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  • Michèle Graber: «Es ist ein Gebot der Stunde,  die weitere Zersiedelung zu verhindern»

    Michèle Graber: «Es ist ein Gebot der Stunde, die weitere Zersiedelung zu verhindern»

    Frau Graber, herzliche Gratulation zur Wahl zur Präsidentin von LuzernPlus. Was hat Sie bewogen, sich für das Amt zur Wahl zu stellen?
    Vielen Dank. Warum ich mich zur Wahl gestellt habe? Es waren die spannenden Herausforderungen, die mich gereizt haben. Ich möchte mich gerne vermehrt direkt für die prosperierende Weiterentwicklung unserer wunderschönen Region Luzern einsetzen.

    Wurden Sie für dieses Amt angefragt oder haben Sie sich hierfür «beworben»?
    Die interne Findungskommission für die Nachfolge von Pius Zängerle hat mich für das Amt angefragt. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Nach verschiedenen Gesprächsrunden bei der Findungskommission und dem Vorstand wurde ich schliesslich als Kandidatin der Delegiertenversammlung vorgeschlagen und einstimmig gewählt.

    Was sind Ihre Hauptaufgaben als Präsidentin?
    Das Präsidium von LuzernPlus ist für die strategische Führung des Gemeindeverbandes zuständig. Dazu werde ich vom Vorstand unterstützt. Auf operativer Ebene kann ich mich auf ein eingespieltes Team in der Geschäftsstelle verlassen.

    Seit dem 1. Januar 2020 präsidieren Sie den Gemeindeverband LuzernPlus. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten und Schwerpunkte?
    Die ersten Wochen möchte ich dazu nutzen, um mir einen guten Überblick zu verschaffen. Grundsätzlich ist es mir sehr wichtig, den regelmässigen Austausch mit unseren Gemeinden und Partnern zu pflegen und so für alle ein offenes Ohr zu haben. Als zentralen Punkt für unsere Region erachte ich die Weiterentwicklung des Durchgangsbahnhofs. Das ist aus meiner Sicht das wichtigste Infrastrukturprojekt der Region LuzernPlus für diese Generation.

    Es ist zu lesen, dass Sie als Kantonsrätin und Geschäftsführerin der GLP über grosse politische und strategische Erfahrung verfügen und gewohnt sind, im politischen Prozess geeignete Lösungen zu finden. Was heisst geeignete Lösungen?
    Ich vertrete seit mehreren Jahren die GLP im Luzerner Kantonsrat. Als Fraktionsvorsitzende einer kleinen Partei bin ich gefordert, Lösungen über die eigene Partei hinaus zu fördern. Für mich steht immer die Sache im Zentrum.

    Als Präsidentin möchten Sie die Siedlungs-, Landschafts- und Verkehrsentwicklung in der Region gemeinsam mit den 24 Gemeinden anpacken und damit zur Attraktivität der Region LuzernPlus beitragen. Wo setzen Sie hier die Prioritäten?
    Die Abstimmung von Siedlung und Verkehr ist ein zentraler Baustein unserer Entwicklung. Dazu gehört die Förderung von flächeneffizienten Verkehrsmitteln im urbanen Raum. Es ist ein Gebot der Stunde, die weitere Zersiedelung zu verhindern und beispielsweise die Zentren mit der Versorgung zu stärken. Das ist gelebter Klimaschutz. Als einen sehr wichtigen Teil in der Gestaltung von verdichteten Siedlungsgebieten erachte ich die Erhaltung und Erstellung von hochwertigen Angeboten an multifunktionalen Flächen, grosszügigen Begegnungszonen und attraktiven Grünanlagen.

    Sie sprechen auch von gemeindeübergreifenden Themen. Will heissen?
    Besonders die Fragen der Mobilität und der Energieversorgung enden nicht an den Gemeindegrenzen. LuzernPlus möchte diese Synergien noch stärker in den Vordergrund rücken. Hier sind wir alle gemeinsam gefordert.

