftige Entwicklung der Stadt Zug in städtebaulicher sowie in raumplanerischer Hinsicht mit Siedlung, Landschaft und Verkehr.

    Bis zum Jahr 2040 ist für die Stadt Zug ein Wachstum bei der Einwohnerzahl um rund 10’000 Personen prognostiziert. Welche baulichen Massnahmen sind geplant, um dieser Entwicklung gerecht zu werden?
    Das prognostizierte Wachstum ist abhängig von der Projektentwicklung privater Eigentümer und Investoren. In vielen Bereichen haben wir unsere Hausaufgaben bereits gemacht. Beispielsweise was Infrastrukturprojekte in den Bereichen Entwässerung, Energie und Entsorgung anbelangt. In der Bildung haben wir – wie auch andere Gemeinden in der Schweiz – einen gewissen Aufholbedarf. Gegenwärtig laufen verschiedene Planungen für erweiterte und neue Schulanlagen. Doch wir wollen in den kommenden Jahren auch die Grün- und Freiräume aufwerten sowie das Netz an Fuss- und Velowegen verbessern.

    Die Wirtschaft soll ebenfalls weiterwachsen. Wo sehen Sie für neue Geschäftsbauten das grösste Baupotenzial?
    Nach wie vor bestehen in verschiedenen ehemaligen Industrie- und Verdichtungsgebieten grosse Erweiterungspotenziale für Gewerbe und Dienstleistungen. Dazu zählen der Technologiecluster mit dem V-Zug-Areal, Verdichtungsgebiete östlich und westlich des Bahnhofs wie die Metalli, die Baarerstrasse West und das LG-Areal. Dazu kommen das Areal an der Aa II, das von den Zuger Verkehrsbetrieben entwickelt wird, das Hertizentrum und die äussere Lorzenallmend. In Zukunft werden diese Gebiete gemischte, urbane Nutzungen von Wohnen, Freizeit und Arbeiten bieten.

    Wo im Kanton finden sich noch grössere Landreserven?
    Das Wachstum in der Stadt Zug wird wie andernorts im Kanton schwergewichtig im Innern durch Verdichtung erfolgen. Dazu kommen wenige noch unverbaute Baugebiete wie die äussere Lorzenallmend, Gebiete in der Herti und im Unterfeld, im Lüssi/Göbli und in südlicher Richtung im Salesianum sowie in Oberwil. Eigentliche Einzonungen stehen im Rahmen der laufenden Ortsplanung nicht im Fokus.

    «Für das Gebiet Lüssi/Göbli und das Areal des Landhauses Salesianum rechnen wir demnächst mit Baugesuchen»

    Welche Projekte sind dort geplant?
    In der äusseren Lorzenallmend wird ein Bebauungsplan für ein Wohn- und Arbeitsgebiet erarbeitet und im Herti Süd einer für eine Wohnüberbauung. Im Herti Nord, im Unterfeld und im Spielhof sind aktuell keine Planungen im Gange. Im Lüssi/Göbli und im Salesianum bestehen rechtskräftige Bebauungspläne für Wohnüberbauungen. Hier rechnen wir in naher Zukunft mit Baugesuchen.

    Welches sind aktuell die wichtigsten Bauprojekte, die Sie begleiten?
    Stadteigene Vorhaben sind der Neubau des Recyclingcenters und des Ökihofs im Norden der Stadt. In Planung und Projektierung sind Schulanlagen auf dem ganzen Stadtgebiet. Für die Erweiterung des Strandbads startet in diesem Jahr der Projektwettbewerb, und im Sommer wird die Zuger Stimmbevölkerung über die neuen Notzimmer im Göbli-Quartier befinden können.

    Die Stadt Zug steht mitten im Ortsplanrevisionsprozess. Gibt es bereits eine erste Strategie zu Mobilität und Freiraum?
    Die räumliche Entwicklungsstrategie der Stadt wird in mehreren Etappen und Mitwirkungsschritten bis im Herbst 2021 erarbeitet. Erste Stossrichtungen aufgrund der fachlichen Grundlagen, der Bevölkerungsbefragung und der ersten Mitwirkungsphase zeichnen sich deutlich ab: Die Stadt soll grüner werden. Zudem soll ein vielfältiges sowie qualitativ hochstehendes Angebot an unterschiedlichen Freiräumen der Bevölkerung zur Verfügung stehen.

    Was wünscht sich die Bevölkerung?
    Sie wünscht sich, dass das Mobilitätswachstum mittels Ausbau und Förderung des Fuss- und Veloverkehrs sowie des öffentlichen Verkehrs aufgefangen wird. Die Verkehrsführung im Zentrum soll vereinfacht und siedlungsverträglich gestaltet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt in der Optimierung des Pendlerverkehrs. Hier setzen wir in Zusammenarbeit mit dem Kanton und den Nachbargemeinden, aber auch mit Arbeitgebern, auf eine verstärkte Verlagerung hin zum bereits heute hervorragend ausgebauten ÖV und den nicht motorisierten Individualverkehr.

  • CO2-Reduktion treibt den Immobilienmarkt

    CO2-Reduktion treibt den Immobilienmarkt

    Der neue Vizepräsident des Verwaltungsrats der Herzog Kull Group Holding AG (HKG) stellt in einem Interview Gebäude, bauliche Massnahmen und das nachhaltige Gebäudemanagement in den Fokus der Diskussion um die Reduktion des CO2-Ausstosses. „Mit zunehmender Pönalisierung des CO2-Ausstosses geraten auch vermehrt Eigentümer von Immobilienportfolios unter Zugzwang“, wird Beat Huber zitiert. Seitens der Investoren, aber auch Mieter würden höhere Anforderungen an Energieeffizienz und ökologische Energieversorgung gestellt. So würden Strom vom eigenen Dach und ökologische Wärmeversorgung bei vielen Gebäuden künftig zum Standard gehören.

    Huber, der als ausgewiesener Energiespezialist gilt, erwartet, dass das neue CO2-Gesetz die Entwicklung in der Schweiz sicherlich beschleunigen werde. Wegen der im Vergleich zu anderen Ländern niedrigeren Energiekosten hier seien Kosteneinsparungen in der Vergangenheit kein besonderes Thema gewesen. Das habe sich durch den Druck zur CO2-Einsparung geändert. In der Schweiz gebe es aktuell viele Bestrebungen, neue Dienstleistungen und Firmen rund um das Thema Gebäudetechnik.

    Finanzielle Anreize, respektive Abgaben bei zu hohen CO2-Werten werden nach Meinung Hubers dazu führen, dass  zukünftig eine Immobilie mit Solaranlage und ökologischer Wärmeversorgung nicht mehr ein besonders attraktives Angebot sei. Stattdessen werde man „von Investoren und Mietern abgestraft, wenn man dies nicht bieten kann respektive umgesetzt hat.“, wird Huber zitiert. Diese Erwartungshaltung werde viele Investitionen in Immobilien und Arealen auslösen. „Grosse Immobilienportfoliobesitzer sind aktuell daran, ihre Immobilien hinsichtlich Reduktion des CO2 zu analysieren und Mittel bereitzustellen.“ Er sehe dabei ein grosses Potenzial für entsprechende Dienstleistungen, wie sie HKG schon anbiete.

  • Alle Branchenteilnehmer müssen für Veränderung bereit sein

    Alle Branchenteilnehmer müssen für Veränderung bereit sein

    Was genau ist Building Information Modeling?
    Wörtlich übersetzt heisst BIM Gebäudeinformationsmodellierung – das trifft es schon relativ gut. Mittels BIM ist man in der Lage, neben der digitalen Planung und Ausführung von Projekten die notwendigen Daten für den Betrieb zu bestimmen und weiterzuverwenden. Dabei arbeitet man mit dreidimensionalen Modellen, die nichts anderes sind als visuell dargestellte Datenbanken. Das tönt jetzt kompliziert, ist es aber gar nicht, es ist nur eine neue Art des Arbeitens. Hatten wir früher zweidimensionale Pläne, sind es nun dreidimensionale digitale Gebäudemodelle. Wichtig ist, dass jeder Beteiligte auf die gleichen Daten zugreifen kann, neudeutsch: Single Source of Truth. Man kann sich also darauf verlassen, dass die in Datenbanken gespeicherten Daten nicht nur aktuell sind, sondern auch korrekt und natürlich relevant für die Weiterbearbeitung. Darin liegt auch der grösste Nutzen.

    Weshalb haben sich die SBB dazu entschieden, bei Bauprojekten BIM zu nutzen?
    Wir sehen hier deutliches Potenzial in der Datenweiterverarbeitung und im gesamten Wertschöpfungsprozess. Die SBB rechnen nachhaltig mit einer Reduktion der kapitalgebundenen Ausgaben für Planung, Realisierung sowie Bewirtschaftung von Immobilien. Dies gilt natürlich auch für die gesamte Bahninfrastruktur im Besitz der SBB.

    Weiter können wir sehr stark auf die CO2-Reduktion hinwirken, da wir z.B. aufgrund der Daten simulieren können, wie der Betrieb sich über die nächsten 20, 25 und mehr Jahre entwickelt. Weiter kann man Projekte untereinander vergleichen und somit auch von anderen Projekten lernen. So schaffen wir Transparenz über den gesamten Lebenszyklus.

    Wie wird BIM konkret beim Bau des Letziturm-Projekts eingesetzt?
    Der Letziturm war eines der ersten Hochbauprojekte von SBB Immobilien, das mit BIM gestützten Methoden und Arbeitsweisen umgesetzt wird. Es ist auch ein Lernprojekt für die Bewirtschaftungsphase. Die Planung und die Realisierung eines solchen Projekts sind in zehn Jahren abgeschlossen, wir bewirtschaften das Gebäude aber mindestens viermal länger. So werden wir aus den Erkenntnissen beim Letziturm zum Beispiel Materialbemusterungen durchführen. Wir sind dabei, Planfreigaben über die Kollaborationsplattformen umzusetzen. Wir haben viel gelernt, was wir in der Optimierung von Planung und Realisierung einsetzen können – und das sehen wir als einen ersten wichtigen Schritt.


    «Es geht nicht mehr allein als Bauherr.»

    Welches Resümee ziehen Sie Stand heute vom Einsatz von BIM?
    Wir haben das Potenzial von BIM für die SBB früh erkannt und mit dem dafür ins Leben gerufenen Konzernprogramm BIM@SBB die Entwicklung aktiv gestossen. So haben wir bereits wichtige Fortschritte erzielt. Das Programm BIM@SBB beruht auf vier Pfeilern, die einander bedingen: Entwicklung, Erprobung, Normierung und auf der konkreten Mitnahme der Branche. Wir teilen all unser Wissen und unsere Erfahrung mit unseren Partnern an Veranstaltungen und nehmen Inputs vom Markt auf, die wir konkret in die Entwicklung einfliessen lassen. Wir binden unsere Community ein. Es geht nicht mehr allein als Bauherr, es braucht ein starkes, gemeinsames Miteinander. Das zeigt sich auch in der Befähigung der Mitarbeitenden. Wir spüren ein sehr grosses Interesse der Mitarbeitenden, sie wollen gemeinsam voneinander lernen. Das ist wahnsinnig spannend und lehrreich für alle Beteiligten

    Wo liegen die Vorteile?
    Natürlich verändert eine nun datengestützte Umsetzung die Art und Weise, wie wir mit unseren Partnern zusammenarbeiten und die Projekte in enger Zusammenarbeit entwickeln. Projekte werden in der Tat schneller und sicherer abgewickelt, wenn alle Beteiligten sich auch darauf einlassen. Die bereits erwähnte «Single Source of Truth» ist ein weiterer Vorteil. Die Anlagendaten sind strukturiert abgelegt, rasch auffindbar und stets aktuell. Ein langwieriges Suchen und Verifizieren der Daten werden weitgehend entfallen. Die Kommunikation verläuft zielgerichteter als bisher und ist nutzenorientiert. Projektteams finden damit deutlich schneller Lösungen, können Probleme und Pendenzen direkt am dreidimensionalen Modell betrachten und gleich Varianten und Alternativen gemeinsam erarbeiten. Das hilft für das gegenseitige Verständnis.

    Gibt es auch Nachteile?
    BIM wird oft nur mit dem Technologieaspekt verbunden. Natürlich ist es schön, mit einer Hololens über die Baustelle zu schweben. Wenn aber die dahinter liegenden Daten nicht stimmen, nützt die modernste Technologie nichts. Daten müssen korrekt sein, es braucht eine neue Art der Genauigkeit des Arbeitens. Bei Daten gibt es nur zwei Zustände: Korrekt oder eben nicht. Nicht jeder in der Wertschöpfungskette ist bereit für den Einsatz von neuen Technologien und Methoden. Jeder in der Branche muss bereit sein, sich zu verändern und seinen Teil zum Gelingen beizutragen.

    Was könnten die Gründe sein, dass sich BIM in der Schweiz noch nicht durchgesetzt hat?
    Viele verbinden BIM mit dem Einsatz der neuesten Software oder der neuesten Datenbanktechnologie. Oft ist dies zwar notwendig, doch noch nicht ausreichend. Für den erfolgreichen Einsatz werden sich unsere Denkweise und Arbeitsmethode weiter verändern müssen. Im Umfeld von BIM wird dabei oft von kollaborativ zusammenarbeitenden Projektteams gesprochen, welche gemeinsam Lösungen entwickeln. Dieser Prozess beansprucht seine Zeit, doch der Trend stimmt mich positiv. Es liegt auch an uns öffentlichen Auftraggebern, diese Entwicklung weiter zu fördern und bei Projektvergaben den Einsatz von BIM zu verlangen, so wie wir dies am Projekt Letziturms getan haben.

    Wie sehen die Ziele der SBB aus für den Einsatz von BIM?
    Derzeit haben wir knapp zwei Dutzend Pilotprojekte, die wir mit Grundlagen versorgen und verschiedenste Methoden, Technologien und Techniken zu erproben. Dieses daraus gewonnene Wissen fliesst in die Entwicklung ein. Mittels Normierung und Standardisierung werden auch internationale Grundlagen berücksichtigt. So können wir sicherstellen, dass wir am Puls der Zeit sind. Dieses Wissen wird gezielt an die Branche zurückgegeben. Ab 2021 ist im Hochbau der Einsatz von BIM für bundesnahe Betriebe verpflichtend, so die digitale Strategie des Bundes, und ab 2025 für die Infrastruktur, da hier noch viel mehr erarbeitet werden muss. Das ist unser erklärtes Ziel.

    SBB BIM-Projekt Letziturm:
    Zwischen den Bahnhöfen Zürich Altstetten und Hardbrücke entwickelt sich entlang des Gleisfeldes aufgrund der Umstrukturierung bestehender Gewerbe- und Industrieflächen ein neues Stadtgebiet. Der Letziturm als sechsgeschossiger Gebäudesockel nimmt im Osten die Kante der denkmalgeschützten Lagerhalle auf. Er definiert damit einen ersten Stadthorizont. Die zwei Wohntürme orientierten sich an der Gebäudehöhe des Letzibach D. Aus dem geplanten Einzelturm entsteht somit ein Ensemble von drei hohen Häusern.

    Der Baubeginn ist dieses Jahr erfolgt. Die 178 Wohneinheiten, bestehend aus 1,5 Zimmer- bis zu 7,5 Zimmer-Wohnungen, sollen ab Herbst 2022 bezugsbereit sein. Das Erdgeschoss ist geprägt durch die beiden Haupteingänge und die beiden Gewerberäume, die sich jeweils zum zukünftigen Platz und Richtung SBB Werkstätten ausrichten. Dazwischen eingespannt sind die Erdgeschosse von vier grösseren, doppelgeschossigen Wohnateliereinheiten, die Arbeiten und Wohnen vereinen und falls gewünscht direkt an den öffentlichen Raum anknüpfen.

    Im Sockelgebäude sind sowohl die kleinen als auch die grösseren Wohneinheiten untergebracht. Oberhalb des 7. Obergeschosses, das einen Gemeinschaftsraum aufweist, sind 2,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen geplant.■

  • «Gemeinsam kann man mehr bewirken»

    «Gemeinsam kann man mehr bewirken»

    Die Greater Zurich Area (GZA) umfasste zunächst die an Zürich angrenzenden Kantone Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn und Zug. Neu sind Uri und das Tessin dazugekommen. Weshalb hat man sich zu diesem Schritt entschieden?
    Am Anfang waren es Zürich, Schaffhausen und Graubünden, dann über die Jahre kamen weitere Kantone dazu. Zug stiess im Jahr 2007 dazu, Uri im 2015. Das Tessin ist seit 2019 Mitglied in der GZA. Um Mitglied zu werden, muss ein Gesuch gestellt werden, welches von unserem Stiftungsrat geprüft wird. Eine Zusammenarbeit soll für beide Seiten sinnvoll sein. Mit dem Beitritt des Tessins wollte der Stiftungsrat unsere Kompetenzen bezüglich Technologie im Wirtschaftsraum Zürich stärken und das Netzwerk erweitern. Interessant sind vor allem die für uns wichtigen Technologien wie Life Sciences oder Mechatronik. Da hat das Tessin sehr viel zu bieten: Zum Beispiel das Dalle-Molle-Forschungsinstitut, welches sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt.

    Ist der Name Greater Zurich Area noch passend, wenn sie so viele auch weiter von Zürich weg liegende Gebiete umfasst?
    Der Name ist längst zur Marke geworden – so wie «Switzerland» oder «Geneva». Wir haben den Namen «Greater Zurich Area» zwar erfunden, er wird aber längst nicht nur von uns gebraucht. Das Tessin ist durch den Ceneri-Basistunnel näher an Zürich gerückt. Wichtige Forschungsprojekte im Tessin funktionieren problemlos über den Gotthard hinaus. Kantonsgrenzen sind völlig irrelevant – aber ein funktionierender Wirtschaftsraum, der ist relevant für Unternehmen.

    Dann ist es also denkbar, dass noch weitere Kantone zur GZA dazustossen?
    Geplant ist es nicht. Wenn aber jemand anklopfen würde, würde man dieselben Überlegungen machen wie beim Tessin. In der Schweiz ist vieles freiwillig. In anderen Ländern ist das anders: In Finnland beispielsweise gibt es keine Regionen oder Kantone, da wird alles in Helsinki entschieden. Natürlich kann man auch mit einer zentralistischen Organisation glücklich werden. Aber wir sind föderalistisch organisiert, und deshalb können die Kantone selber entscheiden: Will man Standortmarketing in der eigenen Region betreiben? Oder will man die Kräfte bündeln und mit jemand anderem zusammenarbeiten? Unser Verwaltungsratspräsident betont stets, dass unsere Türen offenstehen.

    Die Zahl der angesiedelten Unternehmen aus dem Ausland in der GZA war 2019 mit 103 rückläufig. Was sind die Gründe dafür?
    Global gesehen gibt es Entwicklungen, die alles andere als wirtschaftsfreundlich sind. Darunter fällt der Handelsstreit zwischen China und den USA oder auch der Brexit. In den letzten Jahren ist die Unsicherheit im globalen Wirtschaftsraum gestiegen. Damit verschlechtert sich das Umfeld für Investitionen. In der Schweiz registrieren wir schon seit dem Jahr 2016 rückläufige Zahlen bei den Ansiedlungen. Im Wirtschaftsraum Zürich kam diese Entwicklung leicht verzögert an: Erst 2019 sind die Anzahl Ansiedlungen zurückgegangen. Spannenderweise ist die Anzahl Arbeitsplätze in der GZA trotzdem gestiegen: Die angesiedelten Unternehmen haben 40 Prozent mehr Arbeitsplätze generiert als im Vorjahr. Auf die nächsten fünf Jahre hochgerechnet, sind ein Viertel mehr neue Stellen geplant, als bei den Unternehmen, die sich im 2018 angesiedelt haben. Die Qualität der Projekte hat zugenommen.

    «Die Schweiz bietet Stabilität und Verlässlichkeit.»

    Dann rechnen Sie weiterhin mit rückläufigen Zahlen?
    Definitiv. Wir rechnen damit, dass die Coronapandemie diesen weltweit rückläufigen Trend weiter verstärkt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt, dass der weltweite Markt dieses Jahr um 30 Prozent einbrechen wird. Es gibt sicherlich Branchen, die sogar noch mehr Erfolg haben als in der Vergangenheit. Beispielsweise solche, die auf digitale Tools spezialisiert sind. Für Video-Konferenz-Tools wie Teams oder Zoom ist der Aktienkurs während der Pandemie enorm gestiegen. Generell ist Corona aber natürlich ein Dämpfer für die Weltwirtschaft.

    Weshalb soll ein Unternehmen seinen Standort in der GZA oder in der Schweiz wählen?
    Die Schweiz wird gewählt, damit man das Europageschäft von hier aus betreiben kann. Dazu braucht es die richtigen Fachkräfte. Diese findet man in der Schweiz oder kann sie via Personenfreizügigkeit leicht aus dem europäischen Ausland rekrutieren. Wir sind schon heute sehr international aufgestellt: Wir sind nicht das Zentrum von Europa, aber gerade in Westeuropa sind wir doch sehr zentral. Die Schweiz verfügt darüber hinaus über gute bilaterale Verträge mit der EU sowie Innovationskraft. Zudem können wir Stabilität und Verlässlichkeit bieten. Die Unternehmenssteuer sind hierzulande günstig. Man kommt nicht in die Schweiz, damit man hohe Löhne zahlen kann. Man kommt in die Schweiz, weil hier Leute sind, die hohe Löhne verdienen.

    Geht die GZA mehr auf die Unternehmen zu oder umgekehrt?
    Wir haben eine Doppelfunktion: Wir vermarkten den Wirtschaftsraum, aber wir sind auch Ansprechpartner. Kundenanfragen machen aber nur etwa 11 Prozent aller Ansiedlungen in den Kantonen aus. Wir sind offen und prüfen alles. Aber natürlich investieren wir unsere Zeit und Ressourcen vor allem in lohnende Projekte. Bei rund 60 Prozent aller Ansiedlungen akquirieren wir aktiv und etwa 15 Prozent sind Empfehlungen aus dem strategisch gepflegten Netzwerk, welches Partnerorganisationen, Beratungsfirmen und Wirtschaftsanwälte umfasst.

    Als Arbeitgeber sind die ausländischen Unternehmen wichtig. Wie viele Arbeitsplätze generieren sie aktuell in der GZA?
    Die reine Anzahl Arbeitsplätze für die Ansiedlungen aus dem Jahr 2019 betrug 651. Diese Firmen werden in den nächsten fünf Jahren 1676 neue Arbeitsplätze schaffen. Das sind dann 24 Prozent mehr als diejenigen von Unternehmen, die sich im Jahr 2018 angesiedelt haben. Wir haben bereits zum zweiten Mal eine Beratungsfirma beauftragt, eine umfassende Analyse diesbezüglich zu erstellen: Zwischen 2009 und 2018 wurden durch das Standortmarketing mindestens 8618 Arbeitsplätze geschaffen.

    Welchen weiteren Mehrwert schafft die GZA für die zu ihr gehörenden Kantone?
    Wir tragen dazu bei, dass die Innovationskraft gestärkt wird und dass wir vor allem mit den wachsenden Märkten in Asien vernetzt bleiben. Auch innerhalb der Kantone gibt es gewisse kantonale Wertschöpfungseffekte. So arbeitet vielleicht jemand in Zug, wohnt aber in Zürich. Die neun Kantone kommen in der GZA zusammen, um gemeinsam Standortmarketing zu betreiben. Gemeinsam kann man mehr bewirken. Ein einzelner Schweizer Kanton ist zu klein, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Wir bringen wichtige Schnittstellen zusammen und sehen uns auch in der Vermittlerrolle.

    Wie hat sich in den letzten fünf Jahren die Standortqualität in der GZA konkret verändert?
    Die Unsicherheiten haben zugenommen. Gründe dafür sehen wir unter anderen im Brexit wie auch in der EU-Krise. Italienische Banken sind noch immer ein grosses Fragezeichen. Probleme bereiten zudem der Handelsstreit zwischen den USA und China wie auch das ungeklärte Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU. Die Schweiz bietet im internationalen Vergleich aber sicherlich sehr stabile Verhältnisse. Die Gesetze ändern nicht über Nacht, die Steuern werden weder plötzlich erhöht noch unvernünftig gesenkt. Die Steuerreform ist mittlerweile auch durch, und gewisse Technologiebereich haben sich extrem weiterentwickelt. Bei der Robotik und im Bereich Drohnen braucht Zürich den Vergleich mit Silicon Valley derzeit nicht zu scheuen. In der Schweiz punkten wir mit qualifizierten Fachkräften: Wir verfügen über sehr gute Abgänger von unseren Hochschulen und bieten gleichzeitig ein attraktives Umfeld für die klügsten Köpfe aus aller Welt.

    «Die Konkurrenz hat zugenommen.»

    Wie wirkt sich die Coronakrise auf die GZA aus?
    Sie hat auch bei uns einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Wir reisen weniger und arbeiten mehr virtuell. Das wird wahrscheinlich noch anhalten oder vielleicht sogar gängige Geschäftspraxis werden. Wir haben – wie auch bereits zuvor – Webinare durchgeführt, diese aber zum Beispiel in Korea durch eine Frage-Antwort-Stunde mit Experten ergänzt. Dieses neue Format ist sehr gut angekommen. Allgemein machen wir im Moment Videoschaltungen, anstatt selber in ein anderes Land zu reisen.