    Ihr Vorgänger, Pius Zängerle sagte, dass das enorme Potenzial der Region LuzernPlus nur durch eine zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen den 24 Gemeinden möglich ist. Ist das nicht eine Herkulesaufgabe?
    Das ist wahrlich eine grosse Herausforderung. Ich glaube aber, dass LuzernPlus bisher verschiedene wichtige Meilensteine setzen konnte. So sind zum Beispiel die Gebietsmanagements, welche die Nahtstelle zwischen den Gemeinden, dem Kanton, der Wirtschaftsförderung und den Investoren bilden, schweizweit einzigartig. Wir werden die Gemeinden weiterhin unterstützen, Projekte gemeinsam zu entwickeln. Auf diesem Weg möchte ich gerne weiterfahren.

    Wie stark können Sie die Strategie respektive den Kurs von LuzernPlus prägen, beziehungsweise umsetzen?
    Ich möchte gerne meine Funktion dazu nutzen, die Gemeinsamkeiten herauszuschälen und diese Stärken zu stärken. Nur gemeinsam können wir den grossen zukünftigen Herausforderungen entgegentreten und gute Lösungen erarbeiten.

    Welches sind die Gemeinsamkeiten und was bedeutet es, diese herauszuschälen und zu stärken?
    Die Region LuzernPlus steht gemeinsam für die Realisierung des Durchgangsbahnhofs Luzern ein. Dieser bringt für die kommende Generation einen Meilenstein in der schienengebundenen Mobilität: einerseits für den Fernverkehr, andererseits aber auch für die S-Bahn Luzern. So wird die dringend notwendige Taktverdichtung im Regionalverkehr erst mit dem Durchgangsbahnhof Luzern möglich sein.

    Auch wollen Sie in Ihrem Amt zur Attraktivität der Region beitragen. Das ist ein allgemeiner Begriff. Können Sie etwas konkreter werden?
    Unsere Region bietet nicht nur das «Touristen-Luzern », wie es den meisten bekannt ist. Zu einer attraktiven Region gehören ausserdem eine nachhaltige Energieversorgung, vielfältige Freizeitmöglichkeiten und ein attraktives Kultur- und Sportangebot. Gerade was die Naherholung auch für uns Einheimische betrifft, sind wir sicherlich gut unterwegs – aber wir dürfen hier nicht stehen bleiben.

    Für Armin Camenzind, Geschäftsführer von LuzernPlus, zählt die Mobilität zu einem bedeutenden Standortfaktor, denn die Standortattraktivität hängt massgeblich von der Erreichbarkeit ab. Wie ist diese zu bewerkstelligen respektive was heisst optimale Erreichbarkeit?
    Die Erreichbarkeit unserer Region muss mit allen Verkehrsträgern möglich bleiben. Dazu gehört der Durchgangsbahnhof, aber auch das Gesamtsystem Bypass, welcher für das Strassennetz eine merkliche Entlastung geben dürfte. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Grossteil des öffentlichen Verkehrs auf der Strasse stattfindet. Hier hat für mich die konsequente Bevorzugung des Busverkehrs eine hohe Priorität. Als passionierte Velofahrerin ist aber ebenso die Nutzung des Velos wichtig. Das Miteinander von ÖV, dem motorisierten Individual- und Langsamverkehr macht es aus.

    Als Kantonsrätin der GLP machen Sie sich stark für eine gesunde Umwelt und florierende Wirtschaft und möchten diese in Einklang bringen. Sie bezeichnen diese als Lebensgrundlagen von morgen. Wie wollen Sie diese Bereiche unter einen Hut bringen?
    Die beiden Begriffe sind keineswegs Gegensätze: Energiestrategie, Klimaschutz und CO2-Gesetze bieten grosse Chancen für unsere Wirtschaft. Diese können durch wirksame und sozialverträgliche Lenkungsmassnahmen rasch und effizient genutzt werden. Damit werden viele Subventionen und Regulierungen überflüssig. Umweltbewusstes Handeln muss und kann sich für Unternehmen lohnen.