    Welche Konsequenzen erwarten Sie längerfristig?
    In nächster Zeit dürften Veranstaltungen vermehrt in hybrider Form durchgeführt werden. Im September ist eine zweitägige Konferenz in Zürich geplant. Diese wird am ersten Tag virtuell stattfinden, am zweiten Tag kann man sich persönlich treffen. Die Veranstalter wollen damit aber nicht nur für dieses Jahr etwas Spezielles kreieren, sondern sie wollen etwas schaffen, das Ihnen Flexibilität schenkt. Gerade auch im Hinblick auf künftige ähnliche Szenarien.

    Mit welchen Herausforderungen hat die GZA sonst noch zu kämpfen?
    Die Konkurrenz hat zugenommen. Als wir vor gut 20 Jahren angefangen haben, gab es noch nicht so viele effiziente Standortförderungs-Organisationen. Heute haben auch die kleinsten Länder und sogar Städte welche. Eine weitere Herausforderung: Es gibt viele ausländische Organisationen, die Benefits anbieten. Beispielsweise Zuschüsse für Anstellungen, damit der Rekrutierungsprozess das Unternehmen weniger teuer zu stehen kommt. So etwas ist in der Schweiz nicht denkbar, weil man dafür Steuergelder einsetzen müsste. Wir leisten auch viel Überzeugungsarbeit – in der Schweiz ist nicht alles teurer. Und wenn jemand 200’000 Dollar in den USA verdient, verdient er sie auch in London, Madrid oder Amsterdam. In Zürich muss man vielleicht sogar weniger Lohn bezahlen, weil bei uns die Steuern für das Individuum günstiger sind als anderswo.

    Wie wirkt die GZA den Einschränkungen und wahrscheinlich auch dem durch die Coronakrise verursachten weiteren Rückgang der Ansiedlungen entgegen?
    Wir werden die Social-Media-Kanäle in Zukunft nicht nur für die Kommunikation nutzen, sondern auch für die Akquisition. Wir versuchen über ein datenbasiertes Vorgehen neue Kunden zu gewinnen.

    Die wichtigsten Märkte der GZA sind die USA, Deutschland, China und Italien. Auf welche anderen Länder/Städte konzentriert sich die GZA noch und weshalb?
    Seit 2014 sind wir in Korea aktiv. In Israel beginnen wir gerade. Sobald die Krise vorbei ist, können wir mit Aktivitäten starten – es ist alles aufgegleist. Wir prüfen regelmässig, wo wir noch tätig sein könnten. Indien war beispielsweise von 2006 bis 2008 ein Fokusmarkt. Mangels Resultate haben wir diesen aber wieder aufgegeben. Wenn Russland oder Brasilien keine Rezession hätten, kämen diese Märkte durchaus in Frage. Innerhalb der von uns bearbeiteten Märkte wählen wir die Regionen nach den Technologie-Hotspots aus. ■

  • «Man muss seinen Kunden Alternativen anbieten»

    «Man muss seinen Kunden Alternativen anbieten»

    Was genau macht Swiss Circle?
    Swiss Circle ist das Netzwerk für die Schweizer Immobilienbranche. Wir betreuen unsere rund 250 Mitglieder, vernetzen diese untereinander und unterstützen sie mit Marketingtools. Unsere Member wollen sich untereinander besser kennenlernen, aber auch in der Branche vermehrt wahrgenommen werden. Ausserdem geben wir ihnen die Möglichkeit, ihr Knowhow in speziellen Disziplinen der Immobilienwirtschaft auszubauen.

    Wie geht das konkret?
    Wir bieten verschiedene Plattformen: So sind wir an den grossen internationalen Immobilienmessen wie der MIPIM in Cannes oder an der Expo Real in München präsent. Auf internationalen Bühnen sind wir mittlerweile seit 25 Jahren aktiv. Wir präsentieren an diesen Messen unsere Schweizer Firmen an einem Schweizer Gemeinschaftsstand. Darüber hinaus organisieren wir regelmässig Networking-Events und über das Jahr verteilt verschiedene Kongresse zu aktuellen Themen rund um Immobilien. Onlinetools wie etwa realestate-experts.ch ergänzen unser Angebot.

    Wichtige Messen fallen dieses Jahr aufgrund der Coronakrise weg. Wie wirkt sich dies auf Swiss Circle aus?
    Wir sind kreativ und haben Ersatz für ausgefallene Aktivitäten ins Leben gerufen. Darunter die Online-Serie «Real Estate Brains». Hier haben wir jeden Dienstagmorgen online eine Sendung produziert. Dieses Jahr haben wir den Kongress «Die Marketingrunde» vollumfänglich digital über Zoom umgesetzt. Den «Innovation Day» gleisen wir als Hybridanlass auf: Mittels zwei Sendungen, die wir live streamen sowie einem Printprodukt, das unseren Kunden eine weitere Plattform bietet, sich zu präsentieren. Als Ersatz für die nicht stattfindende Expo Real in München organisieren wir im Oktober am Flughafen Zürich den «Swiss Networking Circle». Mitglieder, die sonst nach München gegangen wären, erhalten so die Möglichkeit, sich zu vernetzen und zu präsentieren.

    Wie laufen die Anmeldungen für den Swiss Networking Circle im Herbst?
    Wir haben bereits zahlreiche Buchungen erhalten. Allerdings wissen wir noch nicht, wie viele Gäste wir dann effektiv einladen dürfen – das hängt von den Bestimmungen des Bundes für Anlässe im Oktober ab. Es kann sicher nicht jeder mitmachen. Partner, die sich am Event aktiv engagieren, erhalten aber auf jeden Fall ein Einladungskontingent für ihre Kunden. Auch wir vom Swiss Circle werden ein Kontingent an Mitgliedern einladen. Das Bedürfnis unserer Kunden, sich wieder persönlich zu treffen, ist auf jeden Fall gross.

    «Die Immo21 findet in einer grösseren Halle statt.»

    Wie kommen die Online-Angebote bei den Mitgliedern an?
    «Real Estate Brains» beispielsweise kommt sehr gut an – wir verzeichnen jeweils 200 bis 300 Zuschauer. Die Referenten kommen aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz. Die Schweizer Referenten rekrutieren wir in der Regel aus unserem Memberkreis. Nach der Sommerpause werden wir dieses Format bis auf weiteres im Monatsrhythmus weiterführen.

    Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage auf den Immobilienmärkten?
    Die Lage ist kontrovers. Kritisch steht es um den Retailmarkt. Die Coronakrise wirkte als Brandbeschleuniger, der Detailhandel hatte es schon vor Corona schwer. Ein weiterer Verlierer sind Hotelliegenschaften. Bürogebäude dürften nur leicht nachgeben – hier muss abgewartet werden, ob und wie stark sich Home-Office durchsetzt und wie sich Digitalisierungstrends entwickeln. Der Wohnmarkt zeigt sich stabil – allenfalls gibt es noch langfristige Auswirkungen. Es gibt aber natürlich auch Gewinner: zum Beispiel Logistikimmobilien.

    Welches Feedback erhalten Sie von Ihren Mitgliedern?
    Dienstleister rund um den Liegenschaftenbetrieb wie Facility- und Property-Manager sind kaum betroffen. Bei den Transaktionen stellt man hingegen eine gewisse Zurückhaltung fest; es wird aktuell defensiver gehandelt als vor der Krise. Dies dürfte sich auf die Umsätze von Vermarktern oder Rechtsanwälten niederschlagen.

    Welche langfristigen Konsequenzen erwarten Sie aufgrund der Coronakrise?
    Ich rechne im Immobiliengeschäft nicht mit einem langfristigen negativen Effekt. Es ist aber möglich, dass die Geschäfte dieses Jahr aufgrund herrschender Unsicherheit und des fehlenden persönlichen Kontakts etwas harziger laufen. Was den Swiss Circle betrifft, bin ich jedoch zuversichtlich, dass Events und Messen nächstes Jahr wieder fast wieder wie gewohnt ablaufen werden. Welche Änderungen bleiben werden, wird sich zeigen. Das Motto der Zeit lautet: Flexibel sein und mit verschiedenen Szenarien rechnen. Das machen wir auch. Wer möglichst unbeschadet aus der Krise kommen will, muss seinen Kunden Alternativen anbieten.

    Die Immo21, die von Swiss Circle mitorganisiert wird, findet nächstes Jahr im Januar statt. Gibt es coronabedingte Änderungen?
    Wir haben bereits auf die Situation reagiert und mit der Halle 550 in Oerlikon eine grössere Lokalität als bisher gewählt. So können wir auch einer allenfalls weiterhin beschränkten Anzahl Besucher mehr Platz bieten, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Dies könnte sich auch in Zukunft durchsetzen: Dass man mehr Quadratmeter pro Teilnehmer einkalkulieren muss.

    Was raten Sie Jungunternehmern im Immobilienbereich in dieser Zeit?
    Ihnen fehlt der Kontakt mit der etablierten Branche natürlich sehr. Jungunternehmer suchen in der Regel Investoren und Plattformen, um ihre neuen Ideen zu präsentieren – und sind darauf angewiesen, schnell zu wachsen und Erfolge vorzuweisen. Für Start-ups ist der Handbremseneffekt sicher gravierender als für ein etabliertes Unternehmen. Beim Swiss Networking Circle und beim Innovation Day haben wir spezielle Angebote, Jungunternehmer einzubinden, und ermöglichen ihnen bevorzugten Zugang. Da der Austausch zwischen Jung und Etabliert in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird, treten Swiss Circle und SwissPropTech in Zukunft vermehrt gemeinsam auf. Dazu heisse ich alle zukunftsorientierten Immobilienentscheider herzlich willkommen! ■

  • «Das Limmattal ist mehr als  eine Alternative zu Zürich»

    «Das Limmattal ist mehr als eine Alternative zu Zürich»

    Vor 6 Jahren wurde die Limmatstadt AG lanciert. Wo sehen Sie Ihre Kernaufgaben als Geschäftsführerin?
    Ich versteh mich als Dienstleisterin und Botschafterin für die gesamte Region von Baden bis Zürich, innerhalb des Limmattals und darüber hinaus. In meinem Job bin ich immer unterwegs und bringe Menschen und Ideen über die Kantonsgrenze hinweg zusammen. Netzwerk ist das A und O. Ich beliefere Standortinteressenten mit Informationen, öffne Türen, bringe mich in Komitees ein oder treibe Projekte voran.

    Welche Meilensteine haben Sie Stand heute erreicht?
    Die Limmatstadt AG hat sich zu einer relevanten Partnerin und regionalen Akteurin etabliert. In den vergangenen Jahren gelang es, wichtige Mitstreiter für die Idee Limmatstadt als vernetzter und starker Lebens- und Wirtschaftsraum zu gewinnen: zunächst Firmen als Aktionäre, zahlreiche Gemeinden als Auftraggeber, dann kam der Planungsverband dazu und verschiedene Netzwerkpartner. Über Publikumsaktien kann sich auch die Bevölkerung beteiligen. Mit dem Aufbau und Betrieb von diversen Kommunikationskanälen – vom Printmagazin «36 km» über das digitale 3D-Limmatstadtmodell bis zum täglichen «punkt4»-Wirtschaftsnewsletter – erreichen wir die Region.

    Welche Ziele werden als Nächstes angegangen?
    Es ist von zentraler Bedeutung, die Kräfte weiter zu bündeln und die Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Sprich: Kooperationen einzugehen, wo es sinnvoll ist sowie den Wert unserer Plattformen und Netzwerke noch deutlicher zu machen, um weitere Gemeinden und Partner zu gewinnen. Wer sich in der Limmatstadt niederlassen will oder eine Projektidee verfolgt, muss wissen, dass er bei uns an der richtigen Adresse ist. Zudem ist Image wichtig im Standortwettbewerb. Hier gilt es, die Vorzüge der Gesamtregion in Szene zu setzen.

    Die Limmatstadt AG hat Anfang 2019 die Funktion der Standortförderung Limmattal, dem damaligen Verein der Zürcher Limmattaler Gemeinden, übernommen. Wie wichtig war dieser Schritt?
    Dieser Schritt war zentral. Die Standortförderung des Vereins hörte an der Kantonsgrenze auf. Unser Wirkungsbereich ist die gesamte Region. Die komplexen Herausforderungen machen nicht an Kantonsgrenzen Halt. Der Auflösung ging ein breit abgestützter Strategieprozess voraus. Die Erkenntnis: Mit der privatwirtschaftlichen Limmatstadt AG ist eine Organisation mit Leistungsausweis vorhanden, deren Aufbau privat finanziert wurde und eine nahtlose Nachfolge sichert. Die Gemeinden haben neu Leistungsvereinbarungen mit uns, sind also unsere Kunden, und profitieren unter dem Strich von wesentlich mehr Leistung für das gleiche Geld.