    Was heisst umweltbewusstes Handeln muss und kann sich für Unternehmen lohnen?
    Immer noch verschwenden wir sehr viel Energie, weil sie zu wenig kostet. Dabei ist die wertvollste Kilowattstunde diejenige, welche nicht verbraucht wird, denn diese muss nicht produziert, transportiert und gespeichert werden. Mit einem verursachergerechten Energiepreis würden Energieeffizienzmassnahmen endlich rentabel und längst vorhandene Cleantech-Lösungen würden umgesetzt. Investitionen in erneuerbare Energie sind bei einer Vollkostenrechnung der fossilen und atomaren Energie schon heute wirtschaftlich überlegen und lohnen sich. Auch der dringend nötige Umstieg auf eine umweltfreundliche Mobilität wird mit den richtigen Anreizen rasch folgen. Der Mensch und die Wirtschaft funktionieren nun mal so, dass er nur etwas ändert, wenn es sich für ihn lohnt.

    «Wir verschwenden sehr viel Energie, weil sie zu wenig kostet.»

    Sie führen unter anderem eine eigene Firma für Managementberatung. Wie gross wird Ihr Arbeitspensum als Präsidentin von LuzernPlus sein?
    Das Pensum als Präsidentin liegt bei knapp zwanzig Prozent, wobei sicherlich die erste Phase ein deutliches Mehr an Arbeit bringen wird. Ich freue mich auf mein neues Engagement.

    Worauf freuen Sie sich am meisten?
    Es sind die vielen neuen Themen, in welche ich mich am Einlesen bin. Sie sind sehr spannend. Dass LuzernPlus vernetzt, spüre ich bei der Lektüre der verschiedenen Dossiers immer wieder.

    Apropos Engagement: Sie sind seit 1997 Vorstandsmitglied der Fallschirmgruppe Titlis und seit 2013 deren Präsidentin. Wie sind Sie zum Fallschirmspringen gekommen und was bedeutet Ihnen dieser Sport?
    Zur Erstkommunion habe ich von meinem Götti – er war Flugbegleiter bei der damaligen Swissair – einen Flug von Zürich nach Genf geschenkt bekommen. Schon damals wäre ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen, um auf den Wolken spazieren zu können. Als Zwanzigjährige habe ich meinen ersten Fallschirmsprung verwirklicht. Fasst dreissig Jahre lang habe ich meine Passion für das Fallschirmspringen gelebt. Dies zum Teil sehr intensiv als Wettkämpferin und Fallschirmsprunglehrerin. Nur «auf den Wolken spazieren zu können» hat nicht geklappt (lacht).

    Zählt Fallschirmspringen – nebst Biken und Langlaufen – noch heute zu Ihren Hobbys?
    Nein, das aktive Springen habe ich aufgegeben. Mein letzter Sprung war vor eineinhalb Jahren.

    Oft hört man von Fallschirmspringern, dass es das Gefühl der absoluten Freiheit, der Adrenalinkick und Nervenkitzel ist, was die Faszination ausmacht. Ist dem so?
    Die grosse Faszination waren für mich die freien, aber auch sehr kontrollierten Bewegungen im dreidimensionalen Raum. Als Fallschirmsprunginstruktorin ist es sehr bereichernd, den Lernenden ihre Angst vor dem Neuen zu nehmen und ihnen das Vertrauen zu geben, dass sie die Extremsituationen sicher meistern können. Der Nervenkitzel und Adrenalinkick wechseln bald in pure Lebensfreude und münden in einem gesunden Respekt gegenüber den Naturkräften.

    Vertrauen zu haben und Extremsituationen zu meistern, gilt sicherlich auch am «Boden». Welche Situationen kommen Ihnen dabei spontan in den Sinn?
    Die politische Arbeit ist oftmals vergleichbar. Harte Verhandlungen und das Ringen um Kompromisse können mitunter durchaus schwierig sein. Aber das reizt mich. ■

  • Stefan Kurath: «Bei Arealentwicklungen ist  diplomatisches Verhandlungsgeschick nötig»

    Stefan Kurath: «Bei Arealentwicklungen ist diplomatisches Verhandlungsgeschick nötig»

    Herr Kurath, das 2014 in Kraft getretene revidierte Raumplanungsgesetz schiebt dem Wachstum in die Fläche einen Riegel vor und fordert die Entwicklung nach innen. Das heisst?
    Arealentwicklungen finden zukünftig in einem gebauten Kontext mit vielen Akteuren und noch mehr Anforderungen statt. Planungsbehörden und Grundeigentümer müssen damit umgehen können. Es braucht eine klare Strategie der Mitwirkung. Das macht das Vorgehen komplizierter und erfordert auch Diplomatie.