    «Wer sich in der Limmatstadt niederlassen will, ist bei uns an der richtigen Adresse.»


    Wie beliebt ist das Limmattal punkto Firmenansiedlungen?
    In der Region gibt es über 80’000 Arbeitsplätze, die bis 2040 rund 30 Prozent zunehmen sollen. Aufgrund der regen Bautätigkeit können wir ideal gelegene Flächen insbesondere für Retail und Dienstleistung bieten. Die bevorzugte Lage, die Nähe zu führenden Bildungs- und Forschungseinrichtungen und die gute Erschliessung machen den Standort äusserst attraktiv. Mit der Limmattalbahn erhalten wir einen städtischen Verkehrsträger und noch bessere Verbindungen. Das wird auch Unternehmen anziehen, die bisher das Limmattal nicht auf dem Radar hatten.

    Für wie realistisch halten Sie eine Fusion der Gemeinden Schlieren, Urdorf und Dietikon in den kommenden 15 Jahren?
    Unbestritten ist, dass die Gemeinden in Zukunft die Zusammenarbeit intensivieren müssen, denn Probleme von regionaler Tragweite können von kommunaler Ebene allein kaum bewältigt werden. Aber ich glaube nicht, dass Fusionen in jedem Fall einen Gewinn bringen. Wenn wir die Kleinteiligkeit in unserer Region anschauen, könnte ein Zusammenschluss gerade kleineren Gemeinden durchaus zu mehr Kraft verhelfen. Doch eine Grossfusion halte ich nicht für realistisch. Es gibt aber fusionswillige Gemeinden im Aargauer Limmattal: Die Gemeinde Turgi strebt eine Fusion mit der Stadt Baden an.

    Viele Einwohner fürchten bei einer Fusion um ihre Identität.
    Dieses Argument ist immer schnell zur Hand. Nur weil man sich zu einer politischen Einheit zusammenschliesst, muss die lokale Verankerung nicht verloren gehen. Es kann auch eine neue Zugehörigkeit entstehen. Jede Veränderung birgt Verlust und Gewinn. Die Frage ist, was überwiegt. Mit einem frühzeitigen, offenen Dialog kann es der Politik gelingen, die Bevölkerung abzuholen, zu spüren, wo der Schuh drückt und Chancen aufzeigen. Es braucht auch Mut von einem Gemeinderat, dieses heisse Eisen anzurühren. Wie das Beispiel von Turgi zeigt, kann das durchaus erfolgsversprechend sein.

    Was sagen Sie zum Einwand, dass für eine Limmatstadt die Geschichte und Vergangenheit fehle und das Limmattal deshalb nie eine einheitliche Stadt werden könne?
    Jede Geschichte hat einen Anfang. Wieso kann der Wandel von einer Agglomeration zu einem städtischen Raum nicht im 21. Jahrhundert starten und für kommende Generationen identitätsbildend sein? Ich finde es eher absurd, dass wir uns heute noch an politischen Grenzen orientieren, die über 200 Jahre alt sind. Das Limmattal ist bereits eine räumliche Einheit – verbunden durch die Limmat und eingebettet in Hügelzüge mit Wäldern und Rebbergen. Bald verbindet das Tram die Region und die Menschen noch mehr. Beste Voraussetzungen, damit eine neue Zusammengehörigkeit entstehen kann.

    Die Limmattalbahn ist im Bau. Gerade bei Anwohnern des Limmattals war das Projekt umstritten. Hatten Sie mit dieser Reaktion gerechnet?
    Eine lokale Betroffenheit lässt immer die Emotionen hochgehen. Von der Heftigkeit war ich überrascht. Auch das ist ein Beispiel, wie wichtig es ist, bei regional bedeutsamen Projekten den Dialog eng mit der lokalen Bevölkerung zu führen. In der ersten Kampagne ist das schief gelaufen. Aber in der zweiten Abstimmung sprach sich dann das Limmattal grossmehrheitlich für den Bau aus. Die Limmattalerinnen und Limmattaler haben verstanden, dass eine halbe Limmattalbahn keinen Sinn macht.

    «Es ist ein gutes Zeichen, dass Bund und Kantone an unsere Region glauben und Millionen investieren.»

    Weshalb braucht das Limmattal die Limmattalbahn?
    Die Bahn bedeutet eine langfristige Aufwertung für die ganze Region. Es ist ein Generationenprojekt. Ein Argument lautete immer wieder: Busse tun es auch. Aber ein Bus ist kein Bekenntnis zu einer Region. Die Limmattalbahn, das sind Schienen, die man für die nächsten Jahrzehnte in den Boden verlegt. Jede Haltestelle ist eine Keimzelle, wo Neues entstehen kann. Da, wo ein Tram entlangfährt, entsteht Stadt. Es ist ein gutes Zeichen, dass Bund und Kantone an unsere Region glauben und Millionen investieren.

    Besteht da nicht die Gefahr, dass das Gebiet zu sehr mit Wohnungen, Arbeitsstätten und Strassen zugepflastert wird?
    Im Gegenteil: Die Bahn hilft, das Wachstum zu kanalisieren und bestimmte Orte zu schonen. Deshalb fährt die Limmattalbahn nicht entlang der dörflich geprägten rechten Limmatseite. Das würde Entwicklungs-
    schübe auslösen, die man dort nicht haben will. Die Bahn fährt da entlang, wo heute schon das grösste Potenzial vorhanden ist, wo die meisten Leute leben, wo der Verkehr fliesst und noch brachliegende Grundstücke wie das Dietiker Niderfeld liegen.

    Im Limmattal wird sehr viel gebaut. Schlieren beispielsweise hat sich bereits stark verändert. Auch in Dietikon sind völlig neue Quartiere entstanden. Wird das Baupotenzial bald ausgeschöpft sein?
    Die grossen Limmattaler Industriebrachen sind heute umgenutzt in Stadtquartiere. Künftig geht es mehr um die Entwicklung nach innen. Wir müssen umsichtig mit dem beschränkten Boden umgehen. Letztlich ist das höchst ökologisch. Eine pulsierende und attraktive Stadt braucht eine gewisse Dichte an Menschen, Angeboten und Nutzungen. Auch der Verkehr gehört dazu, der private wie öffentliche. Gerade ein cleveres Veloroutennetz im flachen Talboden kann verstopfte Strassen entlasten. Dieses Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft.

    Kann sich das Limmattal mit dem Glatttal messen?
    Keine Frage, wir sind die beiden attraktivsten Boom-Regionen. Ich beneide die Flughafenregion und ihren Geschäftsführer Christoph Lang um einige Firmen, die wir auch gerne als Steuerzahler hätten. Gleichzeitig bin ich froh, beschäftigt uns die Flughafen-Thematik nicht so intensiv. Als Standort-Organisationen sind wir allerdings unterschiedlich aufgestellt. Die Flughafenregion ist ein sehr erfolgreiches Wirtschaftsnetzwerk mit unzähligen Events rund ums Jahr. Unser Fokus hingegen liegt auch auf der Gesellschaft und Stadtentwicklung.

    Wie tief ist der Gedanke einer «Limmatstadt» in den Köpfen der Limmattaler Bevölkerung verankert?
    Wenn Sie jetzt eine Strassenumfrage machen würden, wäre das Ergebnis wahrscheinlich ernüchternd. Die einen würden sagen, das ist Zürich, die anderen Baden. Und genau darauf bauen wir ja auf: Wir deuten den Begriff Limmatstadt neu und laden ihn positiv auf. Er dient perfekt als Klammer für die Region zwischen zwei starken Polen. Dabei stellen wir das Limmattal nicht an die Ränder von zwei Kantonsgebieten, sondern in deren Zentrum.

    Mit welchen Massnahmen soll diese Wahrnehmung weiter unterstützt werden?
    Indem wir konsequent daran arbeiten, die Region mit all ihren Vorzügen bei der Wohnbevölkerung ebenso wie bei Firmen und Ansiedlungsinteressenten noch besser bekannt zu machen. Dafür brauchen wir alle Gemeinden hinter uns und eine laufend wachsende Trägerschaft. Wir spüren, dass sich unsere Idee immer mehr verankert. In Spreitenbach hat zum Beispiel kürzlich der grösste Coworking Space der Schweiz unter dem Namen «Office LAB Limmatstadt» eröffnet. Der Begriff Limmatstadt soll genau dieses zukunftsgerichtete neue Selbstverständnis nach aussen tragen.

    Wie soll das Limmattal in fünf Jahren von der Bevölkerung wahrgenommen werden?
    Als ein Ort, wo man hingehen will, eine Destination. Das Limmattal ist mehr als eine Alternative zu Zürich. Es soll wahrgenommen werden als selbstbewusste Region, die es geschafft hat, ihr ödes Aggloimage abzustreifen und sich zu einem attraktiven städtischen Raum zu wandeln, der mit seinen Gegensätzen und Eigenheiten immer wieder überrascht. Die Entwicklung des letzten Jahrzehnts ist beneidenswert – auch die Erneuerung. Es könnte auch anders sein: Stillstand oder Abwanderung – das wären Probleme. Wir können uns mit der Dynamik wahnsinnig glücklich schätzen und definitiv positiv in die Zukunft blicken. ■

  • «Grosse Projekte sind immer  schwieriger realisierbar»

    «Grosse Projekte sind immer schwieriger realisierbar»

    Sie sind Politiker und Unternehmer. Ende 2019 haben Sie sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, weshalb?
    Nachdem ich 15 Jahre im Kantonsrat aktiv war und insgesamt 13 Jahre im Gemeinderat, war es an der Zeit, dieses Kapitel zu schliessen. Ich wollte frischen, neuen Kräften Platz machen und wieder mehr Zeit für meine Familie, meine Mitarbeitenden und für neue Projekte haben.

    Als Politiker machen Sie sich beispielsweise für eine S-Bahn-Station Silbern stark oder auch für eine Hochbahn zwischen dem Entwicklungszentrum Niderfeld und dem Gebiet Silbern. Wie bedeutend ist eine solche Verkehrsanbindung für diese Gebiete?
    Eine Verkehrsinfrastruktur ist immer wichtig für eine Region. Das Limmattal hat gute Infrastrukturen, dennoch haben wir noch einige Nadelöhre. Die S-Bahn-Station Silbern könnte eine grosse Entlastung bieten für das Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt und später auch für das Niderfeld. Die geplante Hochbahn zwischen diesen Gebieten wäre natürlich das Nonplusultra – vor allem, wenn die Limmattalbahn danach direkt mit dem neuen Bahnhof verbunden wäre.

    Gibt es bereits Fortschritte zu verzeichnen?
    Leider mahlen in der Politik die Mühlen sehr langsam. Es braucht Geduld und Hartnäckigkeit. Das Anliegen einer Hochbahn ist deponiert. Sie fliesst derzeit auch aktiv in die Planung für das Gebiet Niderfeld ein. Die S-Bahn-Station Silbern ist im kantonalen Richtplan mit einer hohen Dringlichkeit verankert, doch beissen wir auf Bundesebene noch etwas auf Granit. Man ist der Auffassung, dass zuerst das Verkehrsproblem des Nadelöhrs der Bahnverbindung zwischen Zürich und Aarau gelöst werden muss. Aber wir bleiben am Ball.

    Sie führen in vierter Generation das Familienunternehmen, die J. Wiederkehr AG. Wie stark ist Ihr politisches Engagement mit der Vertretung eigener Interessen verbunden?
    Ich habe eine exekutive Tätigkeit immer bewusst ausgeschlossen, um nicht mit den Vorwürfen konfrontiert zu werden, dass ich Politik um meinetwillen mache. Natürlich hilft mir meine politische Erfahrung auch beruflich. Ich weiss, wie gewisse Mechanismen funktionieren. Insofern kommt mir mein politisches Wirken durchaus zugute. Aber dieses Wissen möchte ich im Interesse des Allgemeinwohls einsetzen und nicht, um für mich und meine Firma Profit daraus zu schlagen. Ich setze mich insbesondere auch weiterhin für die Anliegen des Gewerbes und der Hauseigentümer ein.

    Sie sind einer der drei grössten Grundeigentümer des Niderfelds. Wie kam es dazu?
    Der grösste Teil des Landes in unserem Besitz geht auf mindestens drei Generationen zurück. Zusätzlich hatten wir vorüber 30 Jahren die Idee, dort einen Lagerplatz für unser Gerüstbauunternehmen zu erstellen. So kamen weitere Grundstücke hinzu – die Idee liess sich dann aber leider nicht umsetzen, das Land haben wir aber behalten.

    Lässt eine solch riesige Baulandreserve wie das Niderfeld ihr «Bau-Blut» in Wallung geraten?
    Nicht nur. Ich mache mir Sorgen, weil ich feststelle, dass gerade in der Schweiz und im Kanton Zürich grosse Projekte immer schwieriger realisierbar sind. Denken wir nur an das Fussballstadion in der Stadt Zürich oder das Kongresszentrum. Gerade grosse Projekte haben viele Hürden zu überwinden. Die Regelungsdichte ist inzwischen sehr hoch. Solche Regeln sind oft in der Vergangenheit entstanden und nicht sehr hilfreich für die Entwicklung eines neuen Gebietes. Auch hier braucht es Geduld und Hartnäckigkeit, damit am Ende doch einmal etwas Schönes auf dem Niderfeld entsteht.

    Würde man Ihnen freie Hand lassen, welche Vision haben Sie für das Niderfeld?
    Ich hätte es nicht so gemacht, wie es jetzt geplant ist. Dietikon hat bereits sehr viele schöne Naherholungsgebiete. Das Geld hätte ich eher investiert, um die bestehenden Naherholungsgebiete aufzuwerten und besser zu nutzen. Die sehr grosse Parkanlage im Niderfeld später sinnvoll mit Leben zu füllen, wird eine grosse Herausforderung.

    Wie ist der aktuelle Stand des geplanten Projekts?
    Die Planungsarbeiten sind noch immer voll im Gange. Der Quartierplan wurde inzwischen beim Kanton zur Prüfung eingereicht. Wir warten gespannt auf die Rückmeldung. Aber es wird weiterhin ein langer und beschwerlicher Weg bleiben.

    Sind Sie zuversichtlich, dass im Jahr 2028 mit dem Bau begonnen werden kann?
    Ich wage es nicht, eine Jahreszahl zu nennen. Vor einigen Jahren war man noch der Meinung, dass zuerst im Niderfeld gebaut wird und dann die Limmattalbahn kommt. Heute ist es offensichtlich, dass die Limmattalbahn schon lange vor dem Baustart durch das Gebiet fahren wird.

    Wie erlebten Sie den Wandel Dietikons in den letzten zehn Jahren?
    Ich gehe sogar einen Schritt weiter zurück: Als ich in der Schule war, war Dietikon die drittgrösste Stadt im Kanton Zürich mit rund 25’000 Einwohnern. Dietikon hat sich dann über viele Jahrzehnte nicht gross entwickelt. Demgegenüber ist Uster geradezu explodiert. Erst in den letzten Jahren ist Dietikon mit beispielsweise der Entwicklung des Limmatfeldes wieder etwas gewachsen. Aber nach wie vor hat es viele ältere Bausubstanz, die erneuert werden sollte.

    Wie wird Dietikon in fünf Jahren aussehen?
    Innert fünf Jahren wird sich noch nicht allzu viel ändern. Die Limmattalbahn wird sicher fahren. Hoffentlich haben wir bis dann den Verkehr einigermassen im Griff und die flankierenden Massnahmen für den Autoverkehr umgesetzt. Ich persönlich finde es gut, wenn ein Wandel stetig passiert und nicht auf einen Schlag. Was heute gebaut wird, ist in 30 Jahren auch bereits wieder älter. Von daher ist eine regelmässige Konstanz in meinen Augen besser für die Entwicklung einer Gemeinde oder Stadt.

    Weshalb lohnt es sich, in Dietikon zu leben?
    Mir gefallen ganz besonders die Naherholungsgebiete. Selbst wenn man im Zentrum von Dietikon wohnt, ist man in wenigen Minuten an der Limmat, die kilometerlange Spazierwege bietet. Wir haben zudem den wunderschönen Guggenbühl-Wald. Die Naherholungsgebiete sind im Gegensatz zu anderen Regionen auch nicht völlig überlaufen.

    Sie sind Aktionär der Limmatstadt AG. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
    Mich fasziniert, dass die Limmatstadt probiert, den Fokus zu öffnen, das Limmattal breiter zu sehen – über die Kantonsgrenze hinaus. Sie wagt es, einen visionären Blick auf die Region zu werfen. Niemand weiss, wie das Limmattal in 40, 50 Jahren aussehen wird. Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns auch mit solchen Ideen beschäftigen. Ich denke, dass die Limmatstadt eine gute Plattform dafür ist.

    Das Limmattal wird vom Kanton Zürich als Wachstumsregion gesehen. Besteht da nicht die Gefahr, dass das Gebiet zu sehr mit Wohnungen, Arbeitsstätten und Strassen zugepflastert wird?
    Ich glaube, dieses Risiko ist nicht sehr gross. Das Siedlungsgebiet ist im kantonalen Richtplan ausgeschieden. Das kann sich in den nächsten 15 Jahren nicht vergrössern. Die Naherholungsflächen wie auch Grünflächen und Wälder sind ebenfalls ausgeschieden. Ich denke, wir tun gut daran, wenn wir unsere Naturräume entsprechend pflegen und da und dort Aufwertungsmassnahmen durchführen.

    Das Limmattal ist auch stark mit Verkehrsinfrastrukturen belastet. Wie gross ist dieses Problem heute?
    Das ist vielleicht das Schicksal der Täler, dass sie auch häufig eine Verbindungsachse sind. Der Vorteil ist die gute Infrastruktur, die das Limmattal als Wohnort attraktiv macht. Für die Wirtschaft ist diese ebenfalls ein riesiger Vorteil, die aber dennoch Belastungen birgt. Ein gewisser Bedarf an Infrastruktur hat sich aufgestaut. In den letzten Jahren wurde hier zu wenig investiert. Es ist wichtig, dass der Verkehr auf der Autobahn fliesst. Nur so können wir einen Ausweichverkehr durch die Städte und Gemeinden verhindern.

    Wie könnte die Lösung aussehen?
    Die Limmattalbahn wird über eine gewisse Kapazität verfügen und ist sicher ein guter Lösungsansatz. Aber auch der Autobahnausbau Zürich-Bern mit einer zusätzlichen Spur, die Erweiterung des Limmattaler Kreuzes und der Ausbau des Gubrists dürften helfen, den Verkehr auf der Autobahn wieder zum Fliessen zu bringen und den Schleichverkehr durch Gemeinden zu stoppen. Nach wie vor müssen wir dafür kämpfen, dass Dietikon endlich eine brauchbare Umfahrungsmöglichkeit erhält – sei das eine oberirdische Strasse oder ein Tunnel, wie es schon vor Jahrzehnten die Idee gewesen ist. Im kantonalen Richtplan ist eine Umfahrungsstrasse vorgesehen. Nur ist diese schwer realisierbar, weil sie grösstenteils durch bewohntes Gebiet führen würde.

    Für wie realistisch halten Sie es, dass die Öffentlichkeit das Limmattal in den kommenden Jahren als «Limmatstadt» wahrnimmt?
    De Facto ist Dietikon schon seit Jahrzehnten eine Stadt, trotzdem bezeichnen sie viele Bewohner als Dorf. Letztlich ist es eine Wahrnehmungsfrage, ob wir von einer Stadt oder von einem Dorf reden. Für mich ist wichtig, dass sich die Menschen in unserer Region wohlfühlen, sich aktiv einbringen und mithelfen – in den Vereinen wie auch in der Politik. Das ist für mich entscheidender als die Frage, ob das Limmattal ein Dorf oder eine Stadt ist.

    Ihre Heimatstadt ist Dietikon. Eine Stadt, die – so sagen manche – immer ein wenig dazwischen fällt. Dietikon sei zu weit von Zürich und zu weit von Baden entfernt und stehe somit eher für sich allein. Wie sehen Sie das, schafft Dietikon die Integration in die Limmatstadt und wie?
    Grenzregionen sind immer vor besonders schwierige Herausforderungen gestellt. Insofern begrüsse ich die Initiative der Limmatstadt, dass sie die Region grenzübergreifend betrachtet und die Zusammenarbeit über die Kantonsgrenze hinaus fördert. Das Limmattal liegt in zwei verschiedenen Kantonen. Das bringt auch gewisse Chancen, dass man eventuell von den Vorzügen beider Kantone profitieren kann. Was das Einkaufsangebot anbelangt, hat Dietikon seit Jahrzenten einen schweren Stand. Das wird sich wahrscheinlich auch die nächsten Jahrzehnte nicht ändern.

    Wird es nach der Überbauung der letzten grossen Flächen in Dietikon überhaupt noch Raum für grosse neue Projekte geben?
    Ich denke, die nächsten 30 Jahre wird es keinen zusätzlichen Siedlungsraum geben. Im Fokus wird die Verdichtung des bestehenden Siedlungsgebietes stehen. Das sollte für die Bevölkerung so verträglich wie möglich geschehen. Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Leute genügend Platz in ihrer Wohnung oder auch eigene Grünflächen und Privatsphäre schätzen. Hier sehe ich auch eine Chance, dass wir einiges besser und lebenswerter machen können als so manche grosse anonyme Stadt. ■

  • «Wegen der Corona-Krise werden wohl alle Investitionsvorhaben aufs Eis gelegt»

    «Wegen der Corona-Krise werden wohl alle Investitionsvorhaben aufs Eis gelegt»

    Herr Allemann, seit langem ist in der Schweizer Hotellerie ein Strukturwandel im Gang mit Trend zu grösseren Hotelbetrieben. Dennoch verfügen knapp 90 Prozent der Hotelbetriebe über weniger als 55 Betten. Wie begegnen diese Betriebe diesem Wandel?

    Das grösste Problem sind Betriebe mit zehn bis zwanzig Zimmern, die über 15 bis 30 Betten verfügen. Diese Häuser haben Mühe, rentabel zu sein. Viele Kleinbetriebe weisen jedoch einen sehr starken Gastronomieanteil auf, der zum Teil über achtzig Prozent des Umsatzes generiert. Dort zählt die Hotellerie nicht zum Hauptgeschäft.

    Hotelgäste werden immer anspruchsvoller. Wie können die in die Jahre gekommenen Hotels diesem Trend gerecht werden?

    Das ist tatsächlich ein Problem. Wir haben in der Schweiz viele Betriebe, welche Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut worden sind. Diese verfügen oft über weniger als dreissig Zimmer und sind sehr unterhaltsintensiv. Falls sie sich in Destinationen befinden, die heute nicht mehr so attraktiv sind, wie zum Beispiel Transitrouten, ist das ein erschwerender Umstand. Fehlende Frequenzen führen dann automatisch zu Rentabilitätsproblemen und aufgestautem Unterhalt.

    Benötigt der Betrieb eines Hotels hohe Investitionen?

    Ja, denn die Hotellerie ist sehr anlageintensiv. Ein Hotel sollte nach dreissig bis vierzig Jahren vollständig erneuert werden. Je nachdem wie trendorientiert oder traditionell zeitlos sich ein Hotel architektonisch mit seiner Ausstattung im Markt positioniert sind vor allem bei den Zimmern kürzere Erneuerungszyklen notwendig.

    Verfügen die Hotels generell über die nötigen finanziellen Mittel, um die anfallenden Renovationen und Sanierungen vorzunehmen?

    Grundsätzlich sollten die Investitionen aus dem Cash Flow finanziert werden. In den letzten Jahrzehnten wurde dies für viele Betriebe auch wegen der verschiedenen Krisen zunehmend schwierig. Momentan natürlich besonders wegen der Corona-Krise. Im Luxus-Bereich finden sich oft Mäzene, die sich entweder in das Haus oder in die Region verliebt haben und bereit sind, in Hotelimmobilien zu investieren. Die Motivation ihrer Investitionen sehen sie nicht allein betriebswirtschaftlich an, sondern als «A-fonds-perdu-Beitrag. Damit erreichen deren Hotelbetriebe ihre ausserordentliche Positionierung im Markt. Das kritische Segment sehe ich in den Mittelklasse-Hotels, die wegen mangelnder Auslastung oder ungenügender Positionierung die notwendigen Investitionen nicht tätigen oder nur über eine Fremdverschuldung generieren können.

    Unterstützt ihr Verband finanziell die Renovationen von Hotels?

    Nein, dies ist nicht die Aufgabe des Verbandes; wir hätten auch nicht die notwendigen Mittel dazu. Der Verband verfügt über die Angebotskompetenz und unterstützt seine Mitglieder, wettbewerbsfähig zu sein. Wir haben ein Netzwerk von spezialisierten Beratungsunternehmen aufgebaut, das unsere Mitglieder in verschiedensten Themenbereichen unterstützen kann. Ebenso arbeiten wir sehr eng mit der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) zusammen, welche über die spezifische Finanzierungskompetenz verfügt.