    «Es braucht eine klare Strategie der Mitwirkung.»


    Wie viele Industriebachen sind aktuell in der Schweiz vorhanden?
    Gemäss Bundesamt für Raumentwicklung sind zahlreiche ungenutzte Areale ab einer Grösse von 10 000 Quadratmetern mittlerweile zwischen- oder umgenutzt worden. Dass das Potenzial für die Revitalisierung von Brachen ungebrochen ist, zeigt der Entwicklungsatlas von Wüest Partner. Dieser listete 2018 über 700 Areale auf, die aufgrund von Fläche und Gestaltungsoptionen attraktiv sind. Doch die funktionale wie wirtschaftliche und ökologische Aufwertung von Arealen ist anspruchsvoll, denn jede Entwicklung ist ein Einzelfall. Alle Phasen in einem Revitalisierungsprozess können lange dauern.

    Warum?
    Die Gründe hierfür sind vielfältig. Auch wenn Makro- und Mikrolage erfolgsversprechend sind, können Altlasten, Denkmalschutzauflagen, ungünstige Bauökonomie sowie behördlicher oder privater Widerstand eine Umnutzung kompliziert machen. Dennoch besitzen Arealentwicklungen gute Erfolgschancen.

    Worauf beruhen diese Erfolgschancen?
    Befindet sich das Areal in einem Gebiet mit einer expandierenden Wirtschaft sind die Erfolgschancen einer Transformation gross. In der Schweiz gibt es zahlreiche Projekte, die das belegen. An Standorten mit Bevölkerungswachstum sorgen innovative Projekte für den benötigten Wohnraum. Liegt eine Industriebrache standortmässig günstig, stellen diese in unterschiedlichen Formen auch eine bedeutende Nutzugsreserve dar. Hinzu kommt, dass die Umnutzung der bebauten Entwicklungsflächen Wohnraum für 288 000 Personen bieten würde und zusätzlich sich 257 000 Arbeitsplätze realisieren liessen.

    Immer wieder hört man, das Arealentwicklung eine sinnvolle Wertschöpfung ist. Was ist darunter zu verstehen?
    Insbesondere ältere Industrie- und Gewerbeareale liegen mittlerweile zentral gelegen in den Stadt- und Siedlungsgebieten. Städtebaulich macht es Sinn, diese zu entwickeln und neuen Nutzungen zukommen zu lassen und so neue Entwicklungsimpulse für die umgebenden Stadträume zu geben. Wir können da von einer städtebaulichen Wertschöpfung sprechen. Natürlich werden auch die Eigentümer wirtschaftliche Wertschöpfung betreiben können bei entsprechender Nachfrage.

    Gibt es eine Art Leitfaden für eine Arealentwicklung? Wenn ja, wie sieht dieser aus?
    Idealerweise versucht man, die städtebaulichen und gesellschaftlichen Alleinstellungsmerkmale eines Areals herauszuarbeiten und zu stärken, indem man sie massgeschneidert anreichert. Wichtiger als auf andere Arealentwicklungen zu schauen, ist es also, Experimente zu wagen und möglichst viele von der Transformation betroffenen Akteure mit auf den Weg zu nehmen.

    Warum sind urbane Lebensqualitäten mehr denn je gefragt?
    Drei Viertel der Menschen in der Schweiz wohnt und arbeitet in Städten oder Gemeinden der städtischen Agglomerationen. Der Trend ist ungebrochen, und die Siedlungsfläche dehnt sich immer weiter aus. Um dem entgegen zu wirken, wird eine Siedlungsentwicklung nach innen angestrebt.

    Die Nachhaltigkeit spielt sicherlich auch bei Arealentwicklungen eine wichtige Rolle.
    Unbedingt. Egal, welche Ziele Investoren mit einer Entwicklungsfläche anstreben möchten, eines haben alle Projekte gemeinsam: Der Erfolg hängt nicht nur von Faktoren wie Rentabilität, zentrale Lage im urbanen Umfeld, gute Verkehrsanbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Vermarktungspotenzial ab.