    Das heisst?

    Die SGH ist ein Instrument des Bundes zur Förderung der Beherbergungswirtschaft. Sie kann nachrangig zu den Banken und subsidiär zu privaten Geldgebern den Hotels im Fremdenverkehrsgebieten und Kurorten Darlehen für Investitionsvorhaben gewähren.

    Welche weiteren Herausforderungen gilt es anzupacken?

    Nachfolgeregelungen sind bei Betrieben mit Investitionsstau und / oder Überschuldung besonders schwierig. Innerhalb der Familie ist dies praktisch nicht möglich oder den Kindern auch nicht zumutbar. Umnutzungen von Hotelliegenschaften sind seit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative praktisch nicht mehr möglich. Gerade bei denkmalgeschützten Liegenschaften stellt auch ein Abriss keine Option dar. Gesamtsanierungen oder Teilumnutzung sind zudem aufgrund der Auflagen des Denkmalschutzes sehr kostspielig. Bleibt also noch die Hoffnung, einen Mäzen zu finden. Nur stehen diese leider auch nicht gerade vor der Türe. Sofern die Substanz des Hauses aber noch intakt ist und in der Destination ein Potenzial für eine Nachfrage besteht, sehe ich als Alternative aber den Zusammenschluss von mehreren Betrieben zu einer überbetrieblichen Kooperation als Chance aus diesem Dilemma. So können beispielsweise über die Bündelung des Einkaufs Kosten gespart und mit gemeinsamen Marketingaktivitäten mehr Umsatz erzielt werden.

    Was raten Sie einem Hotelier: Renovieren, abreissen oder versuchen, einen Kredit zu erhalten?

    Schauen Sie, ein Kriterium ist die vorhandene Bausubstanz, gerade bei Hotels aus der Jahrhundertwende. Ist jedoch nur noch die Hülle historisch, bietet dieses Hotel für den Gast kaum Anreize, hier abzusteigen. Um ein geschichtsträchtiges Haus am Leben zu erhalten, braucht es viel persönliches Engagement. Zuerst ist es wichtig, sich mit der Zeitepoche des Hotelbaus auseinanderzusetzen. Hierfür ist eine gewisse Affinität zu der Geschichte des Hotels nötig. Diese muss auch erzählt werden. So braucht es jemanden der bereit ist, die Einrichtung des Betriebes sanft und mit viel Fingerspitzengefühl zu renovieren und auf den Stand der heutigen Gästebedürfnisse zu bringen. ■

  • Fugenlose mineralische Beläge in warmen Farbtönen

    Fugenlose mineralische Beläge in warmen Farbtönen

    Die Emilio Stecher AG hat eine neue, innovative Ausstellung für den Innenausbau eröffnet. Neben ihren bekannten in- und ausländischen Natursteinen zeigen sie heute auch Keramik- und Kunststeine. Was mich aber besonders fasziniert, sind die fugenlosen mineralischen Beläge, welche in der wohnlichen Atmosphäre durch die warmen Farbtöne besonders ins Auge stechen. So ein neues Produkt zu zeigen, ist doch für eine traditionelle Natursteinfirma eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

    Mein Sohn Emilio junior, die vierte Generation unseres Unternehmens, absolvierte im italienischen Sassuolo in der Bauchemiefirma Kerakoll ein Stage. Diese Firma zeichnet sich mit ihrem Green Label besonders für ökologische Produkte aus. Ihr CEO und Besitzer in der Person von Gianluca Sghedoni war bereits zweimal Unternehmer des Jahres in Italien. Emilio erzählte mir dann mit Begeisterung von «Kerakoll Design House».

    Weshalb haben Sie ihrem Sohn zugestimmt und die fertigen Pläne Ihrer Ausstellung nochmals komplett auf den Kopf gestellt?

    Eigentlich handelt es sich ja nicht um einen klassischen Stein. Ich fuhr dann mit meinem Projektleiter Luigi Gioiello, welcher für diese Ausstellung federführend war, nach Modena, um speziell diese faszinierende Ausstellung zu besichtigen. Herr Gioiello konzipierte die Ausstellung aus seiner grossen Erfahrung genau mit den Architektenwünschen, welche er tagtäglich berät. Die Verantwortlichen der Kerakoll erklärten uns die Philosphie und die ganze 10-jährige Entwicklungszeit: Die Atmosphäre der Warm Collection ist das Ergebnis einer exklusiven und ausgeklügelten Forschung über Texturen, Oberflächen und Farben im unverkennbaren Stil des Stararchitekten und Designers Piero Lissoni. Herr Gioiello war begeistert. Es war das i-Tüpfelchen, welches eigentlich in seinem fertigen Konzept noch fehlte. Gerne zeichnete er nochmals alles um und integrierte dieses hervorragende Produkt in perfekter Harmonie mit unseren traditionellen Steinen.

    Ich sehe aber auch Strukturen und verschiedene Oberflächenbearbeitungen. Wie verhält es sich damit?

    Es ist richtig, es handelt sich auch um glatte Schichten wie Seide hin zu unregelmässigen, natürlich gekörnten Oberflächen. Und schliesslich ist es auch eine garantierte visuelle Erfahrung: von den mineralischen Maserungen zu der Erlesenheit des klassischen «Handmade» des Verarbeiters bis zu den Reaktionseffekten des Lichts, welches eine faszinierende und elegante Atmosphäre kreiert.

    Kann «Kerakoll Design House» überall, also im Nass- und Trockenbereich bei Neu- und Umbauten angewendet werden?

    Es ist ein klassisches Produkt für den exklusiven Innenausbau. Da es je nach Produkt von 2-3.5 mm aufträgt, ist es die ideale Lösung im Umbaubereich. Bestehende gesunde Oberflächen können damit überzogen werden. Gerade für Bauten aus den 60er- oder 70er-Jahren, welche oftmals mit Plättli ausgestattet waren, welche mit asbest-
    haltigen Bauklebern versetzt wurden, entfällt so ein mühsames Herausspitzen und Entsorgen mit spezieller Kontaminierung. Der dünne Auftrag und das anschliessend fugenlose Erscheinungsbild lassen komplett neue Räume in topmodernem Outfit entstehen. Genial ist, dass auch Nassräume ausgestattet werden können. Der Traum jedes Architekten, Räume oder Badezimmer fugenlos zu gestalten, lässt sich hier realisieren. «Kerakoll Design House» ist ein Produkt, das auch unsere Natursteine integriert und somit innovativ kombiniert werden können. Ein neuer Interior-Designstil ist geboren.

    Ist die Verarbeitung anspruchsvoll und teuer und welche Handwerker führen dies aus?

    Tatsächlich handelt es sich nicht um ein Produkt, welches preisbedingt verkauft wird. Generell wird das Produkt von versierten Stukateuren, Gipsern oder speziell ausgebildeten Malern angewendet.

    Was können Sie nach rund vier Jahren für eine Bilanz mit erfolgreich ausgeführten Objekten ziehen? Was sagen Ihre Kunden, Architekten und Anwender dazu? Wurde Ihr Konzept der integrierten Ausstellung verstanden? Genügen die lediglich 10 Farben des «Kerakoll Design House» für die hohen Ansprüche der heutigen anspruchsvollen Kundschaft?

    Wir erhalten eine sehr gute Resonanz von unseren Kunden und Besuchern. Dazu trägt auch unsere ausgezeichnete Beratung bei, welche wirklich auch fachkompetent ist, und dies schätzen die Besucher sehr. Die 10 warmen und ansprechenden Farben sind ein umfassendes Designprojekt, welche eben auch mit verschiedenen Oberflächenbearbeitungen kombiniert werden können. Die verschiedenen Produkte wie «Cementoresina», «Cementoex», «Cementocrudo», zusätzlich durchgehende Microresina Wandflächen, welche Wallcrete, Wallpaper und Microresina Wall und dank der individuellen Handschrift der Anwender noch besondere Noten tragen, wirkt das Produkt nie langweilig. Im Gegenteil, die zusätzlichen dekorativen Anstriche wie Paint, Patina, Decor bis zur Sockelleiste Invisible verleihen riesige Kombinationsmöglichkeiten, welche aber in der Farbpalette «Warm Collection» perfekt abgestimmt sind. Dies führt eben zu einem Gesamtkunstwerk, welches die Handschrift von Pie-
    ro Lissoni trägt und vom sehr versierten Stucka-
    teur Herr Antonio Pungitore (der auf eine langjährige Erfahrung von Restaurations- und Stuckateur-
    Arbeiten zurückblicken kann) bei unseren Kunden hervorragend umgesetzt wurde. Trotzdem ist jedes Objekt individuell und konnte immer wieder nach dem Geschmack des Kunden kombiniert werden. ■

    Emilio Stecher

  • Andreas Zettel: «Das neue Raumplanungsgesetz erfordert ein aktives Management der Entwicklungsschwerpunkte»

    Andreas Zettel: «Das neue Raumplanungsgesetz erfordert ein aktives Management der Entwicklungsschwerpunkte»

    Herr Zettel, der Kanton Luzern, alle Luzerner Gemeinden sowie Netzwerkpartner aus Wirtschaft und Industrie engagieren sich finanziell und ideell für einen wachsenden Wirtschafts- und Wohnstandort Luzern. Wie beurteilen Sie deren Erfolg?
    Wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken, beobachten wir eine dynamische Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Luzern. In den Jahren 2012 bis 2017 ist die Anzahl Unternehmen und Arbeitsplätze im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich gewachsen. Im erwähnten Zeitraum sind kantonsweit über 2 000 Unternehmen und über 15 000 Arbeitsplätze entstanden. Das ist ein nationaler Spitzenwert. Die gemeinsamen Anstrengungen haben sich also gelohnt. Auch letztes Jahr hat der Firmenbestand wiederum um über drei Prozent zugenommen.

    Was macht den Kanton Luzern denn besonders attraktiv?
    Ich würde die attraktive Kombination verschiedener Standortfaktoren in den Vordergrund rücken. Sie macht letztlich die Standortqualität aus. Nebst den stimmigen harten Faktoren wie tiefe Steuern, Verfügbarkeit von Arbeitskräften oder die gute Erreichbarkeit, ist der Kanton Luzern auch landschaftlich reizvoll und kulturell spannend. Jährlich besuchen viele Touristen die Region Luzern. Von den touristi-
    schen Angeboten profitiert direkt auch die lokale Bevölkerung.

    Zurück zu den harten Fakten. Gibt es noch Flächen, welche für Firmenansiedlungen und Unternehmensentwicklungen zur Verfügung stehen?
    In der Tat hat sich der Markt in den letzten Jahren stark verändert. Die Verfügbarkeit von Baulandgrundstücken und entwickelten Arbeitsflächen ist eine zentrale Herausforderung der Zukunft. Das neue Raumplanungsgesetz gibt enge Grenzen vor. So sind Einzonungen nur noch unter bestimmten Bedingungen möglich. Folglich liegt der Fokus zukünftig klar in der Entwicklung nach Innen und auf die bessere Ausnützung von Flächen. Das betrifft in hohem Ausmass auch die Unternehmen, insbesondere das lokale KMU-Gewerbe. Namentlich die Immobilienwirtschaft ist gefordert, neue, attraktive und bezahlbare Angebote zu schaffen für diese Betriebe.

    Wo sehen Sie örtlich die Möglichkeiten für Neuansiedlungen?
    In den neuen Stadtzentren LuzernSüd und LuzernNord sind attraktive neue Flächen am entstehen. Im Zentrum der Stadt Luzern ist die Entwicklung räumlich limitiert, das heisst, hier erfolgt die Entwicklung im Rahmen von Arealentwicklungen, welche die letzten Baulücken füllen und sich in die bestehende Stadt eingliedern müssen. Aus regionaler Optik bedeutet dies, dass sich die Stadt Luzern als funktionaler Raum ausdehnt und neue, attraktive Stadtzentren in den umliegenden Gemeinden entstehen, welche hervorragend erschlossen sind und eine neue urbane Qualität bieten können. Persönlich sorge ich mich etwas um die reinen Arbeitszonen, diese wurden im Zuge der Innenentwicklung häufig einer anderen Nutzung zugeführt, ohne dass Ersatz entstanden ist. Diese Flächen fehlen dann dem Gewerbe.

    Also sind diese Flächen ein knappes Gut?
    Nun, dieser Eindruck kann tatsächlich entstehen. Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf, dass es im Kanton Luzern noch eine beträchtliche Anzahl von Grundstücken gibt, welche eingezont, aber noch nicht entwickelt sind. Hier ist die Frage, ob die Grundeigentümer überhaupt entwickeln möchten. Wir stellen eine gewisse Tendenz zur Baulandhortung fest, was klar nicht in unserem Sinne ist. Manchmal fehlt es aber nicht nur am Willen, sondern auch einfach am Wissen, wie man diese Flächen entwickeln könnte. Vor allem die Filetstücke müssen sehr clever und nachhaltig entwickelt werden, damit auch die nächste Generation maximal davon profitieren kann.

    Wie sieht die Entwicklungsstrategie im Kanton Luzern aus?
    Im aktuellen Richtplan wurden zwölf sogenannte kantonale Entwicklungsschwerpunkte (kurz ESP) definiert. Dabei handelt es sich um grossflächige Arbeitsplatzgebiete an gut erschlossenen Standorten. Dabei wird eine eine qualitative Entwicklung angestrebt, wobei insbesondere auch die Abstimmung von Siedlung und Verkehr eine wichtige Rolle spielt. Die ESP sind ein zentrales Element der Luzerner Standortpolitik und ein wichtiges Instrument der gemeinsamen Wirtschaftsförderung von Kanton und Gemeinden.

    Wo befinden sich diese Entwicklungsschwerpunkte?
    Sie orientieren sich aufgrund der wirtschaftlichen Potenziale an den Hauptverkehrsachsen des Kantons Luzern. Hauptsächlich befinden sie sich an gut erschlossenen Lagen, welche verkehrstechnisch gut liegen, mit dem Auto, aber auch mit dem ÖV.

    Wie ist der Stand dieser Entwicklungsschwerpunkte?
    Sehr unterschiedlich. Während etwa in der Stadtregion Luzern die bereits erwähnten Gebiete LuzernSüd und LuzernNord relativ weit fortgeschritten und bereits in der Umsetzung sind, besteht beispielsweise in den beiden Regionalzentren Hochdorf oder Willisau ein erhebliches Nachholpotenzial. Diese Gebiete sind es, welche in den nächsten Jahren vermehrt in den Fokus von Investoren und Entwicklern rücken werden.

    Wo kann man sich über die einzelnen Entwicklungsschwerpunkte informieren?
    Investoren und interessierte Unternehmen können sich bei uns melden, denn wir haben eine gute Übersicht über den Stand dieser Gebiete und kennen sämtliche Ansprechpartner. Zentral für die Entwicklung dieser ESP sind nebst den Standortgemeinden auch die vier regionalen Entwicklungsträger im Kanton Luzern. Das heisst LuzernPlus, Sursee-Mittelland, Region Luzern West und Idee Seetal. Das positive Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft ist ein Kernelement unserer gemeinsamen Wirtschaftspolitik. Dieses wollen wir weiter verbessern. ■

  • Walter Ineichen: «Integrale Energielösungen  steigern die Attraktivität von Immobilien»

    Walter Ineichen: «Integrale Energielösungen steigern die Attraktivität von Immobilien»

    Wofür steht Energie 360°?
    Die Energie 360° AG gehört zu rund 96 Prozent der Stadt Zürich und bringt Wärme, Kälte, Strom sowie Mobilität zu integralen Energielösungen zusammen und macht nachhaltige Energie in der gesamten Schweiz nutzbar. Die Kunden wollten zunehmend Wärme statt Gas kaufen, weshalb wir uns nach und nach neu ausrichteten. Ein Meilenstein war sicherlich das Ja der Stadt Zürich zur 2000-Watt-Gesellschaft im Jahr 2008. Seit 2014 sind wir unter dem neuen Namen Energie 360° aktiv. Heute versorgen wir die Stadt Zürich sowie rund 40 Gemeinden mit immer mehr erneuerbarem Biogas und erneuerbaren Energieverbünden. Zudem entwickeln wir für Neubau-Areale zusammen mit den Bauherren individuelle und integrale Energielösungen.

    Welches sind Ihre Hauptkunden?
    Wir arbeiten vor allem mit Gemeinden, Investoren, Bauherren sowie Architekten und Arealentwicklern zusammen. Bei Wohnbauprojekten kommen wir in der Regel ab 50 geplanten Wohnungen ins Spiel.

    Aus welchen Quellen stammt die Energie, die Sie anbieten?
    In der Stadt Zürich liefern in erster Priorität die Kehrichtheizkraftwerke Hagenholz und Josefstrasse Abwärme, welche in Form von 90 bis 120 Grad heissem Wasser über ein Leitungsnetz direkt in die Gebäude gelangt. Wo diese Energie nicht genutzt werden kann, greifen wir auf Umweltenergie wie Grund- oder Seewasser zurück. Weitere Quellen für Energieverbünde sind Holzschnitzel und Holzpellets. Für dezentrale Lösungen setzen wir oft Erdsonden- und Luftwärmepumpen ein.

    «Ölheizungen wird man eines Tages nicht mehr ersetzen dürfen»

    Warum sollen sich Kunden für eine nachhaltige Energielösung entscheiden und nicht auf eine vielleicht günstigere, «herkömmliche» Energieversorgung setzen?
    Wenn man es hart auf hart vergleicht, ist die fossile Energielösung kurzfristig gesehen aktuell oft noch günstiger. Eine Ölheizung zu ersetzen, kostet fast nichts, die CO2-Abgabe ist mit 95 Franken pro Tonne noch niedrig. Aber die CO2-Abgabe soll auf 210 Franken pro Tonne erhöht werden, und weitere verstärkte Anforderungen werden mit der Umsetzung der «Mustervorschriften» der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) erfolgen. Ölheizungen wird man eines Tages nicht mehr ersetzen dürfen, und der Preis für Öl und Gas schwankt stark.

    Wie unterscheidet sich Energie 360° von den Schwesterfirmen wie dem EWZ, ERZ und EKZ?
    Jedes Unternehmen ist ein Marktplayer, der ähnliche Segmente bedient, aber dennoch eine spezifische Ausrichtung hat. Wir fokussieren uns bei Energie 360° auf innovative, integrale und langfristige Energie- und Mobilitätslösungen, die individuell für die Bedürfnisse des Kunden entwickelt werden.

    Was verstehen Sie unter einer integralen Energielösung?
    Hier geht es darum, Synergien optimal zu nutzen. Idealerweise werden wir bei Bauprojekten schon in einer sehr frühen Phase hinzugezogen. Dann klären wir mit dem Bauherrn bzw. dem Investor die langfristigen Nutzungsabsichten und die Anforderungen an Wärme-, Kälte-, Strom- und Mobilitätsinfrastruktur ab. Diese Sektoren können bei einer integralen Energielösung optimal gekoppelt werden. Ebenfalls wichtig ist, ob eine spätere Umnutzung des Areals vorgesehen ist. Dazu bringen wir die Anforderungen des Bauherrn an Wirtschaftlichkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit in Erfahrung. Neubauten sollen für 50 oder sogar 100 Jahre genutzt werden können, weshalb sich bereits heute ein Bau gemäss den Leitlinien der Energiestrategie 2050 lohnt.

    «Von einer integralen Energielösung profitiert der Bauherr wie auch der Mieter»

    Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, wie eine solche integrale Energielösung aussehen kann?
    Wir haben zum Beispiel für das Areal Stockacker in Reinach (BL), welches vier Mehrfamilienhäuser und insgesamt 77 Wohnungen umfasst, eine integrale Energielösung entwickelt. Sie beinhaltet Wärme, Kälte, Strom, Elektromobilität sowie Smart Solutions. Mit der Photovoltaikanlage werden die Wärmepumpen für die Erdsonden betrieben. Das Erdreich liefert damit die Energie zum Heizen. Über die Bodenheizung entziehen wir den Räumen im Sommer wiederum Wärme, welche wir den Erdsonden zuführen – das sogenannte Free Cooling. Die Erdsonden können sich dadurch regenerieren und die Bewohner profitieren gleichzeitig von einer leichten Abkühlung der Wohnräume. In der Garage werden wir bei 16 der 80 Parkplätze Ladestationen für Elektroautos installieren, welche über Solarstrom geladen werden. Nach Bedarf können später weitere Ladestationen hinzukommen.

    Wie profitieren die Bewohner und der Bauherr konkret von dieser Lösung?
    Die Bewohner bezahlen weniger für den Strom als bei einer konventionellen Energielösung, während der Bauherr von einer hohen Versorgungssicherheit und tieferen Investitionskosten profitiert. Ausserdem ist unsere Lösung sehr preisstabil und ökologisch: Wir konnten beispielsweise Erdsonden einsparen. Eine Erdsonde ist immer mit Bohrungen und Ölverbrauch verbunden – sogenannte graue Energie. Zudem ist ein Batterieraum geplant, für welchen wir Second-Life-Batterien, also solche, die nicht mehr hinreichend geladen werden können und somit für Elektroautos nicht mehr taugen, verwenden werden. Diese Batterien werden tagsüber per Solarstrom geladen und stehen dann abends, wenn viel Strom verbraucht wird, zur Verfügung.

    Elektroautos sind stark im Kommen. Wie sehen Sie die Durchsetzungskraft dieser Mobilitätsform?
    Elektroautos sind sicherlich eine Lösung unter anderen. Aber sie ist extrem spannend, da wir dezentral Solarstrom für die Elektromobilität nutzen können. Wenn man mit Methanol, Wasserstoff oder Gas tanken würde, wäre eine Versorgung auf dem eigenen Areal nicht so einfach möglich.

    «Wir müssen schon heute für die nächsten 30 Jahre vorausdenken»

    Wie lauten Ihre Empfehlungen für Neubauprojekte: Wie viele Ladesta-
    tionen sollten prozentual in einer Einstellhalle bereitgestellt werden?

    Wir orientieren uns an der Empfehlung der SIA 2060, welche eine erste vollständige Ausrüstung von 20 Prozent empfiehlt. Unsere Lösung sieht jedoch vor, dass mittel- bis langfristig ein Grossteil der Parkplätze ohne grosse Mehrkosten elektrisch erschlossen werden kann.

    Welche Herausforderungen bringt die Elektromobilität in diesem Zusammenhang mit sich?
    Wir müssen bei Neubauprojekten bereits heute die Installationen so berücksichtigen, dass der Bedarf der nächsten 30 Jahre gedeckt werden kann. Über Stromschienen definieren wir die Grundversorgung einer Einstellhalle und rüsten danach Ladestationen nach Bedarf auf. Wir müssen uns aber immer überlegen, wie viele Reserven wir einplanen müssen und wie viel Mobilität tatsächlich dezentral geladen werden kann, bis die Kapazität des Netzanschlusses erreicht ist. Auch der Netzbetreiber wird mit immer mehr Herausforderungen bezüglich Lastenmanagement konfrontiert.

    Wie sieht Ihre Lösung hierfür aus?
    Wir versuchen mit dezentraler Solarstromproduktion und aktivem Lastenmanagement der grossen Stromverbraucher wie den Wärmepumpen oder den Elektrofahrzeugen, die Stromspitzen zu reduzieren. Mittelfristig könnten die Elektrofahrzeuge mittels bidirektionalem Laden zu Zeiten, in denen die Bewohner besonders viel Strom verbrauchen, ebenfalls für die Stromversorgung zur Verfügung stehen. Dadurch muss das Areal nicht auf das Stromnetz zurückgreifen, sondern kann sich einen gewissen Prozentsatz Energie aus den einzelnen Elektroautos ziehen, welche tagsüber wieder mit Solarstrom geladen werden.

    Dann entlädt sich ja aber das Auto?
    Wir sprechen hier lediglich von 10 bis 20 Prozent, die einem Auto im Falle einer Energieknappheit entzogen würden. Der Autobesitzer würde natürlich auch davon profitieren und eine Entschädigung erhalten. Ausserdem kommen hier intelligente Interaktionen zum Zuge: Ein Autolenker wird mit Hilfe einer App definieren können, welcher Ladestand sein Auto jeweils am nächsten Morgen aufweisen muss. Man muss auch bedenken, dass das Auto nicht nur zu Hause geladen wird, sondern auch beim Arbeitgeber. Zudem gibt es bereits viele öffentliche Ladestationen. Unsere Tochterfirma «GOFAST» stellt beispielsweise Schnell-Ladestationen an Raststätten zur Verfügung, welche bei längeren Fahrten ebenfalls genutzt werden können.

    «Die Energiewende ist ein europäisches Gesamtprojekt»

    Das heisst, dass die Digitalisierung auch bei integralen Energielösungen immer wichtiger wird?
    Genau. Um nochmals auf das Areal Stockacker zurückzukommen: Mit Hilfe der Lösung unserer Tochterfirma Smart Energy Link (SEL) können wir Bewohnern beispielsweise per App einen günstigen Solartarif anbieten, welchen sie für das Heizen des Backofens oder für das Trocknen der Wäsche verwenden können. Wenn tagsüber viel Strom zur Verfügung steht, kann dieser günstiger genutzt werden. Zudem rüsten wir heute immer mehr Anlagen mit Sensoren aus. So sehen wir, wenn die Energieversorgung irgendwo ins Stocken gerät und können reagieren, bevor es zu einem Ausfall kommt.