    Sondern?
    Immer mehr Menschen streben auch ökologische wie gesellschaftliche Nachhaltigkeit an. Das geschieht zum Beispiel an Orten, die vielfältige und veränderbare Lebens- und Nutzungsformen erlauben. Wenn brachliegende Areale als Wirtschaftsstandorte neu entwickelt werden sollen, dürfen die sich in den Lebensstilen widerspiegelnden Bedürfnisse nicht vernachlässigt werden. Dazu gehört auch eine gute soziale und funktionale Durchmischung. Die Umsetzung dieser Attribute trägt zu einem positiven Gesamt­image bei.


    Das Attisholz-Areal im solothurnischen Riedholz ist eine der grössten Industriebrachen der Schweiz. Die Transformation soll 2045 abgeschlossen sein. Ist vorhersehbar, wie die Menschen in 25 Jahren leben möchten?
    Man kann alle die städtebaulichen Strukturen sukzessive stärken und aufrüsten, die bereits die letzten hundert Jahre den gesellschaftlichen Wandel überdauert haben und auch die nächsten hundert Jahre überdauern sollen. Das nenne ich das städtebauliche Grundgerüst. Inwieweit das Areal sich aber tatsächlich entwickelt oder stagniert, basiert auf Wachstums- oder Schrumpfungsprozessen. Welche Bedürfnisse die zukünftigen Bewohner haben werden, steht in den Sternen. Architektur und Städtebau bedeutet auch weniger vorauszusagen wie etwas wird, als vielmehr Strukturen zu entwerfen, die zukünftige Ereignisse ermöglichen, von denen wir heute nicht wissen, wie sie sein werden. Die Bauten mit Nutzungsangeboten können verfeinert werden, wenn sich die Entwicklungsperspektive auf zwei Jahre verkürzt hat.

    Welches sind gute Beispiele, bei denen die Bevölkerung mitreden konnte?
    Zum Beispiel das Sulzer-Areal in Winterthur. Durch Aktivitäten während der Transformation gelang es besonders im Lagerplatz-Areal, die Beziehungen und Bindungen zum Quartier aufrecht zu erhalten. Mittels guter Angebote fürs Gewerbe und Wohnen wurde ein relativ stabiles Quartierleben erreicht, das weiter transformiert wird. Und bei der Überbauung Kalkbreite in Zürich wurden bereits vor dem Bau Kollektivgärten realisiert und dadurch die Verbundenheit zum Ort gestärkt. Die Nachbarschaft wird belebt, wenn Freiräume bereits während der Bauphase bespielt werden. Eine weitere Möglichkeit von Arealentwicklung sehe ich mit «Sihlcity», der ehemaligen «Zürcher Papierfabrik an der Sihl», welches 2007 als erstes Urban Entertainment Center, inklusive einem Hotel, eröffnet wurde.

    Was macht «Sihlcity» speziell?
    Vom früheren Gebäudekomplex auf dem Areal blieben vier Bauten erhalten, die als Zeitzeugen an ein Stück Zürcher Geschichte erinnern. Mit dem Bikepark gibt es zudem Freizeitmöglichkeiten für alle, die nicht an Konsum gebunden sind – und das Sihlufer bietet Erholung. Das Nebeneinander dieser sehr unterschiedlichen Angebote, die gute Verkehrs­erschliessung und Dichte ist wohl ein Erfolgsfaktor.

    Gilt die Schweiz eigentlich als Vorzeigeland in Sachen Arealentwicklung? Wenn ja, warum?
    Die Deindustrialisierung hat in der Schweiz früh eingesetzt, und die Kapitalflüsse haben es ermöglicht, umfassende Massnahmen zu ergreifen und die Arealentwicklungen ganzheitlich in Angriff zu nehmen. Die Schweiz hat hinsichtlich der Entwicklung von Arealen eine relativ grosse Kontinuität, und Gebiete wie Zürich West oder Neu Oerlikon haben in den 1990ern und 2000ern viel Aufmerksamkeit erweckt.