    Und noch ein Blick in die Zukunft: Schaffen wir die Energiewende?
    Irgendwann werden wir sicher zu 100 Prozent erneuerbare Energie verwenden, weil es auch ökonomisch sinnvoll ist. Grundsätzlich gilt: Je schneller, desto besser. Wir können natürlich versuchen, die Kunden von einer nachhaltigen Energielösung zu überzeugen, aber um die Wende zu schaffen, müssen alle an einem Strang ziehen. So müssen auf Gesetzesebene alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, es braucht langfristig denkende Investoren und innovative Lösungsanbieter. Hilfreich ist sicher auch, dass fossile Energielösungen entsprechend den Kosten verteuert werden. Die Energiewende wird am Ende ein europäisches und globales Zusammenspiel sein. Sie ist ein Gesamtprojekt. ■

  • Michèle Graber: «Es ist ein Gebot der Stunde,  die weitere Zersiedelung zu verhindern»

    Michèle Graber: «Es ist ein Gebot der Stunde, die weitere Zersiedelung zu verhindern»

    Frau Graber, herzliche Gratulation zur Wahl zur Präsidentin von LuzernPlus. Was hat Sie bewogen, sich für das Amt zur Wahl zu stellen?
    Vielen Dank. Warum ich mich zur Wahl gestellt habe? Es waren die spannenden Herausforderungen, die mich gereizt haben. Ich möchte mich gerne vermehrt direkt für die prosperierende Weiterentwicklung unserer wunderschönen Region Luzern einsetzen.

    Wurden Sie für dieses Amt angefragt oder haben Sie sich hierfür «beworben»?
    Die interne Findungskommission für die Nachfolge von Pius Zängerle hat mich für das Amt angefragt. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Nach verschiedenen Gesprächsrunden bei der Findungskommission und dem Vorstand wurde ich schliesslich als Kandidatin der Delegiertenversammlung vorgeschlagen und einstimmig gewählt.

    Was sind Ihre Hauptaufgaben als Präsidentin?
    Das Präsidium von LuzernPlus ist für die strategische Führung des Gemeindeverbandes zuständig. Dazu werde ich vom Vorstand unterstützt. Auf operativer Ebene kann ich mich auf ein eingespieltes Team in der Geschäftsstelle verlassen.

    Seit dem 1. Januar 2020 präsidieren Sie den Gemeindeverband LuzernPlus. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten und Schwerpunkte?
    Die ersten Wochen möchte ich dazu nutzen, um mir einen guten Überblick zu verschaffen. Grundsätzlich ist es mir sehr wichtig, den regelmässigen Austausch mit unseren Gemeinden und Partnern zu pflegen und so für alle ein offenes Ohr zu haben. Als zentralen Punkt für unsere Region erachte ich die Weiterentwicklung des Durchgangsbahnhofs. Das ist aus meiner Sicht das wichtigste Infrastrukturprojekt der Region LuzernPlus für diese Generation.

    Es ist zu lesen, dass Sie als Kantonsrätin und Geschäftsführerin der GLP über grosse politische und strategische Erfahrung verfügen und gewohnt sind, im politischen Prozess geeignete Lösungen zu finden. Was heisst geeignete Lösungen?
    Ich vertrete seit mehreren Jahren die GLP im Luzerner Kantonsrat. Als Fraktionsvorsitzende einer kleinen Partei bin ich gefordert, Lösungen über die eigene Partei hinaus zu fördern. Für mich steht immer die Sache im Zentrum.

    Als Präsidentin möchten Sie die Siedlungs-, Landschafts- und Verkehrsentwicklung in der Region gemeinsam mit den 24 Gemeinden anpacken und damit zur Attraktivität der Region LuzernPlus beitragen. Wo setzen Sie hier die Prioritäten?
    Die Abstimmung von Siedlung und Verkehr ist ein zentraler Baustein unserer Entwicklung. Dazu gehört die Förderung von flächeneffizienten Verkehrsmitteln im urbanen Raum. Es ist ein Gebot der Stunde, die weitere Zersiedelung zu verhindern und beispielsweise die Zentren mit der Versorgung zu stärken. Das ist gelebter Klimaschutz. Als einen sehr wichtigen Teil in der Gestaltung von verdichteten Siedlungsgebieten erachte ich die Erhaltung und Erstellung von hochwertigen Angeboten an multifunktionalen Flächen, grosszügigen Begegnungszonen und attraktiven Grünanlagen.

    Sie sprechen auch von gemeindeübergreifenden Themen. Will heissen?
    Besonders die Fragen der Mobilität und der Energieversorgung enden nicht an den Gemeindegrenzen. LuzernPlus möchte diese Synergien noch stärker in den Vordergrund rücken. Hier sind wir alle gemeinsam gefordert.

    Ihr Vorgänger, Pius Zängerle sagte, dass das enorme Potenzial der Region LuzernPlus nur durch eine zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen den 24 Gemeinden möglich ist. Ist das nicht eine Herkulesaufgabe?
    Das ist wahrlich eine grosse Herausforderung. Ich glaube aber, dass LuzernPlus bisher verschiedene wichtige Meilensteine setzen konnte. So sind zum Beispiel die Gebietsmanagements, welche die Nahtstelle zwischen den Gemeinden, dem Kanton, der Wirtschaftsförderung und den Investoren bilden, schweizweit einzigartig. Wir werden die Gemeinden weiterhin unterstützen, Projekte gemeinsam zu entwickeln. Auf diesem Weg möchte ich gerne weiterfahren.

    Wie stark können Sie die Strategie respektive den Kurs von LuzernPlus prägen, beziehungsweise umsetzen?
    Ich möchte gerne meine Funktion dazu nutzen, die Gemeinsamkeiten herauszuschälen und diese Stärken zu stärken. Nur gemeinsam können wir den grossen zukünftigen Herausforderungen entgegentreten und gute Lösungen erarbeiten.

    Welches sind die Gemeinsamkeiten und was bedeutet es, diese herauszuschälen und zu stärken?
    Die Region LuzernPlus steht gemeinsam für die Realisierung des Durchgangsbahnhofs Luzern ein. Dieser bringt für die kommende Generation einen Meilenstein in der schienengebundenen Mobilität: einerseits für den Fernverkehr, andererseits aber auch für die S-Bahn Luzern. So wird die dringend notwendige Taktverdichtung im Regionalverkehr erst mit dem Durchgangsbahnhof Luzern möglich sein.

    Auch wollen Sie in Ihrem Amt zur Attraktivität der Region beitragen. Das ist ein allgemeiner Begriff. Können Sie etwas konkreter werden?
    Unsere Region bietet nicht nur das «Touristen-Luzern », wie es den meisten bekannt ist. Zu einer attraktiven Region gehören ausserdem eine nachhaltige Energieversorgung, vielfältige Freizeitmöglichkeiten und ein attraktives Kultur- und Sportangebot. Gerade was die Naherholung auch für uns Einheimische betrifft, sind wir sicherlich gut unterwegs – aber wir dürfen hier nicht stehen bleiben.

    Für Armin Camenzind, Geschäftsführer von LuzernPlus, zählt die Mobilität zu einem bedeutenden Standortfaktor, denn die Standortattraktivität hängt massgeblich von der Erreichbarkeit ab. Wie ist diese zu bewerkstelligen respektive was heisst optimale Erreichbarkeit?
    Die Erreichbarkeit unserer Region muss mit allen Verkehrsträgern möglich bleiben. Dazu gehört der Durchgangsbahnhof, aber auch das Gesamtsystem Bypass, welcher für das Strassennetz eine merkliche Entlastung geben dürfte. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Grossteil des öffentlichen Verkehrs auf der Strasse stattfindet. Hier hat für mich die konsequente Bevorzugung des Busverkehrs eine hohe Priorität. Als passionierte Velofahrerin ist aber ebenso die Nutzung des Velos wichtig. Das Miteinander von ÖV, dem motorisierten Individual- und Langsamverkehr macht es aus.

    Als Kantonsrätin der GLP machen Sie sich stark für eine gesunde Umwelt und florierende Wirtschaft und möchten diese in Einklang bringen. Sie bezeichnen diese als Lebensgrundlagen von morgen. Wie wollen Sie diese Bereiche unter einen Hut bringen?
    Die beiden Begriffe sind keineswegs Gegensätze: Energiestrategie, Klimaschutz und CO2-Gesetze bieten grosse Chancen für unsere Wirtschaft. Diese können durch wirksame und sozialverträgliche Lenkungsmassnahmen rasch und effizient genutzt werden. Damit werden viele Subventionen und Regulierungen überflüssig. Umweltbewusstes Handeln muss und kann sich für Unternehmen lohnen.

    Was heisst umweltbewusstes Handeln muss und kann sich für Unternehmen lohnen?
    Immer noch verschwenden wir sehr viel Energie, weil sie zu wenig kostet. Dabei ist die wertvollste Kilowattstunde diejenige, welche nicht verbraucht wird, denn diese muss nicht produziert, transportiert und gespeichert werden. Mit einem verursachergerechten Energiepreis würden Energieeffizienzmassnahmen endlich rentabel und längst vorhandene Cleantech-Lösungen würden umgesetzt. Investitionen in erneuerbare Energie sind bei einer Vollkostenrechnung der fossilen und atomaren Energie schon heute wirtschaftlich überlegen und lohnen sich. Auch der dringend nötige Umstieg auf eine umweltfreundliche Mobilität wird mit den richtigen Anreizen rasch folgen. Der Mensch und die Wirtschaft funktionieren nun mal so, dass er nur etwas ändert, wenn es sich für ihn lohnt.

    «Wir verschwenden sehr viel Energie, weil sie zu wenig kostet.»

    Sie führen unter anderem eine eigene Firma für Managementberatung. Wie gross wird Ihr Arbeitspensum als Präsidentin von LuzernPlus sein?
    Das Pensum als Präsidentin liegt bei knapp zwanzig Prozent, wobei sicherlich die erste Phase ein deutliches Mehr an Arbeit bringen wird. Ich freue mich auf mein neues Engagement.

    Worauf freuen Sie sich am meisten?
    Es sind die vielen neuen Themen, in welche ich mich am Einlesen bin. Sie sind sehr spannend. Dass LuzernPlus vernetzt, spüre ich bei der Lektüre der verschiedenen Dossiers immer wieder.

    Apropos Engagement: Sie sind seit 1997 Vorstandsmitglied der Fallschirmgruppe Titlis und seit 2013 deren Präsidentin. Wie sind Sie zum Fallschirmspringen gekommen und was bedeutet Ihnen dieser Sport?
    Zur Erstkommunion habe ich von meinem Götti – er war Flugbegleiter bei der damaligen Swissair – einen Flug von Zürich nach Genf geschenkt bekommen. Schon damals wäre ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen, um auf den Wolken spazieren zu können. Als Zwanzigjährige habe ich meinen ersten Fallschirmsprung verwirklicht. Fasst dreissig Jahre lang habe ich meine Passion für das Fallschirmspringen gelebt. Dies zum Teil sehr intensiv als Wettkämpferin und Fallschirmsprunglehrerin. Nur «auf den Wolken spazieren zu können» hat nicht geklappt (lacht).

    Zählt Fallschirmspringen – nebst Biken und Langlaufen – noch heute zu Ihren Hobbys?
    Nein, das aktive Springen habe ich aufgegeben. Mein letzter Sprung war vor eineinhalb Jahren.

    Oft hört man von Fallschirmspringern, dass es das Gefühl der absoluten Freiheit, der Adrenalinkick und Nervenkitzel ist, was die Faszination ausmacht. Ist dem so?
    Die grosse Faszination waren für mich die freien, aber auch sehr kontrollierten Bewegungen im dreidimensionalen Raum. Als Fallschirmsprunginstruktorin ist es sehr bereichernd, den Lernenden ihre Angst vor dem Neuen zu nehmen und ihnen das Vertrauen zu geben, dass sie die Extremsituationen sicher meistern können. Der Nervenkitzel und Adrenalinkick wechseln bald in pure Lebensfreude und münden in einem gesunden Respekt gegenüber den Naturkräften.

    Vertrauen zu haben und Extremsituationen zu meistern, gilt sicherlich auch am «Boden». Welche Situationen kommen Ihnen dabei spontan in den Sinn?
    Die politische Arbeit ist oftmals vergleichbar. Harte Verhandlungen und das Ringen um Kompromisse können mitunter durchaus schwierig sein. Aber das reizt mich. ■