    Noch ein Blick über die Grenzen hinaus. Welche Arealentwicklungen im nahen Ausland dienen Ihnen als Vorbild und warum?
    Grosse Arealentwicklungen haben vor allem in den ehemaligen Häfen grosser Städte stattgefunden. So haben sich in den 1990ern in Amsterdam die zentralen Hafenanlagen zu grossen Wohnquartieren und vollwertigen Stadtteilen entwickelt. In Hamburg hat die Transformation des Hafens zur «HafenCity» viel Aufmerksamkeit erweckt, insbesondere auch mit der Elbphilharmonie der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. In Antwerpen ist die Transformation des Hafens noch in vollem Gange. Auch hier geht es um die Öffnung ehemaliger Hafen-, Lager- und Arbeitsplatzgebiete für Wohnbauten, kulturelle Einrichtungen, Naherholungsgebiete und Ausbilden von neuen Wasserfronten und Stadtsilhouetten. ■

  • Das höchste Holzhochhaus in der Schweiz

    Das höchste Holzhochhaus in der Schweiz

    Das höchste Holzhochhaus der Schweiz soll achtzig Meter hoch werden und stelle ökologische wie soziale Nachhaltigkeit ins Zentrum, schreibt Implenia in einer Mitteilung. Mit dem Projekt «Pi» möchte die V-Zug preisgünstige Wohnungen für ihre Mitarbeitenden erstellen, die auch dem Wunsch nach urbanem Wohnen und individuellen Lebensformen gerecht werden. Angestrebt werden sozial durchmischte Nachbarschaften. Das heisst, dass man das Zusammenleben mit geschossweise geclusterten Begegnungsorten und Gemeinschaftsräumen fördern möchte. In einer Gesamtleistungsstudie überzeugte das Team von Duplex Architekten aus Zürich mit WaltGalmarini und Implenia, welches als Siegerprojekt erkoren wurde.

    Das vom Duplex-Team geplante Gebäude weist 27 Geschosse mit insgesamt 199 Wohnungen auf. Nach jeweils sechs Geschossen überragt das nächstfolgende das darunterliegende, so wächst das Hochhaus etwas in die Breite. Im Gebäude werden verschiedene Wohnungstypen realisiert: So soll jeweils eine dreigeschossige «Piazza» das Zusammenleben der Bewohner fördern. Dabei entstehen geschossübergreifende «Nachbarschaften» von 20 bis 24 Wohnungen des gleichen Typs.

    Rahmentragwerk aus Buchenholz
    Beim Bau wird der Rohstoff Holz mit bewährten Bauweisen kombiniert. Mit einem äusseren und inneren Rahmentragwerk – einem sogenannten Tube-in-Tube-System – wird eine grosse Spannweite und grosse Flexibilität in der Grundrissgestaltung erreicht, betonen die Projektverantwortlichen. Ein lineares, sichtbar bleibendes Holzrahmentragwerk stabilisiert das Hochhaus.

    «Die neu entwickelten Holz-Beton-Ver­bunddecken haben die gleiche Konstruktionsstärke wie herkömmliche Beton­decken, sind aber wesentlich leichter und erzeugen in der Herstellung bedeutend geringere Treibhausgasemissionen», sagt
    Anita Eckardt, Leiterin Division Spezialitäten bei Implenia. Bei dem Bauvorhaben versuche man zudem, Baustoffe mit hohen CO2-Emissionen in der Tragstruktur und den Innenräumen durch Holz zu ersetzen. Von aussen wird viel Keramik und Glas zu sehen sein. Durch Photovoltaikmodule in der Fassade soll das Gebäude zum Energieproduzenten werden und einen Teil seines Strombedarfs selbst decken. Erneuerbare Wärme und Kälte aus dem Boden sowie dem Zugersee versorgen das Gebäude zusätzlich energetisch. Die ökologische Nachhaltigkeit soll auch später im Betrieb gewährleistet werden.

    In einem nächsten Schritt wird ein Bebauungsplan für das Geviert Baarer-, Göbli-, Industrie- und Mattenstrasse erarbeitet. Läuft alles nach Plan, soll mit dem Bau Ende 2021 gestartet werden. Die Fertigstellung ist auf 2024 vorgesehen. Das Holzhochhaus bildet auch den Auftakt für die Entwicklung eines Tech Clusters Zug auf dem Stammareal der V-Zug. ■